Passion mal anders

Telemanns „Seliges Erwägen“
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Es lohnt sich unbedingt, dieses Oratorium kennenzulernen, das einzige, zu dem Telemann auch den Text geschrieben hat.

Dass man mit der wunderbaren Natalie Merchant mühelos zehn CDs zubringen kann, wie es der werte Kollege Udo Feist mutmaßt , ist wahr. Das gilt aber auf jeden Fall auch für Georg Philipp Telemann (1681–1767), der sich sein Jubiläumsjahr (dem Gedenken an seinen 250. Todestag) zwar mit „500 Jahre Reformation“ teilen muss, der aber trotzdem zumindest im Kreis der Eingeweihten gebührend gefeiert wird. Hingewiesen sei auf das große Hamburger Telemann-Festival des Norddeutschen Rundfunks ab Ende November. Dort kann man das Werk, um das es hier geht, am 1. Dezember mit dem Freiburger Barockorchester und erlesenen Vokalsolisten „live“ hören.

Telemanns Passionsoratorium „Seliges Erwägen des bittern Leidens und Sterbens Jesu Christi“ war ein Phänomen: 1722 zum ersten Male aufgeführt, gehörte es bis weit über Telemanns Tod hinaus zu den absoluten Hits. Jede Saison wollten es die Hamburger hören, meistens gleich mehrmals. Zwar geriet Telemanns Musik schon bald nach seinem Tode aus der Mode und wurde kaum gespielt, das „Selige Erwägen“ war eine Ausnahme. Bis etwa 1800 wurde es in Hamburg und auch in anderen deutschen Städten aufgeführt. Dabei schuf Telemann, dieser fleißige und schier unendlich einfallsreiche Komponist, in fast jedem seiner Hamburger Jahre seit 1722 eine neue Passion. An das „Selige Erwägen“ kam in der Publikumsgunst aber keines heran.

Warum das so ist, wo doch eigentlich alle Telemann-Passionen von berückender und heute leider meist verkannter Schönheit sind, bleibt ein Geheimnis. Aber es lohnt sich unbedingt, dieses Oratorium kennenzulernen, das einzige, zu dem Telemann auch den Text geschrieben hat. Zumal es seit 2004 diese wunderbare Aufnahme gibt, die vergriffen war, aber dankenswerterweise wieder aufgelegt wurde. Sie bietet die Fülle Telemannscher Klangkunst in Arien, Accompagnato-Rezitativen und schlicht-schönen Chorälen – man will es wieder und wieder hören …

Die beiden CDs sind wie die meisten Telemannwerke (eigentlich eine Schande!) spottbillig im Handel erhältlich (zum Beispiel bei jpc). Was aber einzigartig ist: Es gibt ein Buch mit den Vorträgen einer wissenschaftlichen Tagung, die sich 2004 nach allen Regeln der Kunst mit diesem Werk Telemanns auseinandersetzten, und dieses Buch enthält überdies auch das Libretto, das im Booklet der Billig-CD leider keinen Platz mehr fand. Insofern: Einfach neben der CD auch das Buch kaufen, auf das unten verwiesen sei, denn einen besseren geistig-geistlichen Einstieg in die Welt Telemann’scher Passionsmusik und damit in eine Alternative zur zeitweise freudlosen Austerität Bach’scher Passionsmusik gibt es nicht.

Martina Falletta, Annette Mehlhorn, Ulrich Siegele (Hg.): Georg Philipp Telemanns Passionsoratorium „Seliges Erwägen“ zwischen lutherischer Orthodoxie und Aufklärung. Haag + Herchen Verlag, Hanau 2004, 240 Seiten, Euro 24,–.

Reinhard Mawick

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