Zarte Versuchung

Loyle Carners erstes Album
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Organisch unterlegt mit entspannten Beats und leichten loungigen Jazzsamples ist das eine der zartesten Versuchungen, seit Rap-Dichter mit Sprechrhythmen, Reimen und Erzählungen faszinieren.

HipHop kann widerwärtig sein, rassistisch, sexistisch, gewaltverherrlichend, in Gestus und Botschaft kriminell. Man sehe sich nur mal Videos von 18 Karat an, jüngst am Dortmunder Rapper-Krieg beteiligtes Chauvi-Großmaul. Dummheit, so selbsterklärend wie abstoßend – und erfolgreich, was kaum überrascht in einer Welt, in der sich Herren wie „grab her by the pussy“–Trump oder Sakro-Macho, Freiheitsschänder, Staatsterrorist und Verleumder Erdogan unverhohlen perfide spreizen können, um nur mal welche aus dem Kreis uns derzeit Verbündeter zu bemühen. Da tut es unendlich gut, nun das ganz Andere zu hören: „Yesterday’s Gone“, das Albumdebut von Loyle Carner, Rapper und Reimeschmied aus Süd-London, der bürgerlich Benjamin Gerard Coyle-Larner heißt und Spoken-Word-Dichterin Kate Tempest nahesteht. Sein Flow ist persönlich und sehr angenehm. Organisch unterlegt mit entspannten Beats und leichten loungigen Jazzsamples ist das eine der zartesten Versuchungen, seit Rap-Dichter mit Sprechrhythmen, Reimen und Erzählungen faszinieren. Es geht um Alltag, Nachbarn, Freunde. Verbindlich sein, ehrlich, angreifbar, verletzlich, offen, nicht großsprecherisch. Um Nähe, Verlust, Abschied, Verlässlichkeit und viel um Familie. Menschen, auf die man setzen kann, und um das Leben, das weitergeht.

Loyle Carner ist wohltuend nachdenklich, und das tut gut. Es macht Lust, ihm zuzuhören, schon allein klanglich, und dem, was ihn umtreibt. Opener „The Isle of Arran“ weckt bei Whiskykennern wohlige Assoziationen, doch es geht um Carners Großvater, der im schottischen Norden lebte und ihm wichtig war. Den aufwühlenden Sound bestimmt ein Sample aus dem Song „The Lord Will Make A Way“ in der Aufnahme eines Londoner Gospel-Jugendchores, und das, obwohl Carner nichts von Gott erwartet. Doch es passt hervorragend. Die Klammer dazu bildet das das Album abschließende „Sun of Jean (Ft. Mum and Dad)“ mit den Stimmen seiner Mutter und seines unlängst verstorbenen Stiefvaters, der ihm viel bedeutet hat. Jener ist am Ende mit seinem Song „Yesterday’s Gone“ zu hören. Doch traurig ist das Album nicht, vielmehr eine Begegnung, über die man froh ist und bleibt.

Es gibt: Herrlich verschleppte Beats, Clap- und Tamburin-Akzente, die prägnant zuspitzen; Gesprächsaufnahmen, die im Familienreihenhaus willkommen heißen oder zu Freunden mitnehmen, und starke Gastsänger; Sounds und Samples mit viel Geschmack; ein Gedicht, das Carners herrlichen Flow pur a cappella erleben lässt, und mit „NO CD (Ft. Rebel Kleff)“ sogar einen Kracher, der auf funkiger Basslinie und mit einem Gitarren-Rockriff Druck macht. Ein Vergnügen, diesen 22-Jährigen kennenzulernen, dessen Musik in Kaffeebars, Clubs und bei Leuten, die nachdenken, gleichermaßen willkommen ist: Glaubwürdig, sympathisch und von ‚Pussy‘-Trump und ‚Nazi‘-Erdogan, die draußen Verstand, Herz und Moral beleidigend weiter toben, so bedrängt wie man selbst.

Udo Feist

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