Nur Gewinner

Vivaldis Doppelkonzerte
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Da geben sich zwei virtuos die Kante, riskieren komplex eine dicke Lippe und verteilen saitenweise Auf- und Abstriche per eccellenza.

Antonio Vivaldi (1678–1741), Johann Sebastian Bachs eigenwilliger venezianischer Bruder und der Großmeister des klingenden Theaters, hat wie mit seinen „Le quattro stagioni“ auch mit den furiosen Doppelkonzerten Musikgeschichte geschrieben. Nachdem die Akademie für Alte Musik 2007 mit einer grandiosen Einspielung eine neue Hellhörigkeit für dieses, opulente Reize ausspielende Genre erregte, vermag Gli Incogniti – quasi Kammerensemble der nächsten Generation – nun mit sechs weiteren Doppelkonzerten gleiches: Sie legen die schillernde Gefallsucht bei gleichzeitiger muskalischer Wollust und Hinterlist der scheinbar ausgelassen agierenden musikalischen Kontrahenten dieser klingenden Vivaldi-Duelle so virtuos aufs Ohr, als wäre es der Gaumen. Geschmeidig wie ein junger Trebbiano Veneto blitzt und fließt und tropft und schießt das Allegro proseccogleich im einleitenden C-Dur RV 507; zögerlich weich und nahe an der Nacht wie ein Amarone schweben wolkenschwer die Largo-Sätze, allen voran das im c-moll RV 510.

Was geht da vor sich? Und wie geht das? Da geben sich zwei virtuos die Kante, riskieren komplex eine dicke Lippe und verteilen saitenweise Auf- und Abstriche per eccellenza. Künstlerische wohlgemerkt. Die eine legt vor, der andere nach. Manchmal äffen sie einander nach, manchmal suchen sie einander zu übertreffen, manchmal gewähren sie einander die Gnade des löblichen Vortritts. Und manchmal scheint es, als reichten sie einander Blumen, ganz um derer selbst willen. Eine Pose übertrifft die andere. Und alles spielen mit makellosem Bogen in berückend barockem Goldgelb rotzig und liebkosend, Amadine Beyer und Giuliano Carmignola. Man muss nicht die künstlerischen Biografien dieser beiden Ausnahmeviolinisten bemühen, um ihre stilistische Kennerschaft und technische Virtuosität zu unterstreichen, die einem hier in klingender Symbiose zuteilwird. Da bleiben keine Wünsche offen. Denn alles, was Gegenspiel ist, ist ja in Wirklichkeit ein gemeinsames, ein Geben und Nehmen, ein Fangen und Werfen, ein Zurufen und Hinhören, ein Hinhören und Antworten, wie es das Allegro molto des abschließenden D-Dur RV 513 beispielhaft zelebriert.

So ist der Vivaldi dieser CD kein Kampf um eine Mitte, er ist die Mitte selbst. Und so hat dieser auskomponierte Wettkampf, ein wahrer certamen violinensis, auch keinen Sieger – er kennt gar keinen. Er hat in der fulminanten Farbigkeit und atemlos verzaubernden, zärtlich-exzentrischen Spielfreude nur Gewinner: Giuliano Carmignola, Amadine Beyer und Gli Incogniti.

Klaus-Martin Bresgott

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