Penibel

Über die Kultur des Westens
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Hat sich das so genannte westliche Denken vor allem in Auseinandersetzung mit und Ablehnung des spätantiken „jüdischen“ Denkens herausgebildet?

Die Geschichte menschenfeindlichen Ungeistes unterscheidet zwischen kirchlichem „Antijudaismus“, auf den dann spätestens seit dem Zeitalter der Aufklärung ein quasi naturwissenschaftliches Weltbild, der rassistische „Antisemitismus“ folgte.

Nun will der in Chicago lehrende und forschende Historiker David Nirenberg in einem soeben erschienenen Buch "Antijudaismus. Eine andere Geschichte des westlichen Denkens" nachweisen, dass wesentliche Strömungen „westlichen“ Denkens schon im Ansatz judenfeindlich sind – etwa der moderne, mit Edmund Burke einsetzende Konservativismus. Bekanntlich wollte Burke – in dieser und nur in dieser Hinsicht ein Vorläufer Hannah Arendts – zeigen, dass die Menschenrechte, sofern sie weniger als die Rechte eines der Bürger eines realen Staates sind, ihren Namen nicht verdienen. Bekanntlich war Edmund Burke einer der schärfsten zeitgenössischen Kritiker der Französischen Revolution. „Wir müssen deshalb fragen“, so Nirenberg, „warum verstand – oder zumindest, warum kritisierte – Burke die Revolution, in solchen jüdischen Begriffen?“ Tatsächlich hatte Edmund Burke die Prediger der französischen Revolution als „schmutzige (im Original hieß es: „jüdische“) Geldmakler“ beschrieben, die miteinander wetteiferten, „wer das Elend und den Verfall, worin sie ihr Vaterland durch verderblich Ratschläge gestürzt hatten, mit falscher Münze und nichtswürdigen Papieren am besten würde heilen können.“ Nirenbergs Kritik, die Burke des Antisemitismus zeiht, verwundert deshalb, weil dieser Autor in seiner quellengesättigten "Anderen Geschichte des westlichen Denkens" ansonsten darauf besteht, strikt zwischen „Antijudaismus“ und modernem Rassenantisemitismus zu unterscheiden. Nirenberg, der sich als Erforscher der „Intellectual History“ vor allem mit den Beziehungen von Juden, Christen und Muslimen im Mittelalter befasst, beabsichtigt mit seinem neuen Buch nicht weniger, als nachzuweisen, dass sich das so genannte westliche Denken vor allem in Auseinandersetzung mit und Ablehnung des spätantiken „jüdischen“ Denkens herausgebildet habe. Um diesen Nachweis zu führen, schlägt Nirenberg einen weiten, stets penibel recherchierten Bogen von der paganen Antike über die frühe Kirche, von der Stellung der Juden im christlichen Mittelalter bis zur Reformation, von Aufklärung und idealistischer Philosophie bis zu Karl Marx‘ historischem Materialismus.

Dabei zeigt sich, dass das, was Nirenberg als „Antijudaismus“ bezeichnet, wesentlich den Überlegungen und Argumentationen vor allem griechischsprachiger, später lateinischer Autoren, etwa des Kirchenvaters Augustinus entstammt – Argumentationen, die sich immer wieder auf den Apostel Paulus beziehen, der damit zum Ursprung des Antijudaismus wird. War es doch der Völkerapostel Paulus, der den zu bekehrenden Heiden die Juden als „Feinde(n) um Euretwillen“ nahegebracht hatte. In seinen Analysen der Briefe des Apostels stellt Nirenberg dabei ganz richtig fest, dass Paulus – anders als ihn später die Gnostiker verstehen wollten – keineswegs ein radikaler, wohl aber ein „gemäßigter“ Dualist war, für den die „falsche Aufmerksamkeit“, so Nirenberg „für die Welt von Gesetz, Buchstabe und Fleisch von großer, sogar tödlicher Gefahr“ gewesen seien. Seine ähnlich vorgehenden Untersuchungen der Evangelien übergehen indes alle das systematische Problem, ob es jenes Judentum, gegen das sich Paulus und die Evangelisten, und der spätere westliche Antijudaismus angeblich gewendet hatten, in der gemeinten, beschworenen Form im augusteischen Zeitalter überhaupt schon gegeben hat. Dann aber zeigt sich, dass der Autor jenen „Antijudaismus“, den er als systematischen Grundzug des westlichen Denkens nachweisen will, bereits voraussetzt. So übergeht er den Umstand, dass auch das im engeren Sinne „jüdische“, also doch antike/spätantike rabbinische Denken, gegen das sich das Christentum profilierte, stark – wie vor allem Daniel Boyarin gezeigt hat – von griechischen Denkfiguren geprägt war.

Indem Nirenberg eine vergleichsweise starre Gegensätzlichkeit von „griechischem“ und „jüdischem“ Denken postuliert, nimmt er das Ergebnis seiner Untersuchungen von Anfang an vorweg und übergeht alle Forschungen, die im Judentum selbst Züge griechischen Denkens nachgewiesen haben; ganz zu schweigen davon, dass für jüdische Gemeinschaften in der Antike die griechische Septuaginta vermutlich von größerer Bedeutung war als die, erst Jahrhunderte später akzeptierte, masoretische hebräische Bibel. In den letzten Abschnitten seiner Studie geht Nirenberg der Frage nach, ob und – wenn ja – in welchem Ausmaß dieses antijüdische westliche Denken mit zum Holocaust geführt habe, ohne es doch als monokausale Ursache zu benennen: „Ich glaube aber,“, so Nirenberg abschließend, „dass ohne diese tiefe Ideengeschichte der Holocaust unvorstellbar war und unerklärlich ist... Die ‚jüdischen‘ Ängste, die Deutschland und viele seiner Nachbarn in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts heimsuchten, (...) waren vielmehr die Folge einer Geschichte, die die Bedrohung durch das Judentum in einige Grundmuster des westlichen Denkens eingeschrieben hatte, dieser Bedrohung in jedem Zeitalter eine neue Form gab und viel zu vielen Bürgern des 20. Jahrhunderts bei der Deutung ihrer Welt half.“

David Nirenberg: Antijudaismus. C. H. Beck Verlag, München 2015, 587 Seiten, Euro 39,95.

Micha Brumlik

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