Zwischenbilanz

Geschichte des Baptismus
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Mit dem vorliegenden Band ist den Herausgebern eine Zwischenbilanz der historischen Forschung über den Baptismus und zugleich ein Einblick in die internationale Kirchengeschichte, wie sie hierzulande viel zu wenig Beachtung findet, gelungen.

Geschichte und Entwicklung kleinerer Kirchen stehen nur selten im Fokus einer (deutschen) Kirchengeschichtsschreibung. Diese hat lange unter "Verkürzungen" gelitten, wie etwa unter der Konzentration auf "offizielles Kirchentum" (Erich Geldbach). Mit dem vorliegenden Band ist den Herausgebern eine Zwischenbilanz der historischen Forschung über den Baptismus und zugleich ein Einblick in die internationale Kirchengeschichte, wie sie hierzulande viel zu wenig Beachtung findet, gelungen. Hinzu kommt, so Herausgeberin Andrea Strübind im Vorwort: "Baptisten tun sich schwer, in der eigenen Geschichte und Tradition den Wert zu erkennen, der darin liegt." Das hängt mit der besonderen Autonomie der einzelnen Gemeinden im Selbstverständnis des Baptismus zusammen, dessen erste Gemeinde in Deutschland vor 178 Jahren gegründet wurde: Die Autonomie einer Gemeinde als Zusammenschluss mit eigenem Bundesschluss hat höchste Priorität.

Und so bewertet Karen E. Smith in ihrem Beitrag diese "föderaltheologische Konzeption", bei der jede einzelne Gemeinde als berufene Gemeinschaft mit Christus gilt, als den wesentlichen Kern. Damit verbunden seien sowohl das Verständnis der Taufe als Ritual der bewusst individuellen Eingliederung in den "Bund" als auch das Bekenntnis der Zugehörigkeit zu einer größeren Gemeinschaft.

Andrea Strübind vertritt in ihrem Beitrag auf Grundlage neuer Quellen entgegen der bisherigen Sicht die These, dass die Entstehung des deutschen Baptismus sehr wohl eng mit internationalen Entwicklungen und Einflüssen verknüpft gewesen sei. Dabei müsse auch die Rolle des Gründervaters Johann Gerhard Oncken neu bedacht werden.

Die Historie des Baptismus reicht in Vielfalt und Wirkung viel weiter zurück, als hierzulande bekannt ist. Dies zeigen die Beiträge von John H. Y. Briggs über die Ursprünge im separatistischen Puritanismus Englands im 16. Jahrhundert, über die Geschichte des vielfältig wirksamen Baptismus in Nordamerika (William H. Brackney) sowie die äußerst spannenden Schilderungen des schwarzen Baptismus und seiner Wirkungsgeschichte im afrikanischen Kontext (Erich Geldbach, Sandy Dwayne Martin). In den USA sind die Baptisten heute die mit Abstand größte Kirchengemeinschaft unter den Protestanten, und Martin Luther King ist seine wohl bekannteste Persönlichkeit.

Seit langem befindet sich der Baptismus in immer wieder aufwühlenden Prozessen der Auseinandersetzung um zentrale Aspekte der Identität: War es in den USA bis ins 20. Jahrhundert hinein der Streit um die Abschaffung der Sklaverei, so ist es aktuell in Deutschland die Frage der Öffnung und des Dialogs mit ökumenischen Partnern.

Aus der Geschichte sollte man bekanntlich lernen. Die Annahme des Christentums in seiner baptistischen Variante durch die schwarze Bevölkerung als Prozess wechselseitiger Inkulturation beschreibt Erich Geldbach als ein erstaunliches Phänomen, da zunächst die "Religion der Peiniger" angenommen, entideologisiert und in eine Geschichte der Befreiung transformiert werden musste.

Die konsequent gedachte baptistische Auffassung von Religionsfreiheit kann zu der Frage führen, ob die staatliche Intervention in die inneren Angelegenheiten einer Religionsgemeinschaft wie des Islam durch staatlich-islamische Fakultäten nicht eine Grenzüberschreitung darstellt, wie Martin Rothkegel am Ende seines Beitrages über den starken Einfluss des Baptismus auf die Debatten um Religionsfreiheit in Nordamerika anmerkt. Einige der jüngsten bilateralen Dialog-Prozesse des Baptismus auf globaler, europäischer und deutscher Ebene wie mit der lutherischen Kirche in Bayern zeichnet Uwe Swarat in seinem Beitrag nach.

Es wird anschaulich, wo die Knackpunkte der Gespräche liegen: Es geht dabei um die gegenseitige Anerkennung der Erwachsenen- und Säuglingstaufe sowie um die Frage der Amts-Sukzession. Swarat hält fest, dass eine "vertiefende Fortsetzung" der Gespräche dringender sei, als die Verfasser der Dialogberichte wahrhaben wollten - eine Feststellung, die im Blick auf die notwendigen Prozesse interkonfessioneller und interreligiöser Verständigung unterstrichen werden muss.

Andrea Strübind/Martin Rothkegel: Baptismus: Geschichte und Gegenwart. Vandenhoeck & Ruprecht Verlag, Göttingen 2012, 258 Seiten, Euro 39,99.

Peter Noss

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