Ein zerbrochener Spiegel

Die Frage nach dem Sinn der Geschichte: Alles nur Gleichnisse
Wem ein Splitter des zerbrochenen Spiegels ins Herz dringt – Aufführung von „Die Schneekönigin“ an der Komischen Oper Berlin 2010. Foto: Freese/drama-berlin.de
Wem ein Splitter des zerbrochenen Spiegels ins Herz dringt – Aufführung von „Die Schneekönigin“ an der Komischen Oper Berlin 2010. Foto: Freese/drama-berlin.de
Die geschichtsphilosophische Frage nach einem Sinn der Geschichte hat heute, so scheint es, nur noch antiquarischen Wert. Doch ist sie damit wirklich tot und begraben? Helmut Kremers erinnert an einige Antwort-Altertümer - im Bewusstsein, dass jederzeit neue Antworten neue Utopien und Ungeheuer gebären können.

Hat die Geschichte einen Sinn? Dieses ewige Auf und Ab, die ewigen Kriege, das massenhafte Sterben, ob auf Stroh oder dem Richtblock, in der Intensivstation oder auf dem Schlachtfeld? Gibt es überhaupt einen Anfang, wenn wir an Adams Rippe nicht mehr wörtlich glauben, wenn immer ältere anthropoide Unterkiefer ausgebuddelt werden? Ist die Weltgeschichte nur ein Wimmelbild, in dem Menschen leben, hoffen und verschwinden und ein Ende nur als Katastrophe denkbar ist? Oder gaukelt uns das ein Zerrspiegel vor, der nur eine trostlose Vergangenheit und eine hoffnungslose Zukunft kennt?

Das sind altmodische Fragen. Schon deswegen werden sie zuständigkeitshalber gern an die Religion überwiesen. Doch einst waren sie Thema der Geschichtsphilosophie, einer gewissermaßen verschollenen Disziplin, so von Voltaire mit der Absicht benannt, das Nachdenken über Geschichte endlich von allen religiösen Schlacken zu befreien.

Wenn es um den Sinn des Lebens geht, wird man heute gern mit Pathosformeln über den intrinsischen Wert des Lebens bedient - aber die Frage nach dem Sinn der Geschichte erwärmt gewiss nur wenige Herzen. Es wäre doch schon viel, wenn die Rede von der "Sorge um künftige Generationen" ernstgenommen würde.

Das Beste hinter sich

Vor sehr, sehr langer Zeit, an der Zeitenwende zwischen Mythos und Geschichtsbewusstsein, befand Herodot, gestorben um 424 v. Chr., Vater der Geschichtsschreibung genannt, die Menschheit habe das Beste schon hinter sich, nämlich das Goldene Zeitalter, auch das Zweitbeste, das silberne - ja, nach weiterem Abstieg über das eherne und das heroische Zeitalter sei sie nun im eisernen Zeitalter angelangt, und das bedeute: bei Mühe und Arbeit. Das klingt nach einer fortlaufenden aber endlichen Verfallsgeschichte. Aber so war es nicht gemeint: Für die Griechen verlief die Zeit als Zyklus - alles geht weiter, alles kehrt wieder. Nur auf den ersten Blick verträgt sich das nicht mit der abwärts ins Ungemütliche führenden Stufenleiter; auf den zweiten ist festzustellen: auch das Goldene Zeitalter wird zurückkehren.

Weil aber Griechen sich selten einig waren, hielten einige ihrer Denker, so Demokrit und die Epikureer, nichts von der ewigen Wiederkehr. Sie waren überzeugt, dass die Zeit immer weitergehe, dass es kein Zurück und keine Schleife gebe. Eine ähnliche Auffassung findet man bei den Juden in alttestamentlicher Zeit, was sich zeigt, wenn man dem Prediger Salomo, 3. Jahrhundert. v. Chr., zuhört, der von der Zukunft keine Wende zum Besserem erwartete: "Was ist's, das geschehen ist? Eben das hernach geschehen wird, und geschieht nichts Neues unter der Sonne."

Auf der Zeitleiste

Doch für Juden wie für Christen ist die Geschichte zugleich Heilsgeschichte, Wirken Gottes in der Welt. Der Kirchenvater Augustinus, römischer Bürger in den nordafrikanischen Provinzen, verband in seinem Denken griechische und jüdisch-christliche Elemente, er brachte Welt- und Heilsgeschichte in eine denkbare Relation: In einer Stufenfolge von Zeitaltern kämpfen civitas dei, die Bürgerschaft Gottes, und civitas terrena, die irdische Bürgerschaft, miteinander - am Ende steht das Kommen des Reiches Gottes.

Uns Abendländern ist die lineare Zeitauffassung in Fleisch und Blut übergegangen; jedes Kind lernt sie spätesten an der "Zeitleiste" in seinem Geschichtsbuch. Doch ihrer religiösen Einkleidung ist sie längst ledig: Dem Historiker ist der Anfang der Geschichte eine Frage der Setzung - das Ende bleibt offen, ganz ohne Frage.

Geschichtsphilosophische Spekulationen müssen den modernen Wissenschaftler bestenfalls als Gegenstand seines Forschens kümmern, als Überbleibsel aus den heroischen Zeiten des aufgeklärten Denkens. Dabei wird ihm auffallen, dass es mit jener Befreiung von religiösen Schlacken in den Denkmodellen profaner Geschichtsphilosophen nie allzu weit her war: Auch sie gerieten immer wieder in die - meistens allerdings geleugnete - Nähe zu antiker zyklischer Geschichtsdeutung oder jüdisch-christlicher Heilsgeschichte.

Hegel und Marx

Das Problem: Ist die Geschichte ein sinnloses Spektakel, hat sich die Sache erledigt. Wer aber den Sinn nicht mit sardonischem Gelächter in den Wind schlagen will, muss sich fragen, ob, nach radikaler Beiseiteräumung religiöser Vorstellungen, von ihm überhaupt noch die Rede sein kann. Die meisten Aufklärer nahmen zumindest stillschweigend an, die Geschichte sei eine der menschlichen Emanzipation, ihre Mittel seien Fortschritt der Vernunft und vernünftiger Fortschritt, ihr Ziel, verstanden als unendlicher Progress, die Vervollkommnung humaner Lebensformen. Aber auch diese Annahmen setzten einen Glauben voraus, nämlich den an die Vernunft. Und ob sich nun die Aufklärer gegen den Glauben engagierten oder nicht: auch bei ihnen gab es so etwas wie eine Heilsgeschichte, eine diesseitige allerdings, die auf eine Formel zu bringen ist: Der Weg des Fortschritts führt bergauf.

So auch noch bei Georg Friedrich Hegel. Für ihn war die äußere Historie nur eine Reihung zufälliger Ereignisse, entscheidend sei demgegenüber das mit Notwendigkeit fortschreitende "Bewusstsein der Freiheit", das - die List der Vernunft - auch krumme Wege gehen kann. Prinzipiell sei dieses Bewusstsein schon mit der Auferstehung Christi auf die Welt und die Heilsgeschichte an ihr Ziel gekommen, indem die Bedingung geschaffen wurde, dass der Geist sich in ewigem dialektischen Dreischritt fort- und hinaufentwickelt, genaugenommen: anseinen Anfang.

Marx fand das faszinierend, aber irgendwie auch verkehrt, er machte sich daran, Hegel "vom Kopf auf die Füße" zu stellen. Nicht der Geist entwickle sich, sondern die menschliche Gesellschaft, nämlich zu einer klassenlosen, und zwar notwendigerweise, auch wenn es notwendig sei, dafür zu kämpfen. In letzterer Annahme lag politisches Inhumanitätspotenzial: Wer den Kampf verweigert, so verstand das nicht nur Stalin, muss zwangsbekehrt, bekämpft, liquidiert werden, stellt er sich doch gegen die eherne Notwendigkeit und gegen das künftige Glück der Menschheit. Da war es wieder, neu und brachialer vertont, das Lied vom ganz diesseitigen Heil. Beim jungen Marx hatte es noch ganz milde geklungen: Es gehe um die Aufhebung der Entfremdung des Menschen, in der kommunistischen Gesellschaft sei jeder frei, "heute dies, morgen jenes" zu tun, ganz nach Gusto.

Rückwärtsgewandte Prognosen

Dies Ziel wurde bekanntlich nie erreicht. Kein Wunder, dass die Vorstellung von einem Fortschritt zu einem idealen Ziel hin seit langem in einer Baisse steckt. Das Tempo der Veränderungen menschlicher Existenz wird immer höher - aber zu welchem Ende sie führen, wagt keiner zu sagen, von einem glücklichen Ende ist schon gar nicht die Rede. Geschichtswissenschaftler verschanzen sich hinter ihrer wissenschaftlichen Methode: "Wir haben es nicht mit der Vergangenheit, sondern mit Dokumenten und anderen Quellen zu tun."

Das erlaubt rückwärtsgewandte Prognosen, nicht aber zukunftsgerichtete. Verbrämt wird das mit Hinweisen auf die Pluralität des von Menschen hergestellten Sinns. Optimisten aber lassen sich ungern daran hindern, daran zu glauben, dass die Zukunft doch das Bessere bringen werde. Die Pessimisten können ihre Szenarien - meistens sind es solche des Schreckens - konkreter fassen. Ihr Farbkasten ist reich bestückt: vom Wirtschafts- und Währungskollaps über die Klima- bis zur Atomkatastrophe lässt sich vieles ausmalen. Ein kleines Genrestück in ihrer Galerie befasst sich zum Beispiel mit dem Abstieg Europas zu einer Ferienkolonie für reiche Chinesen.

Untergehendes Abendland

Der Untergang des Abendlandes war der Titel eines Buches, das der freischaffende - und rechtsgestrickte - deutsche Geschichtsphilosoph Oswald Spengler 1919 veröffentlichte, ein Tausend-Seiten-Werk voll stupender, wenn auch den Universitätsgelehrten etwas wild anmutender Gelehrsamkeit, geschriebenin einem bei Nietzsche entliehenem hohen Propheten-Ton. Es wurde ein durchschlagender Erfolg, im ersten Jahr nach dem Ersten Weltkrieg mit seinen Millionen Toten, dem Jahr 1919, Kulminationspunkt einer weltweiten Grippeepidemie, die mehr Opfer als der Krieg forderte. Kein Wunder, dass Untergangsszenarien Konjunktur hatten.Spengler verkündete, dass alle Kulturen überall auf der Welt nach einem festen und daher voraussagbaren Schema aufsteigen und vergehen und dass die einzelnen Elemente dieses Prozesses für alle großen Kulturen der Vergangenheit und der Gegenwart synoptisch nebeneinander gestellt werden könnten. Und daraus ergab sich für Spengler zwingend der bevorstehende Untergang des Abendlandes.

Dass es gerade die Deutschen sein würden, die mit "ihrem" Zweiten Weltkrieg viel dazu beitrugen, diese Verheißung vorübergehend wahrscheinlicher zu machen, ahnte der 1934 verstorbene Spengler nicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es um Aufbau und Restauration; von Propheten wollte man wenig wissen. Erst in den Sechzigern waren sie wieder da, im Schwung einer geschichtsphilosophisch grundierten, sich revolutionär verstehenden Aufbruchstimmung im Gewand einer Marxismus-Renaissance, changierend zwischen potenziell totalitären Menschheitsbeglückungsträumen und einer die Unverantwortlichkeit preisenden Spontaneitätsemphase nebst ungerichtetem Freiheitsenthusiasmus.

Fast vergessen war da, dass ein deutscher Philosoph 1949 die Frage nach dem Sinn der Geschichte noch einmal tapfer aufgenommen hatte: Karl Jaspers (1883-1969), in "Vom Ursprung und Ziel der Geschichte". Jaspers, ursprünglich Arzt und Psychiater, war ein Schritt-für-Schritt-Denker, immer darauf bedacht, mögliche Einwände vorweg zu nehmen und sie nur durch die Stringenz seines Argumentierens zu entkräften. Zu einem der ganz Großen im Pantheon der Philosophie bringt man es so nicht - dazu gehört immer auch Glanz und Überwältigung, oder wenigstens eine Schwerverständlichkeit, die ihrem Entzifferer die Aura des Eingeweihten verleiht.

Die Achsenzeit

Jaspers legte sich die Frage vor: Gibt es bei nüchterner Betrachtung einen Punkt, von dem her sich auf eine Einheit der Geschichte schließen lässt, wenigstens in dem Sinne, dass es sich um mehr als um ein zufälliges Nebeneinander handelt? Er meinte, diesen Punkt gefunden zu haben, oder: keinen Punkt, sondern einen Zeitraum - die von ihm so benannte "Achsenzeit", von etwa 800 bis 200 vor Christus. In dieser Zeit "drängt sich Außerordentliches zusammen": In den verschiedensten Kulturkreisen der Welt entwickelte sich, durch eine gleichsam sprunghafte Entwicklung des Geistes, ein geschichtliches Selbstbewusstsein: Konfuzius und Laotse lehrten in China, in Indien entstanden die Upanischaden und lebte Gautama Buddha, in Persien begründete Zarathustra seine dualistische Religion, in Israel traten die Propheten auf, in Griechenland lebten unter anderen Homer, Platon, Archimedes. Das Erstaunliche: Es waren eigentlich Durchbrüche - im Plural - des Geistes, weil jeder einzelne Durchbruch in jedem dieser Kulturkreise weitgehend unbeeinflusst von dem in den anderen erfolgte. Gerade das nahm Jaspers als ein gewichtiges Indiz dafür, dass es sich um mehr als um zufällige Koinzidenzen handelte.

So strukturierte er die gesamte Weltgeschichte bis in die Gegenwart von dieser Achsenzeit her - eine auf geheimnisvolle Weise einheitliche Weltgeschichte! - ohne religiöse, idealistische oder biologistische Hilfskonstruktionen! Darf man da einen Sinn der Geschichte nicht zumindest hoffnungsvoll ahnen?

Jaspers war kein Schwärmer. Seine Hoffnung, das Sinn-Teilchen im Stoff der Historie aufblitzen zu sehen, liest man eher zwischen den Zeilen. Im Grunde sei der Sinn "verborgen", er sei "überhaupt nicht empirisch, als ein irgendwo gemeinter Sinn zu finden. ... Wenn dabei Ausdrücke unterlaufen, als ob wir an einen Plan der Vorsehung dächten, so sind das nur Gleichnisse." Dennoch ging es ihm ja um die Rettung eines Sinn-Optimismus. Das kommt am Ende seines Buches ein wenig akademisch gehemmt und in Peeperkornscher grammatikalischer Verwirrung zum Ausdruck: "Wir wagen angesichts aller Zukunftsperspektiven doch die Sätze: Der Mensch kann nicht ganz verloren gehen, weil er geschaffen ist als Ebenbild der Gottheit, gar nicht Gott, aber an ihn gebunden ist mit oft vergessenen und immer unwahrnehmbaren, aber im Grunde nicht zerreißbaren Banden. Der Mensch kann nicht überhaupt aufhören, Mensch zu sein." Also: Ein gemeinsamer Entwicklungsprozess der Menschheit: ja. Aber von Sinn und Ziel der Geschichte lässt sich nur raunen.

Des Spiegels Splitter

Das ist mehr oder weniger eine bescheidene Variante der Hegelschen Selbstauswicklung des Geistes. Spenglers Interesse am Werden und Vergehen von Kulturen spielt hier keine Rolle - Kulturen sind nur Archen in die Zukunft, in der sich die in der Achsenzeit ankündigende Einheit der Geschichte der Menschheit vielleicht erweisen wird. Heute scheint der Prozess der Globalisierung stracks dorthin zu führen. Das Faktum ist deutungsoffen, an ihm arbeiten sich die Pessimisten und die Optimisten gleichermaßen ab. Die Welt verändert sich rapide, geradezu sprunghaft bilden sich neue Formen menschlicher Sozialität heraus. Aber auch neue Formen des Denkens und Fühlens?

Der Mensch muss mit der gleichen psychophysischen Ausrüstung auskommen, mit der er ins Licht der Geschichte getreten ist. Das verheißt nichts Gutes, schon weil die dem Menschen zur Verfügung stehenden Destruktionsmittel seit der Frühzeit des Keulenschwingens ins Ungeheure gewachsen sind. Eins aber ist sicher: Von einem "Es geschieht nichts Neues unter der Sonne" kann nicht mehr die Rede sein. Historische Kontinuitäten, die so lange kollektive Identitäten stabilisiert haben, drohen auf der Strecke zu bleiben; nur noch Nostalgie- und Retro-Wellen entlocken dann und wann dem Hallraum der Vergangenheit ein phantasiebefeuerndes Echo.

In Hans Christian Andersens Märchen "Die Schneekönigin" zerbricht des Teufels Zerrspiegel, und wem ein Splitter ins Herz dringt, dem wird es zu Eis, und die schönste Landschaft sieht ihm aus wie "gekochter Spinat". Ganz ähnlich ergeht es uns, wenn wir durch einen Spalt im Vorhang der Zukunft einen Blick auf die blühenden Landschaften einer sich manifestierenden Sinnhaftigkeit der Geschichte erhaschen wollen. Ob sich die Frage damit erledigt hat? Wer weiß. Neue Antworten könnten das Eis zum Schmelzen bringen und neue Utopien oder längst totgesagte Ungeheuer freigeben.

Helmut Kremers

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