Schön und schwierig

Ukraine-Krieg prägt den Auftakt der ÖRK-Vollversammlung
Tänzer aus Tahiti während der Eröffnung der ÖRK-Generalversammlung in Karlsruhe.
Foto: WCC
Tänzer aus Tahiti während der Eröffnung der ÖRK-Generalversammlung in Karlsruhe.

War das schon ein Eklat, den Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Eröffnung der ÖRK-Vollversammlung in Karlsruhe produzierte? Zumindest eine gezielte Störung der sehr konsensorientierten Kirchendiplomatie, die ihre Wirkung zeigte. Dennoch könnte Karlsruhe ein Ort der Versöhnung werden, nicht nur wegen der zuversichtlich stimmenden Eröffnungsandacht.

Am Mittwochabend war alles wieder bunt und fröhlich. Unter dem imposanten Zeltdach auf dem Gelände des Karlsruher Kongresszentrums endete das Eröffnungsgebet mit einem fröhlichen Lied aus Namibia über Gottes wunderbare Liebe. Musik aus aller Welt, vom kontemplativen koptischen Gesang über Tanz aus Tahiti bis zum deutschen „Nun danket alle Gott“, eine berührende mehrsprachige Predigt von Johannes X., dem „Patriarchen von Antiochia und dem gesamten Morgenland“ und in den Reihen Christen aus allen Regionen der Welt – das alles vermittelte ein, wenn auch inszeniertes, aber ohne Frage schönes Bild der weltweiten Ökumene. Das war wohltuend nach einem Eröffnungsplenum, in dem trotz aller beschwörten Einheit die trennenden Fragen sehr deutlich wurden. Und daran hatte der Bundespräsident einen entscheidenden Anteil.

Frank-Walter Steinmeier, der gewiss alle Rollen auf der diplomatischen Bühne beherrscht, hatte sich gestern für die des unbequemen Mahners entschieden. Er las dem stets auf Konsens bedachten Weltkirchenrat mit Blick auf den Umgang mit der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) die Leviten. Diese rechtfertige „einen Angriffskrieg gegen die Ukraine – gegen ihre eigenen, gegen unsere eigenen Brüder und Schwestern im Glauben. (…) Dieser Nationalismus, der willkürlich Gottes Willen für die imperialen Herrschaftsträume einer Diktatur in Anspruch nimmt, muss unseren Widerspruch finden, auch hier in diesem Saal, in dieser Versammlung.“ Und weiter: „Flächenbombardements und gezielte Angriffe auf zivile Gebäude, auf Wohnungen, auf Krankenhäuser, auf Einkaufszentren, auf Bahnhöfe und öffentliche Plätze, Kriegsverbrechen, die vor den Augen der Welt offen zutage liegen: Darüber darf es auch hier und heute kein Schweigen geben. Wir müssen es aussprechen, ja, wir müssen es anklagen, wir müssen nicht zuletzt als Christengemeinschaft uns bekennen zur Würde und zur Freiheit und zur Sicherheit der Ukrainerinnen und Ukrainer.“

Dialog oder Propaganda?

Tatsächlich hatte sich der ÖRK ja vor der Versammlung gegen einen Abbruch der Gespräche mit der ROK entschieden, den unter anderem auch deutsche Protestant*innen gefordert hatten. Dazu Steinmeier: „Aber wenigstens Dialog müsse doch sein, hieß es im Vorfeld der Vollversammlung. Ja, aber Dialog ist kein Selbstzweck. Dialog muss ans Licht bringen, was ist. Dialog muss Unrecht zur Sprache bringen, muss Opfer benennen ebenso wie Täter – und deren Erfüllungsgehilfen. Ein Dialog dagegen, der sich auf fromme Wünsche beschränkt und im Ungefähren bleibt, wird schlimmstenfalls zur Bühne für Rechtfertigung und Propaganda. Um welchen Dialog geht es hier? Das ist die Wahl, vor der diese Versammlung steht.“

War das schon ein Eklat? Wohl eher eine geschickte Rollenverteilung, die aber dennoch den Druck auf die Versammlung erhöht, am Ende eine substanzielle Erklärung zur Ukraine abzugeben. Doch die gezielte Provokation verfehlte schon jetzt ihre Wirkung nicht. Während Agnes Aboum, Vorsitzende des ÖRK-Zentralkomitees, sich diplomatisch für die „inspirierenden und herausfordernden Worte“ bei Steinmeier bedankte, schlug die ROK verbal zurück. Auf ihrer Website veröffentlichte sie ein Statement ihres Delegationsleiters Metropolit Antonij, der Steinmeier eine „Einmischung in die internen Angelegenheiten des Weltkirchenrates“ vorwarf und seine Rede bezeichnete als „Versuch, die friedensstiftende und politisch neutrale Natur seiner Arbeit in Frage zu stellen“.  Steinmeiers Position sei ein Beispiel dafür, wie ein „hochrangiger Staatsvertreter Druck auf die älteste inter-christliche Organisation Druck ausübe“.

Geschichten der Versöhnung

Nun dürften am heutigen Donnerstag, wenn offiziell das weithin wohl unstrittige, wenn auch wahrlich nicht unwichtige Thema Klimaschutz auf dem Programm steht, hinter den Kulissen die Kirchendiplomaten schwer arbeiten, denn schon für den morgigen Freitag steht das Thema Ukraine auf der Tagesordnung. Der noch amtierende Generalsekretär Ioan Sauca erklärte in seinem Bericht zum Thema: „Es wäre einfach, die Sprache der Politik zu verwenden, aber wir sind aufgerufen, die Sprache des Glaubens zu verwenden, die Sprache unseres Glaubens. Es wäre einfach, auszugrenzen, aus der Gemeinschaft aufzuschließen und zu verteufeln, aber wir sind als ÖRK aufgerufen, eine freie und sichere Plattform der Begegnung und des Dialogs bereitzustellen, einander zu begegnen und einander zuzuhören, auch wenn wir einmal nicht einer Meinung sind. So hat es der ÖRK schon immer gehandhabt. Ich glaube an die Kraft des Dialogs in dem Prozess hin zu Versöhnung.“

Die badische Landesbischöfin Heike Springhart betonte in der Eröffnungspressekonferenz, dass vor diesem Hintergrund der Veranstaltungsort inspirierend sein könnte. Nach vielen Kriegen und Konflikten zwischen Frankreich und Deutschland könnten auch „Geschichten von Versöhnung“ erzählt werden. „Es kann sich etwas bewegen“, sagte sie mit Verweis auf diese Erfahrungen. Und die EKD-Auslandsbischöfin Petra Bosse-Huber erklärte: „Vielleicht gab es noch nie eine Zeit, in der wir die Vollversammlung so dringend brauchten, wie diese.“  

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Stephan Kosch

Stephan Kosch ist Redakteur der "zeitzeichen" und beobachtet intensiv alle Themen des nachhaltigen Wirtschaftens.


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