Wenn Träume fliegen

Zu Besuch in einer Zirkusschule in Kambodscha
Teaser Reportage
Foto: Sascha Montag

Eine Zirkusschule in Kambodscha lehrt Kindern aus benachteiligten Familien Hoffnung: Sie lernen neben  Akrobatik, auch tanzen, musizieren und zeichnen. Viele machen daraus einen Beruf. Vor allem aber wird  vermittelt, was in der gewaltsamen Geschichte des Landes zu kurz kam: Freude beim Lernen.

Eine junge Frau springt auf dem abgewetzten Trampolin in die staubige Luft der Trainingshalle. Auf dem Boden liegen Teppiche und Matten, Schlieren auf den Fensterscheiben verschleiern den Blick nach draußen. Sie starrt geradeaus, wenn sie vom Spanntuch federt, ihr Körper spannt sich – sobald sie aber in der Höhe schwebt, lösen sich ihre Gesichtszüge. Drei junge Männer schauen ihr zu. Ihre Blicke verraten Anerkennung für die junge Frau, die sie Rachana nennen und die mit ihren 25 Jahren etwas älter ist als sie. Rachana holt Luft, springt nochmals, höher und immer höher.

Besuch von Papst Franziskus 2018 in Genf anlässlich des 70-jährigen Bestehens des ÖRK
Foto: Sascha Montag
 

Seit sie elf Jahre alt ist, kommt Rachana fast täglich hierher. Vormittags rechnete sie und schrieb Aufsätze. Am Nachmittag übte sie Salti, Seiltanz, Jonglieren, Spagat. Alle Akrobaten aus der Truppe kommen aus Familien von Müllsammlern oder Straßenverkäufern, wuchsen als Waisen auf oder bei der Großmutter, weil ihre Eltern zur Arbeitssuche nach Thailand gingen. Jetzt üben sie täglich ihren Traum in der Künstlerschule „Phare Ponleu Salpak“, was übersetzt „Licht der Künste“ bedeutet.

Zirkusschule in Kambodscha
Foto: Sascha Montag

Eine junge Frau springt auf dem abgewetzten Trampolin in die staubige Luft der Trainingshalle. Auf dem Boden liegen Teppiche und Matten, Schlieren auf den Fensterscheiben verschleiern den Blick nach draußen. Sie starrt geradeaus, wenn sie vom Spanntuch federt, ihr Körper spannt sich – sobald sie aber in der Höhe schwebt, lösen sich ihre Gesichtszüge. Drei junge Männer schauen ihr zu. Ihre Blicke verraten Anerkennung für die junge Frau, die sie Rachana nennen und die mit ihren 25 Jahren etwas älter ist als sie. Rachana holt Luft, springt nochmals, höher und immer höher.

Seit sie elf Jahre alt ist, kommt Rachana fast täglich hierher. Vormittags rechnete sie und schrieb Aufsätze. Am Nachmittag übte sie Salti, Seiltanz, Jonglieren, Spagat. Alle Akrobaten aus der Truppe kommen aus Familien von Müllsammlern oder Straßenverkäufern, wuchsen als Waisen auf oder bei der Großmutter, weil ihre Eltern zur Arbeitssuche nach Thailand gingen. Jetzt üben sie täglich ihren Traum in der Künstlerschule „Phare Ponleu Salpak“, was übersetzt „Licht der Künste“ bedeutet.

Zirkusschule in Kambodscha
Foto: Sascha Montag

 

Der Campus der Hoffnung in der drittgrößten kambodschanischen Stadt Battambang an der Grenze zu Thailand gibt über tausend Kindern aus armen Verhältnissen eine Zukunft. Sie werden hier zu Malern oder Musikern, lernen Tanzen und Akrobatik. Und vor allem lernen sie, sich selbst zu vertrauen. Vor der Gründung waren hier Reisfelder, heute drängen sich auf dem zwei Hektar großen Gelände ein halbes Dutzend Gebäude um die zentrale Trainingshalle.

Traditioneller Tanz

In einem kleinen Pavillon neben der Halle klopfen Musikschülerinnen auf den hölzernen Khmer-Xylophonen vor sich. Hohe, klare Töne erklingen bis hinaus auf den Hof, wo gerade zwei Jungs auf dem Einrad fahren. Auf der anderen Seite des Hofes blättern in der kleinen Bibliothek Schulkinder in Büchern. Dahinter, im Kindergarten, schlängeln die Jüngsten ihre Hände und Arme in die Höhe wie Pflanzen, die aus dem Boden sprießen. Die Erzieherin schult sie im traditionellen Khmer-Tanz: „Erst seid ihr der Samen, dann wachst ihr und wachst.“ Es ist dieser Samen, den Phare sät, der ganze Familien wachsen lässt und ihr Vertrauen in die Zukunft.

Zirkusschule in Kambodscha
Foto: Sascha Montag

Der Campus der Hoffnung in Battambang an der Grenze zu Thailand gibt über tausend Kindern aus armen Verhältnissen eine Zukunft. Vor der Gründung waren hier Reisfelder, heute drängen sich auf dem zwei Hektar großen Gelände ein halbes Dutzend Gebäude um die zentrale Trainingshalle.

 

Regen liegt in der feuchtwarmen Luft, über dem Himmel bauschen sich dunkle Wolken. Im Café vertreiben sich Schülerinnen in Schuluniformen die Pause mit ihrem Smartphone und lachen über Tiktok-Videos. Es ist Mittagszeit. Die Kinder stehen Schlange für das Essen. Die Köchin schöpft aus dem Reistopf, hakt nebenbei auf einer Liste die Namen der Kinder ab. Für viele ist es die einzige Mahlzeit am Tag. Es gibt Omelette und Gemüse, Hühnerfleisch. Auch Töchter der Köchin Som Savoern gingen hier zur Schule, eine ist nun Artistin im Zirkus von Phare nahe der antiken Tempel von Angkor Wat. Es ist das Ziel, dort wollen alle hin.

Zirkusschule in Kambodscha
Foto: Sascha Montag

 

Vormittags oder nachmittags lernen die Kinder in der Schule, direkt auf dem Gelände. Früher gehörte auch sie zu Phare, mittlerweile ist sie staatlich. Das Gesetz schreibt in Kambodscha vor, dass Kinder über neun Jahre kostenfrei in eine Schule gehen dürfen. Eine Schulpflicht gibt es jedoch nicht. Kunst- oder Musikunterricht? Hat in den Lehrplänen keinen Platz. In Dörfern ohne öffentliche Schulen ist es für viele kaum möglich, zum Unterricht zu gelangen. Zwar gehen die meisten Kinder in eine Grundschule, aber nur ein Drittel besucht im Anschluss eine weiterführende Schule. Für Familien, die sich Bücher und Uniformen kaum leisten können oder deren Kinder arbeiten müssen, damit das Geld gerade so zum Überleben reicht, will Phare eine Perspektive schaffen.
Rachana weiß, wie wichtig es ist, dass die Kinder in der Künstlerschule Halt finden. Für sie selbst hat sich durch Phare alles verändert. Akrobatik und Tanz ist für sie ein Weg, ihre Gefühle auszudrücken. „Es ist meine Sprache geworden“, sagt Rachana. „Bin ich traurig und beginne mein Training, bewege mich, dann fühle ich mich wieder stark.“

Zirkusschule in Kambodscha
Foto: Sascha Montag

Finanziert wird die Schule auch durch Spenden, die die Artisten bei Auftritten einsammeln.

 

Der Zirkus hat ihre Welt groß gemacht. Sie ist im Ausland aufgetreten – in Deutschland, Frankreich, Myanmar, Korea, Dänemark. „Durch meine Auftritte konnte ich meine Familie unterstützen, ein neues Haus für meine Familie bauen und das Studium meiner Schwester finanzieren.“ Als sie ein Kind war, aufwuchs mit ihren vier Geschwistern, arbeitete ihr Vater als Taxifahrer, hatte ein Motorrad, heute fährt er einen großen Wagen. Ihre Mutter verkaufte Gemüse auf dem Markt. Das Geld war knapp. „Manchmal, wenn ich rumhängen wollte, trieb mich meine Mutter an, sagte: ‚Wir mussten wegrennen vor Bomben, lebten in ständiger Angst. Du musst härter arbeiten. Sei froh, jetzt zu leben.‘“ Heute erkennt Rachana, dass es die Bildung und die Gemeinschaft waren, ihre „Zirkusfamilie“, die ihr den Weg wiesen. Sie hatte Menschen, die immer an sie glaubten. Menschen wie Khuon Det, der Direktor der Zirkusschule, der in der Halle gerade neben einer Gruppe von Jungen steht, die im Kreis auf dem Rücken liegen. Khuon Det lässt sich nicht allzu schnell aus der Ruhe bringen. „Schließt die Augen“, sagt er mit ruhiger Stimme. Ein Junge blinzelt verstohlen. „Nein, nicht schummeln“, ermahnt Khuon Det und lächelt dabei. Sich zu entspannen nach dem Training, das sei die wahre Kunst, den Atem fließen zu lassen, in die Stille zu gehen. Gerade für die zappligen Kinder, die im Unterricht in der Schule nie stillsitzen können, wirke das Zirkustraining beruhigend, sagt Khuon Det später.

Zirkusschule in Kambodscha
Foto: Sascha Montag

 

Er wurde 1972 geboren, als in Kambodscha Bürgerkrieg herrschte. „Ich bin ein Waisenkind“, sagt er. Weil er sich nie geliebt fühlte, oft vernachlässigt, weiß er, wie wichtig es ist, für Kinder da zu sein. Khuon Det floh mit seinem Großvater. Unter den Roten Khmer wurden auch Kinder zu Soldaten. Selbst wenn die Eltern noch am Leben waren, kamen sie in Waisenhäuser, die vom Militär kontrolliert wurden.

Heilung durch Kunst

Wie Tausende andere zog der siebenjährige Det allein von einem Flüchtlingslager zum anderen, bis er fast zwei Jahre später in Site 2 in Thailand nahe der östlichen Grenze zu Kambodscha ankam, dem damals größten Lager der Welt mit über 200 000 Flüchtlingen. Die nächsten zehn Jahre lang prägten Hunger, Elend und Einsamkeit sein Leben. Doch als er 14 war, änderte sich Khuon Dets Leben im Lager. Es kamen fahrende Händler, die traditionelle Heilpflanzen und Kräuter verkauften, sogar umherziehende Magier, die Affen an Ketten mit sich führten und Zaubertricks aufführten. Auch aus Frankreich kamen Künstler und Lehrer, die an die heilsame Kraft der Kunst glaubten und den Kindern helfen wollten. In Bambushütten saßen sie und malten Buntstiftskizzen über das Leben im Lager und ihre Träume, zeichneten gegen ihr Trauma an. Sie nannten es nicht so, so wie auch Khuon Det es nicht so nennt. Doch es war Kunsttherapie, die ihm half, mit all den Schrecken umzugehen. Er absolvierte eine Ausbildung an der Nationalen Zirkusschule der Königlichen Universität der Schönen Künste in Phnom Penh und wollte seine Erfahrung auch anderen Kindern mitgeben.

Als er nach dem Zerfall der Roten Khmer zurückkehrte in seine Heimatstadt, gründete er Phare Ponleu Selpak, zusammen mit acht weiteren Freunden, die mit ihm in Kunst unterrichtet wurden. Dem Grauen der Vergangenheit wollten Khuon Det und seine Mitstreiter mit dem Zauber der Khmer-Kultur begegnen: Sie fingen mit einer Zeichenschule an und mit den Jahren kam die Musik hinzu, traditioneller Tanz, die Akrobatik. Heute gibt es zudem ein modernes Studio für Animationsfilme und Grafikdesign.Er wollte eine Show für die Opfer der Roten Khmer machen, „damit sie sich der Angst stellen und nicht an Rache denken, sondern Frieden im Geist und Herzen finden“. Jedes Stück, das die jungen Artisten heute aufführen, erzählt eine Geschichte: von einem Mädchen, das die Ermordung seiner Familie durch die Roten Khmer miterlebt und schließlich durch die Kunst neuen Lebenswillen findet, vom Schweigen der älteren Generation über die Gräuel der Vergangenheit, vom Geisterglauben bis zur Diskriminierung verstümmelter Minenopfer.

Khuon Det lebte als Jugendlicher in einem Flüchtlingslager. Eine Begegnung mit Künstlern änderte sein Leben. Später gründete er mit anderen die Schule „Phare Ponleu Salpak“, was übersetzt „Licht der Künste“ bedeutet.
Foto: Sascha Montag

Khuon Det lebte als Jugendlicher in einem Flüchtlingslager. Eine Begegnung mit Künstlern änderte sein Leben. Später gründete er mit anderen die Schule „Phare Ponleu Salpak“, was übersetzt „Licht der Künste“ bedeutet.

In den 1980er-Jahren wurden die Gräuel der Pol-Pot-Schlächter noch in den Schulen gelehrt, heute nicht mehr. Eine öffentliche Aufarbeitung der Vergangenheit gab es kaum, der Diktatur, die einem Fünftel der Gesamtbevölkerung das Leben kostete. Nie wurden Überlebende und Hinterbliebene entschädigt, Mörder und Opferfamilien leben Tür an Tür in den ländlichen Provinzen. In den meisten Familien herrscht Schweigen, sagt Khuon Det.

 

Khuon Det weiß, was es bedeutet, eine unglückliche Kindheit zu haben. Sein Trauma, sagt er, begleitete ihn lange. Darum will er, dass die Kinder, die heute von ihm lernen, es gern tun. „Sie sollen spielen, glücklich sein, nur dann kommen sie täglich zu uns“, sagt er. Es geht in der Zirkusschule nicht darum, die Kinder unter Druck zu setzen und zu Höchstleistungen anzuspornen. „Wir wollen, dass sie hier sicher sind, sich geborgen fühlen und entfalten können.“ Jedes Kind darf entdecken, wo es seine Stärken hat.

Die Corona-Pandemie hat viele Träume zerplatzen lassen. Die meisten der Artisten suchten sich Jobs, um das fehlende Honorar auszugleichen. Auch Rachana begann, auf dem Markt Getränke zu verkaufen. Der Zirkus war monatelang geschlossen, das Einkommen der Artisten ist damit zusammengeschmolzen. In einem guten Monat verdienen die Artisten wie Rachana etwa 200 Dollar und mehr. Eine beachtliche Summe in Kambodscha, wo das durchschnittlichen Einkommen 100 Dollar beträgt. Vierzig Prozent der Einnahmen gehen an Phare Ponleu Selpak. Rund eine Million Dollar jährlich kostet das Programm. Immer wieder ziehen die Artisten los und sammeln Spenden: so wie bei einer Tour in die Hauptstadt Kambodschas.

Rachana tanzt mit ihren sechs Akrobaten über die Bühne, sie gleiten in geschmeidigen, fließenden Bewegungen. Sie jonglieren, gehen auf Stelzen, wechseln die Kostüme so schnell wie ihre Rollen: vom Gejagten und Ausgestoßenen zum Herrschenden und Unterdrücker. Vom Mächtigen zum Schwachen. Rachana ist die Umkämpfte, die Gefeierte, mal liegt sie am Boden, wird getreten, gedemütigt, dann erobert, in die Höhen gehoben, in den Himmel. Rachana springt in die Luft, landet auf den Schultern ihres Kollegen, steht aufrecht, die Arme wie Flügel ausgebreitet. Die Charaktere im Stück „Influence“ streben nach dem Triumph, dominieren und werden dominiert, aber letztlich entdecken sie ihre Stärke und finden ihren Platz in der Welt. 


 

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