Weltweiter Auftrag

Klartext
Foto: privat

Kühler Kopf

14. Sonntag nach Trinitatis, 18. September

Ich danke dir, Herr! Du bist zornig gewesen über mich. Möge dein Zorn sich abkehren, dass du mich tröstest … Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus dem Brunnen des Heils. (Jesaja 12,1.3)

Wasser schafft Leben und – zerstört es auch. Im vergangenen Jahr die Flutkatastrophe im Ahrtal, wo die letzten Vermissten noch nicht gefunden worden sind. Und dieses Jahr eine langanhaltende Dürre, die unsere Nahrungsversorgung empfindlich einschränkt. Dazu die wirtschaftliche Abhängigkeit von Autokratien. Was der Club of Rome vor fünfzig Jahren als „Grenzen des Wachstums“ beschrieb und warnte, nicht so weiterzumachen wie bisher, hat die wenigsten aus ihrer Komfortzone herausgeholt. Im Gegenteil: Wir haben die Klimakatastrophe sogar beschleunigt und damit die Ungerechtigkeit zwischen Nord und Süd, Reich und Arm noch verschärft.

Wenn der Gott der Bibel zornig wird, dann über solche Ungerechtigkeiten. Denn der Klimawandel ist kein Schicksal, sondern hausgemacht. Gottes Zorn lässt Menschen heute wie damals (angesichts der ungerechten Verhältnisse in Juda/Israel) seine gefährliche Seite spüren. Aber der Gott der Bibel ist ein beweglicher Gott. Er lässt sich umstimmen durch einen Neuanfang, durch Taten, die dem Larifari der Ausflüchte und der Selbsttäuschung widersprechen und Fakten schaffen.

Wasser kann beides sein, Ausdruck des Zorns und der Rettung. Jüdinnen und Juden ebnete Gott durchs Schilfmeer den Weg in die Freiheit, die sie durch die Tora Gottes gestalten. Auch Gottes Gebote sind Wasser, aus dem wir schöpfen. „Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, damit du das Leben erwählst und am Leben bleibst, du und deine Nachkommen“ (5. Mose 30,19).

Das Danklied in Jesaja 12 weiß, sprudelnd vor Freude, dass es eines Tages Grund genug dafür gibt, Gott für seine Barmherzigkeit zu danken, die immer größer ist als sein Zorn. Dankbar dafür, dass Gott ein lebendiger, leidenschaftlicher Gott ist, dem immer noch etwas an uns liegt. Frisches Wasser schöpfen, das den Kopf kühlt, Schuld abwäscht, den Durst nach Gerechtigkeit stillt und neues Leben wachsen lässt. Mit Freuden schöpfen, nicht zu viel und nicht zu wenig, so dass alle etwas davon haben, kühl und erfrischend aus der Quelle, die Gott selbst ist. Eine Vision, für die sich ein Neuanfang lohnt.

Essig und Öl

15. Sonntag nach Trinitatis, 25. September

Der Geist bringt als Ertrag: Liebe, Freude und Frieden, Geduld, Güte und Großzügigkeit, Treue, Freundlichkeit und Selbstbeherrschung. Gegen all das hat die Tora nichts einzuwenden … Helft einander, die Lasten zu tragen; so erfüllt ihr die Tora, die Christus gegeben hat. (Galaterbrief 5,22–23+6,2)

Die ethischen Anweisungen am Ende des sonst so leidenschaftlichen Briefes an die ersten Gemeindegruppen der Messiasgläubigen in Galatien, der heutigen Türkei, hören sich zunächst wie unverbindliche Allgemeinplätze an. Dabei will Paulus der jüdischen messiasgläubigen Mehrheit, die sich nach wie vor an die Tora hält, und der nichtjüdischen messiasgläubigen Minderheit, die von der Tora nur eine Ahnung hatte, zu einem Miteinander verhelfen. Dem Juden Paulus kommt es vor allem auf eines an – auf die Freiheit.

Die haben sich Leute während der Pandemie auf die Fahnen geschrieben und sie dabei kräftig missbraucht. Aber solchem Missbrauch steht Paulus’ Verständnis von Freiheit entgegen: „Auf eines jedoch gebt acht: dass die Freiheit nicht zu einem Vorwand für die Selbstsucht wird, sondern dient einander in der Liebe!“(Galater 5,13). Freiheit kreist eben nicht um sich selbst, sondern orientiert sich am Wohl der Anderen. Sie fragt nicht zuerst danach, was mir selbst nutzt, sondern danach, was meinen Mitmenschen hilft.

Aber wie gelange ich zu dieser Freiheit? Aus dem Vertrauen heraus, dass Gott für mich sorgt und ich mir keine Sorgen darüber machen muss, wie ich im Vergleich zu den Mitmenschen dastehe. Denn für mich ist gesorgt. Dass der Weg zu dieser Freiheit mal mehr, mal weniger gelingt, weiß auch Paulus. Deshalb empfiehlt er Sanftmut und (Fehler-)Freundlichkeit, Anderen und sich selbst gegenüber. Der Genfer Reformator Johannes Calvin hat es so ausgedrückt: „Zum Essig gehört doch immer ein Tropfen Öl. Deshalb fordert Paulus, die Zurechtweisung … nicht ohne den Geist der Sanftmut vorzunehmen.“ Essig und Öl machen zusammen das Leben schmackhaft, erleichtern das Miteinander wie die Verdauung.

Begrenzte Kontrolle

Erntedankfest, 2. Oktober

Du sollst essen und satt werden und den Ewigen, deinen Gott, segnen für das gute Land …Dann soll sich dein Herz nicht überheben und du sollst den Ewigen, deinen Gott, nicht vergessen, der dich herausgeführt hat aus dem Land Ägypten, einem Sklavenhaus. (5. Mose 8,10.14)

Zum Erntedankfest breitet die „Bäuerliche Erzeugergemeinschaft“ auf den Altarstufen von St. Michael, der Hauptkirche von Schwäbisch Hall, einen Ernteteppich aus, der seinesgleichen sucht und zu einer Touristenattraktion geworden ist. Mit viel Liebe werden unzählige Gemüsesorten, heimisches Obst in allen Formen und Farben, Herbstblumen und ein großes Erntebrot ausgebreitet, so dass es für das Auge eine Lust ist und durch den süßen Duft auch für die Nase.

Ähnlich malt Mose am Ende der vierzigjährigen Wüstenwanderung das verheißene Land aus, das am Jordan vor dem Volk Israel liegt. Ganz so prachtvoll wird es tatsächlich nicht gewesen sein. Denn zwischen dem Flüsschen Jordan und gegenüber der grünen Oase Jericho liegt erst einmal die judäische Wüste. Aber das verheißene Land bietet alles: nicht nur Grundnahrungsmittel wie Getreide und frisches Quellwasser, sondern auch Delikatessen wie Oliven, Orangen, Feigen, den Wein, „der des Menschen Herz erfreut“, und Milch und Honig. Außerdem ist das Land mit Naturreichtümern und Bodenschätzen gesegnet und – mit Frieden, Gerechtigkeit und allgemeinem Wohlstand. Vorbei ist die Wüstenzeit mit ihrer Unwirtlichkeit und ihren Entbehrungen, die Israels Vertrauen in Gott auf die Probe stellten. Nun muss sich erweisen, ob das Volk auch angesichts der Annehmlichkeiten, von Landbesitz, eigenverantwortlichem Wirtschaften und Wohlstand, Gott und seinem Willen in der Tora treu bleibt. Wie steht es mit dem gerechten Zusammenleben des Volkes?

Vergesst nicht, beschwört Mose die Jüdinnen und Juden immer wieder. Wenn ihr sicher und wohlhabend im Lande lebt, erinnert euch, wem ihr das alles zu verdanken habt. Und erinnert euch eurer früheren Armut und dass ihr Fremde, Sklaven und Geflüchtete wart.

Und wir? Vielleicht können uns die durch Krieg und Klimawandel knapper werdenden Ressourcen daran erinnern, in was für einem schönen und reichen Land wir leben. Fragen, wie und wo wir damit beginnen, auf Annehmlichkeiten zu verzichten, umweltschonender zu produzieren und auf wessen Kosten das zuerst gehen soll, könnten sensibler für die Bedürfnisse der Umwelt machen. Aber nicht Armut und Mangel an Ressourcen sichern eine Haltung von Demut und Bescheidenheit, sondern das Wissen, dass wir über unser Leben nur begrenzt die Kontrolle haben und wie abhängig wir letztlich von Gott sind. Das hält der heutige Predigttext fest und weitet damit unseren anthro-pozentrischen Blick. Sich an die Wüste erinnern, macht dankbar.

Vom 10. bis zum 18. Oktober feiern Jüdinnen und Juden das Laubhüttenfest. Sie verlegen ihren Lebensmittelpunkt mit Familie und Freunden in eine festlich geschmückte Hütte mit einem Dach aus Laub, durch das es auch mal regnet. Eine vergnügliche Erinnerung an Wüstenerfahrungen.

Gottes Zutrauen

17. Sonntag nachTrinitatis, 9. Oktober

Er sagte zu mir: „Du bist mein Knecht. Du trägst den Namen ‚Israel‘. Durch dich will ich zeigen, wie herrlich ich bin …“ Ich aber sagte: „Ich habe mich vergeblich bemüht, für nichts und wieder nichts meine Kraft vertan …“ Und jetzt sagt er: „Ja, du bist mein Knecht. Du sollst die Stämme Jakobs wieder zusammenbringen und die Überlebenden Israels zurückführen. Aber das ist mir zu wenig: Ich mache dich auch zu einem Licht für die Völker. Bis ans Ende der Erde reicht meine Rettung. Ich mache dich auch zu einem Licht für die Völker.“ (Jesaja 49,3–4.6)

Es ist müßig, über die Identität des „Gottesknechts“ zu spekulieren. Denn Gott nennt ihn hier beim Namen: Israel. Der alte Simeon sieht in dem gerade vierzig Tage alten jüdischen Säugling Jeschua den Diener Gottes „… ein Licht, die Völker zu erleuchten und um deinem Volk Israel Glanz zu geben“ (Lukas 2,32). Damit wird Jeschua die ureigenste Aufgabe Israels an der Völkerwelt wahrnehmen und sie über den Gott Israels und seine Geschichte mit seinem Volk aufklären, in die die Völker von Anfang an einbezogen sind (Genesis 12,2f). Was der Gottesknecht tut, tut Israel – als Gottesknecht.

Hören sollen die Völker, ihre Ohren öffnen, lauschen, um auch die leisen Töne nicht zu überhören bei all dem Wissenswerten, das es zu lernen gilt. Und ja, auch zu gehorchen. So wie Gott Israel auffordert zu hören: „Höre, Israel!“, zu beherzigen, dass der Gott Israels der einzige Gott ist, und ihn liebzuhaben von ganzem Herzen, ganzer Seele und mit all ihrer Kraft, sollen auch die Völker auf den Gott hören, der ihnen Recht und Rettung bringt.

Bevor wir Christen aus der Völkerwelt uns am prophetischen Dienst des Gottesknechts beteiligen, müssen wir zuallererst selber hören und lernen.

Mit einem scharfen Mundwerk stattet Gott den Gottesknecht für den Dienst an seinem Wort aus, das messerscharf ist und durch Mark und Bein geht (Hebräerbrief 4,12). Er soll Tacheles reden, sich den Mund nicht verbieten lassen, sondern Unrecht beim Namen nennen. Das alles ist keine Garantie für Erfolg. Frustriert fordert der Gottesknecht die Treue Gottes heraus. Aber der steht nicht nur zu seinem Diener, sondern mutet und traut ihm mehr zu als er sich selbst.

Welche Spuren werden wir einmal hinterlassen? Manchmal gibt es dieses Glück zu erleben, wo wir das eine oder andere kleine Licht am Wegrand angezündet haben. Ob wir es wissen oder nicht, diese Lichter erhellen anderen den Weg. 

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