Markstein

Leerstelle Rassismusforschung

Wie kann Kirche eine machtkritische und diskriminierungssensible Institution werden, die sich selbstkritisch mit ihrer Verstrickung in rassistische Strukturen und weiße Privilegien auseinandersetzt? Die Reflexion dieser Frage tangiert eine immense Leerstelle in Theologie und Kirche, nämlich die Ignoranz von rassismuskritischen Perspektiven in der theologisch-kirchlichen Aus- und Weiterbildung, der kirchlichen Partnerschaftsarbeit, in der Seelsorge, Gemeindearbeit, kirchlicher Kommunikation und vielen weiteren Bereichen.

Mit Sarah Veceras jüngst publiziertem Buch liegt nun erstmals ein deutschsprachiges Werk zu Rassismus und Kirche vor, in dem die Autorin als Theologin und Religionspädagogin of Color aufzeigt, dass auch Kirche ein Raum ist, in dem (kolonial-)rassistische Stereotype und Diskriminierung reproduziert werden trotz des vielfach proklamierten antirassistischen Selbstverständnisses.

„Dieses Buch ist ein Ausdruck meiner biografisch reflektierten Art und Weise, mich als Schwarze Christin in einer weißen Dominanzgesellschaft und Kultur mit dem Thema Rassismus auseinanderzusetzen“, schreibt Vecera. Gekonnt gelingt es ihr dabei, zwei Ebenen miteinander zu verknüpfen: Sie verbindet ihre Familienbiografie, theologische Ausbildung, persönliche Erfahrungen mit intersektionaler Marginalisierung und Beobachtungen aus zahlreichen antirassistischen Bildungsworkshops mit ihrer Fachexpertise zu Rassismus.

Eine besondere Stärke von Vecera ist ihre Offenheit, als Betroffene von Rassismus persönliche Diskriminierungserfahrungen und Othering-Botschaften in und außerhalb von Kirche mit den Leserinnen und Lesern zu teilen und diese Erlebnisse gleichzeitig nicht als individuelle Würdeangriffe zu verorten, sondern sie als schmerzvolle Alltagsrealität rassifizierter Menschen in einem System strukturell verankerter Ungerechtigkeit zu kontextualisieren.

Den Anfang ihres Buches bildet unter anderem ein Einblick in den langen Weg ihrer eigenen Politisierung und rassismuskritischen Erkenntnisprozesse. Durch den direkt zu Beginn gewählten dialogischen Stil mit „Du“-Anredeform und Reflexionsfragen werden zum einen Leserinnen ohne Vorkenntnisse zu Rassismus niedrigschwellig abgeholt und zum anderen trifft sie damit eine Tonalität, die eine herausfordernde und zugleich einnehmend-aufgeschlossene Atmosphäre des Lernens schafft.

„Weil Rassismus unsere christliche Gemeinschaft vergiftet, ist er unser aller Problem und geht uns alle etwas an. Schon an einigen Stellen war ich aufgrund meiner Antirassismusarbeit mit Hass konfrontiert, den ich zuvor so nicht erlebt hatte. Aber ich fühle mich Kirche zugehörig, bin für sie mitverantwortlich, ich möchte sie verändern und mitgestalten“ – so beschreibt Vecera ihre Motivation zum Verfassen dieses Buches.

Leserinnen und Leser erhalten in neun Kapiteln anschaulich und gut verständlich Erklärungen und Begriffsbestimmungen zu Rassismus als ideologische Untermauerung des Kolonialismus sowie zu kolonialrassistischen Stereotypen, die bis in die Gegenwart in Kirche wirksam sind.

Ferner skizziert Vecera, wie eine eurozentrische Theologie die Vorstellung von hierarchisch verstandenen Menschenrassen stabilisiert hat und die Kolonialisierung von Jesus, das heißt die Instrumentalisierung des weißen Jesus, im Zuge von Mission und kolonialer Ausbeutung förderte. Die strukturelle Verankerung von Rassismus, die Ausschlüsse von Menschen of Color in allen gesellschaftlichen Teilbereichen bewirkt, lässt auch Kirche nicht unberührt. Jedoch externalisieren weiße Menschen in der Kirche Rassismus als gesellschaftliches Problem jenseits des eigenen als sicher empfundenen Raumes und nehmen ihn kaum als interne Gewaltform wahr. So ist es für marginalisierte Menschen noch schwieriger, Diskriminierung zu benennen und eine Validierung zu erfahren. Vecera fragt daher: „Sind Kirche und Jugendarbeit nicht höchstens für heteronormative, weiße Mittelschichts-Menschen ein Safe Space“ („sicherer, geschützter Ort“)?

In diesem Zusammenhang schildert sie unterschiedliche rassistische Mikroaggressionen, die Menschen of Color in der Kirche erleben, und wie gleichzeitig weiße Abwehrmechanismen zur De-Thematisierung beziehungsweise Verleugnung von Rassismus in Kirche und Gesellschaft funktionieren. Kritisch betrachtet Vecera Kirchenlieder aus rassismussensibler Perspektive sowie auch die Hilflosigkeit bei der Aufarbeitung der Missionsgeschichte, Raubkunst in deutschen Missionsarchiven, die weiß geprägte Theologie, Kinderbibeln mit weißem, mitteleuropäischem Jesus und europäisches Überlegenheitsdenken in Kirchenpartnerschaften und den „White Savior Complex“ in kirchlichen Freiwilligendiensten.

Das Buch durchzieht trotz vieler irritierender bis quälend-unerträglicher Beispiele für Rassismus in Vergangenheit und Gegenwart ein hoffnungsvoller Grundton: der tiefe Glaube daran, dass Veränderung möglich ist: dass weiße Menschen und Menschen of Color als Christenmenschen Kirche gemeinsam gestalten und dass Machtasymmetrien durchbrochen werden können. Davon zeugen junge antirassistische und dekoloniale Initiativen innerhalb der Kirche.

Veceras Buch zeichnet in erster Linie die verständliche Sprache aus, mit der komplexe Inhalte der Rassismusforschung, Intersektionalität und Kritischen Weißseinsforschung für Menschen auch ohne Berührung mit rassismuskritischen Diskursen erläutert werden.

Mit Nachdruck plädiert die Autorin für die Etablierung von Antirassismus als Querschnittsthema der kirchlich-theologischen Aus- und Weiterbildung und die Repräsentanz von Menschen of Color in allen Ebenen der Kirche.

Es ist inständig zu hoffen, dass dieses Buch in der Kirche breit rezipiert wird und auch der wissenschaftlichen Theologie den Anstoß gibt, das theologische Forschungsdesiderat Rassismuskritik in die eigene Reflexion einzubeziehen und in den Fachdisziplinen zu verankern. In jedem Fall ist Sarah Veceras Buch ein Markstein deutschsprachiger Theologie of Color.

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