Hoffnung in einer Zeit großer Sorgen

Warum Zuversicht und Vertrauen unerlässlich sind
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Die Fürbittgebete werden länger. Die Sorgen wachsen, die wir vor Gott bringen, weil wir allein mit ihnen nicht klarkommen. Klima, Krieg, Flucht: Die großen Sorgen nisten sich auf bedrängende Weise in unseren Alltag ein.

Die amerikanische Philosophin Martha Nussbaum beruft sich in ihrem Buch über Das Königreich der Angst (2019) ausdrücklich auf die biblische Trias von Glaube, Liebe und Hoffnung. Sie ist in ihrer Lesart für säkular gesonnene Menschen genauso unentbehrlich wie für Glaubende. Diese Trias bildet ein notwendiges Gegengewicht gegen die Verführungen der Angst. Die Philosophin sieht in ihr die narzisstischste unter all unseren Emotionen. In unserer Angst kreisen wir um uns selbst. Auch wenn uns die Angst um einen anderen Menschen umtreibt, geht es bisweilen mehr um uns selbst, weil der andere für uns von Bedeutung ist. Wegen dieser Selbstbezüglichkeit bedarf die Angst, wie Martha Nussbaum sagt, „sorgfältiger Prüfung und Eindämmung, wenn sie nicht giftig werden soll“. Aus Angst wenden Menschen sich mächtigen Führungspersönlichkeiten zu. Zu den politischen Formen, die der Vorherrschaft der Angst entsprechen, gehören Führerstaat und autokratische Präsidialherrschaft.

Gewiss muss man die Angst von der Furcht wie von der Sorge unterscheiden. Furcht richtet sich auf konkrete Gefahren, die für andere so besorgniserregend sind wie für uns selbst. Sorge schließt die Verantwortung für das eigene Leben ebenso ein wie die Verantwortung für andere. Auch wenn wir wissen, dass wir nicht für alle Menschen in gleicher Weise sorgen können, gehört es zu wachem politischem Bewusstsein, dass wir uns auch um diejenigen sorgen, für die in einem direkten Sinn zu sorgen uns nicht möglich ist. Furcht und Sorge haben unseren Alltag erreicht. Die Flutkatas­trophen im Ahrtal und anderen Gebieten liegen gerade eben ein Jahr zurück. Seit dem 24. Februar dieses Jahres gilt nicht mehr die Klima­katastrophe, sondern der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine als die große Herausforderung, die uns in Angst und Schrecken versetzt.

Doch die Klimakrise und die Folgen von Putins Krieg gehören zusammen. Der Ukrainekrieg und die drohenden Engpässe in der Versorgung mit Erdgas verhelfen zu der Einsicht, dass man die Haare auch mit kaltem Wasser waschen und die Heizungs­temperatur nachts absenken und am Tag mäßigen kann. Der Krieg nötigt uns auch im Blick auf die Klimakatastrophe zu der Erkenntnis, dass nicht viel Zeit dafür bleibt, kollektives Fehlverhalten zu korrigieren. Wir sollten in diesem Umdenken ein Zeichen der Hoffnung sehen.

Martha Nussbaum ist davon überzeugt, dass jeder Mensch Glauben braucht. Alle Menschen sind auf ein „Nichtzweifeln an dem“ angewiesen, „was man nicht sieht“, wie der biblische Hebräerbrief sagt. Einen solchen Glauben brauchen wir immer dann, wenn wir uns „mit einer anderen Person auf eine nicht gleich­gültige Weise einlassen“. In diesem Sinn ist alle Liebe mit Glauben verbunden. Ebenso unentbehrlich ist eine Zu­versicht, die gerade angesichts enormer Herausforderungen das Vertrauen auf eine bessere Zukunft nicht preisgibt. Eine solche Hoffnung trägt uns – gerade in einer Zeit großer Sorgen. 

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Wolfgang Huber

Dr. Dr. Wolfgang Huber ist ehemaliger EKD-Ratsvorsitzender, Bischof i. R. und Herausgeber von "Zeitzeichen." Er lebt in Berlin.


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