„Wir brauchen eine Aufklärung 2.0“

Gespräch mit dem Erziehungswissenschaftler Louis Henri Seukwa über koloniales Wissen, die Wildnis des europäischen Humanismus und postkoloniale Ansätze in der Pädagogik
Klagen verzögern ihre Umbenennung: Die nach dem Kolonialkaufmann Adolf Lüderitz (1834–1886) benannte Straße im Berliner Stadtteil Wedding
Foto: picture alliance/Sascha Steinach
Klagen verzögern ihre Umbenennung: Die nach dem Kolonialkaufmann Adolf Lüderitz (1834–1886) benannte Straße im Berliner Stadtteil Wedding

zeitzeichen: Herr Professor Seukwa, Sie erforschen postkoloniale Ansätze in der Erziehungswissenschaft. Welche „kolonialen“ Strukturen müssen in der Pädagogik überwunden werden?

LOUIS HENRI SEUKWA: Mir gefällt es, dass Sie von postkolonialen Ansätzen, also im Plural, sprechen. Denn das postkoloniale Denken verbindet fragmentarisch mehrere Ansätze und stellt kein einheitliches, in sich geschlossenes Theoriegebäude dar. Es bezieht daher die antikolonialen und antiimperialistischen Kämpfe ebenso mit ein wie das Erbe der nicht-westlichen, aber auch der westlichen Philosophien. Trotz dieser Fragmentierung ist es möglich, bestimmte Argumentationsweisen zu identifizieren, die für diese Denkschule spezifisch sind und deren Beitrag zu einer alternativen Lesart unserer Moderne bedeutsam ist.

Können Sie das konkretisieren?

LOUIS HENRI SEUKWA: Ich werde mit einer Kritik an der – ich würde sagen kolonialen – Auffassung von Vernunft, Humanismus und Universalismus beginnen, die eine beispiellose Blindheit und Grausamkeit hervorgebracht hat. Wie können wir beispielsweise diesen positiv besetzten Glauben an den Menschen als universelle Kategorie mit Leichtigkeit damit vereinbaren, dass das Leben und die Arbeit der Kolonisierten sowie ihre Sinnwelt geopfert werden? Die postkoloniale Kritik entlarvt folglich die verzerrten Wirklichkeitsdarstellungen, ohne die der Kolonialismus als historische Macht und hegemoniale Konfiguration gescheitert wäre. So lässt sich erklären, wie das, was als europäischer Humanismus deklariert wurde, in den Kolonien in Gestalt der Doppelzüngigkeit und der Verkleidung der Wirklichkeit als Prozeduren der ‚Rassifizierung‘ der Kolonisierten erschien. Für das postkoloniale Denken ist die Rasse tatsächlich die Wildnis des europäischen Humanismus, seine Bestie. Postkoloniales Denken strebt danach, das Skelett dieser Bestie zu demontieren und ihre auf Kosten anderer privilegierten Wohnräume aufzuspüren.

Was bedeutet das nun für die Pädagogik?

LOUIS HENRI SEUKWA: Das lässt sich durch ein einfaches Beispiel illustrieren. In einem im November 2021 abgeschlossenen internationalen Forschungsprojekt, in dem es um die empirische Untersuchung des kulturellen Erbes und der Identitäten im Europa der Zukunft ging, haben wir auch Unterrichtsinhalte analysiert. Das, was Sie „koloniale“ Strukturen genannt haben, wirkt noch fort. So wird zum Beispiel in dem Fach Geschichte die Historie deutscher Minderheiten verschwiegen. Dabei haben Nicht-Weiße und Menschen nicht-christlicher Religion genauso zur Entwicklung Deutschlands beigetragen; sie kommen jedoch im Geschichtsunterricht nicht vor! So auch bei der deutschen Kolonialgeschichte, die entweder ganz verschwiegen oder nur aus der Perspektive der Kolonisator:innen erzählt wird. Diese deutsche Gewaltgeschichte wird durch eine eingeschränkte Perspektive beschönigt und die Kontinuität des kolonialen Überlegenheitsglaubens zur mörderischen Entmenschlichung wie auch während des Nationalsozialismus ausgeblendet. So wird die Überlegenheitsideologie im Schulunterricht fortlaufend und subtil tradiert. Auch im Fach Geographie: Hier werden westliche Gesellschaften als entwickelt, überlegen und helfend dargestellt, sogenannte „Schwellenländer“ dagegen als zurückgeblieben und hilfsbedürftig. So wird ein abwertendes Bild von Menschen aus diesen Ländern durch Bildungsinhalte reproduziert und auf einem kolonialen Selbstverständnis basierendes Wissen, das notwendigerweise rassistisch ist, verfestigt.

Wie können postkoloniale Ansätze das ändern?

LOUIS HENRI SEUKWA: Ein postkolonialer Blick auf Pädagogik – insbesondere auf (Hoch-)Schulpädagogik –, verstanden als Praxis der Produktion und Weitergabe von Wissen, ermöglicht es, eine Globalisierung des westlichen Wissens und der Techniken der Wissensproduktion wahrzunehmen. Das nenne ich in Anlehnung an den Historiker und Politikwissenschaftler Achilles Mbembe „koloniales Wissen“. Darunter versteht er die Gesamtheit der Techniken und Wissenschaften, der Mythen und des Wissens, die es seit dem 15. Jahrhundert ermöglicht haben, die Bedingungen für die Erneuerung des Lebens auf der Erde zu zerstören.

Ein schwerer Vorwurf. Woran machen Sie das fest?

LOUIS HENRI SEUKWA: Das wesentliche Merkmal dieser Wissenskonstruktion ist die Degradierung des Anderen, des nicht weißen Europäers, als das Gegenbild von sich selbst. Diese konstruierte Hierarchie macht es unmöglich, Wissen zu teilen und zu vermehren, Menschen zu vereinen. Auch mit Blick auf den Umgang mit der Natur wäre es wichtig gewesen, ganz unterschiedliche Quellen des Wissens miteinander zu teilen. Stattdessen wurde das koloniale Wissen mit Gewalt durchgesetzt. Der Westen hat unseren Planeten in Brand gesetzt. Um ihn zu löschen, brauchen wir alle Wissensarchive mit ihren unterschiedlichen Bezügen zur Welt. Anders schaffen wir es nicht. Deshalb ist es dringend geboten, einen paradigmatischen Wechsel in Sachen Bildung nicht nur in Deutschland zu initiieren, um diesen Missstand zu korrigieren.

Wie charakterisieren Sie „koloniales Wissen“?

LOUIS HENRI SEUKWA: Das koloniale Wissen ist ein narzistisches Entwicklungsnarrativ. Auf einer konstruierten Leiter der menschlichen Entwicklung platziert es den Westen ganz oben und geht davon aus, dass alle anderen die gleichen Entwicklungsstufen durchlaufen müssen. Es ist selbstreferenziell: Obwohl die Wissenschaftler, „Entdecker“, Künstler und Missionare aus dem Westen die Welt durchkämmt haben, ist das dabei produzierte Wissen immer nur das eigene, weil sie ständig die Anderen in Vergleich zu sich gesetzt haben, um ihre eigene Entwicklung zu betrachten. Das ist das Problem.

Aber ist es nicht normal, dass man sich mit anderen vergleicht, gerade wenn das Andere fremd ist? Worin liegt das Problem?

LOUIS HENRI SEUKWA: Im kolonialen Kontext führte und führt der Vergleich immer wieder zu einer Hierarchisierung und der Selbstkonstruktion des Westens als überlegen. Wenn Sie sich fragen, warum Rassismus so konstitutiv ist für die westlichen Gesellschaften, können Sie die Antwort in dieser Struktur der Wissensproduktion und seiner Vermittlung finden. In der deutschen Bildung wird Rassismus strukturell reproduziert, denn die anderen werden zu einer Randerscheinung des westlichen Wissens, zum Epiphänomen. Sie sind als Objekte beteiligt, als Konsumenten dieses Wissens, aber nicht als Produzenten. Ihr Wissen ist nicht vorhanden, es wird de-thematisiert. Sie können das in Lehrbüchern und Lehrplänen sehen. Sie finden dieses Wissen nämlich dort nicht. So wird der Blick auf die Geschichte durch das westliche Überlegenheitsnarrativ gefälscht und historische Fakten werden unterschlagen.

Haben Sie ein Beispiel?

LOUIS HENRI SEUKWA: Ein in Europa ausgebildeter Mensch glaubt ernsthaft an das, was im Zeitalter der sogenannten Aufklärung ‚griechisches Wunder‘ genannt wurde. Also, dass die neue Qualität des antiken Denkens ein Zeichen dafür ist, dass Gott den Menschen in Europa Vernunft gegeben hat und sie daher auch das Recht und den Auftrag der Mission haben. Damit fälscht man aber eine 5000-jährige Wissenschaftsgeschichte im Mittelmeerraum. Die Theoreme von Pythagoras und Thales etwa waren schon lange vorhanden. Die Gelehrten im alten Griechenland haben selbst daraus nie einen Hehl gemacht, dass sie Bildungsaufenthalte im alten Ägypten verbrachten, das übrigens – wie wir nach erheblichen Kämpfen um die Wiederherstellung der historischen Wahrheit jetzt wissen – durch und durch von schwarzen Menschen bevölkert war. Dafür muss man nur einige Schriften des alten Griechenlands lesen. Aber weil Hegel ein griechisches Wunder konstruiert hat, glauben wir an eine Art göttliches Moment und die Überlegenheit der weißen Europäer gegenüber dem Rest der Welt.

Inwiefern bestimmt dieses koloniale Wissen die Identitätsbildung der People of Colour in Deutschland?

LOUIS HENRI SEUKWA: Identitäten sind relational, sie entwickeln sich in Beziehungen. Ich brauche den Anderen, um mich zu erkennen. Wenn dies in einem Umfeld geschieht, in denen rassifizierte Menschen als Nachfolger von weniger entwickelten „Quasi-Menschen“ gesehen werden, deren Geschichte verzerrt oder gar nicht erzählt wird, führt dies auch zu einer verzerrten Selbstwahrnehmung. Die postkoloniale Perspektive ermöglicht es den People of Colour nun, sich dieser Verzerrung bewusst zu werden und sie zu korrigieren. Unsere Identitäten sind ja hybrid und komplex. Wir sind ja viel mehr als unsere Hautfarbe oder unser Geschlecht.

Ein sehr konkretes Arbeitsfeld der Pädagogik ist die Schule. Sie fordern schon lange, Schulbücher und Lehrpläne so zu überarbeiten, dass „Kolonialismus, Neokolonialismus und Postkolonialismus als strukturierendes Moment in der aktuellen Weltordnung angemessen dargestellt werden.“ Auf einen entsprechenden Beschluss der Kultusminister warten Sie noch, oder?

LOUIS HENRI SEUKWA: Ja, es gibt so manche Absichtserklärung und hier und da einen Beauftragten für das Thema, aber das Problem ist noch nicht bei der Wurzel gepackt worden. Die Schule und ihre Lehrpläne sind ja ein Spiegelbild der Gesellschaft. Die aktuelle Forschung zeigt, dass in den Lehrbüchern und Curricula die Auseinandersetzung mit den rassifizierten Anderen noch viel zu wenig vorkommen – und das eben nicht nur in den Fächern Geschichte oder Sozialwissenschaft. Sie werden in keinem Mathematik-Lehrbuch darauf hingewiesen, dass die im Satz des Thales formulierte Aussage über Halbkreise und Dreiecke schon in Ägypten und Babylonien bekannt war und genutzt wurde. So etwas produziert immer wieder neu das Bild des überlegenen Europäers und des unterlegenen Afrikaners, den man zur Entwicklung verhelfen muss.

Und diesem Bild widersprechen Sie.

LOUIS HENRI SEUKWA: Wie könnte ich nicht! Der Gelehrte und berühmteste afrikanische Ägyptologe Cheikh Anta Diop hat 1974 bei einer von der UNESCO organisierten Konferenz in Kairo linguistisch, archäologisch, historisch und mit Hilfe von C 14 Datierungstechniken et cetera wissenschaftlich belegt, dass die alten Ägypter Schwarzafrikaner waren, die eine Zivilisation geschaffen hatten, die auch das antike Griechenland beeinflusst hat. Die anwesenden Ägyptologen mussten einräumen, dass all die zivilisatorischen Elemente, die ihre eigene Kultur ausmachten, in Afrika schon vor Tausenden von Jahren gelebt wurden. Was für Europa beziehungsweise das als Westen bezeichnete Konstrukt sehr schwierig zu akzeptieren ist und war, ist die Tatsache, dass sie alle zivilisatorischen Grundlagen ihrer Modernität diesem Afrika zu verdanken haben, welches sie so ausgebeutet, gedemütigt, entmenschlicht und als radikales Gegenbild zu sich selbst konstruiert haben. Diese Tatsache ist eine der wichtigsten Grundlagen der Epistemizide, der Zerstörung von Wissen, die das eurozentristische rassistische Weltbild ermöglich hat.

Aber ist der Vorwurf der bewussten Geschichtsfälschung nicht zu weit gegriffen? Ist es nicht auch ein Problem der Quellenlage? Hier die schriftlichen Belege, dort mündliche Überlieferungen?

LOUIS HENRI SEUKWA: Dass Afrika keine schriftliche Kultur hatte, ist auch so eine Erzählung, die Geschichte verfälscht. Ethnographische sowie linguistische Forschungen bestätigen dies in unterschiedlichen Teilen Afrikas, die als authentisch afrikanisch angesehen wurden. So wurden symbolische Systeme, darunter auch grafische Systeme in verschiedenen Regionen gefunden. Die zeitgenössischen westafrikanischen Schreibweisen sind beispielsweise in mehreren geografischen Zonen zu finden. Die Zeit der oralen Kultur war die Zeit der brutalen Unterdrückung durch Versklavung und Kolonisierung. Denn Schreiben kann gefährlich sein, wenn man unter kolonialer Besatzung lebt. Oralität ist in einem solchen Kontext ein Instrument des transgressiven Widerstandes. Es gehört zum Herrschaftssystem, dass Wissen, das nicht sein darf, keinen diskursiven Raum bekommt. Eine Dekolonisierung des Wissens macht es erforderlich, dass der Westen sich dezentriert, sich umbildet und die Bildung von neuem Wissen ermöglicht, die sich im Wortsinn aus den Weltarchiven speist.

Womit wir beim Bildungsbegriff wären, den Sie hinterfragen. Sie haben zu den Kompetenzen von geflüchteten Jugendlichen geforscht. Was waren die Ergebnisse? Und inwiefern ist das ein postkoloniales Thema?

LOUIS HENRI SEUKWA: Ich fange mit der zweiten Frage an. Es ging um die Kompetenzen von Flucht*Migrant:innen aus Afrika in Hamburg. Menschen aus Afrika überhaupt mit Kompetenzen in Verbindung zu bringen, ist schon mal eine Herausforderung für Vertreter kolonialen Denkens. Zudem versuche ich, eine Gegenbewegung anzunehmen, wenn es um Fluchtursachen geht. Fluchtursachen werden üblicherweise in die Herkunftsländer verlagert. Bei dieser Perspektive wird die Tatsache ausgeblendet, dass die Ursachen für Kriege, wirtschaftliche Armut und politische Krisen global sind und der Westen oft darin verstrickt ist. Deshalb geht es bei der Migrationspolitik nicht um eine humanitäre oder karitative Geste des Westens, sondern um die Wahrnehmung seiner politischen Verantwortung.

Und die Kompetenzen?

LOUIS HENRI SEUKWA: Was Kompetenzen für ein Bildungssystem sind, ist abhängig von der Erkennung und Anerkennung, also der Nutzbarmachung in den hiesigen Bildungsinstitutionen der oft im informellen oder non-formellen Sektor ihrer Herkunftsländer erworbenen Kompetenzen der Flucht*Migrant*innen. So weit, so banal. Die spannende Frage ist aber: Wie schaffen es die Geflüchteten überhaupt, so gut klarzukommen unter den erschwerten Bedingungen in Deutschland mit all den freiheitsberaubenden Strukturen und mit den Erfahrungen, die sie auf der Flucht gemacht haben? Ihre Kompetenz ist die Fähigkeit, den Widrigkeiten des Lebens zu trotzen, sich am eigenen Schopfe aus dem Dreck zu ziehen und mit den Regeln des Systems zu spielen, dem sie nicht entkommen können. Ich habe das „den Habitus der Überlebenskunst“ genannt.

Aber was folgt konkret aus dieser anderen Perspektive auf Geflüchtete?

LOUIS HENRI SEUKWA: Abgesehen von der Frage, wie wir diese Kompetenzen in unserem Bildungssystem nutzen können, eine Handlungsempfehlung: Wir sollten diese von Fremdbestimmung geprägten Strukturen in Ermöglichungsstrukturen transformieren, damit Menschen nicht resilient sein müssen, sondern Strukturen vorfinden, die ihnen auch ohne „den Habitus der Überlebenskunst“ ein gutes Leben ermöglichen.

Sie sind in kirchlichen Kreisen bekannt geworden, weil Sie sich sehr kritisch gegenüber kolonialer Erinnerungskultur im Hamburger Michel geäußert haben. Hatte Ihre Intervention Wirkung?

LOUIS HENRI SEUKWA: Ich habe mich ja erstmals 2002 kritisch in einer Rede vor dem Kirchenvorstand unter anderem über die Gedenktafel geäußert, die an die getöteten deutschen Soldaten erinnert, die mitgemacht haben bei der Vernichtung der Herero und Nama. Damals war das Thema noch nicht so präsent. Das haben Aktivisten aufgegriffen. 2013 gab es eine große Diskussion in der Kirche und unterschiedliche Vorschläge, wie man mit dieser Erinnerungskultur umgeht. Die Debatte läuft immer noch, und ich werde noch immer befragt. Die Intervention hatte also Wirkung.

Welchen Umgang wünschen Sie sich mit solchen historischen Zeugnissen der Kolonialzeit?

LOUIS HENRI SEUKWA: Sie sind und bleiben eine Herausforderung im wörtlichen Sinne. Sie stellen zwar ein Problem dar, bergen aber das Potenzial, aus einer negativ beladenen Vergangenheit heraus eine postkoloniale Lesart positiv zu gestalten. Voraussetzung ist aber, dass die historischen Zeugnisse eine politische und pädagogische Rolle spielen können. Das bedeutet, dass durch die öffentliche Auseinandersetzung die Geschichte, die damit verknüpft ist, differenziert und aus verschiedenen Perspektiven betrachtet wird. Es geht nicht um Schuldzuweisung, sondern darum, solche Orte zu nutzen und die Bevölkerung mit der Frage zu konfrontieren, was Kolonialismus eigentlich ist und was er für den Ort heute noch bedeutet. Mein Plädoyer ist also, diese Orte für die öffentliche Bildung zu nutzen.

Vor einem guten Jahr hat sich in Deutschland das „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“ gebildet, in dem mittlerweile über 600 Wissenschaftler organisiert sind. Sie sehen die Rede- und Forschungsfreiheit durch Genderstudies und Postkoloniale Forschung gefährdet. Wie beurteilen Sie das?

LOUIS HENRI SEUKWA: Das Gegenteil ist richtig: Netzwerke wie dieses gefährden unsere Forschungsfreiheit und unsere Freiheit überhaupt. Das sind reaktionäre Bewegungen, die wir auch in Frankreich und den USA beobachten können. Sie führen einen Art Krieg gegen eine Reihe realer oder eingebildeter Feinde, also Liberale, Linke, Marxisten, Minderheiten-, Einwanderungs- und Queer-Aktivisten, dekoloniale Feministen, Islam et cetera. Eine ihrer privilegierten Erzählungen lautet: Die Nachkommen der Kolonialisierten, die wir freundlicherweise in unser wissenschaftliches System integriert haben, versuchen, uns zu zerstören, anstatt dankbar zu sein. Ich werte solche Bewegungen als Rückzugsgefechte von Nostalgiker:innen einer eurozentrischen, kulturell, religiös und identitär monolithischen Gesellschaft. Das postkoloniale Denken ist hingegen ein Denken der Verschränkung und Verkettung. Es weist nachdrücklich darauf hin, dass Identität in der Vielfalt, in Relationen und Zerstreuung entsteht; dass der Bezug auf sich selbst nur in der Ko-Konstitution, also mit Anderen, möglich ist. Deshalb setzten die postkolonialen Perspektiven auf eine Zukunft, die das Aufkommen einer universellen und geschwisterlichen Gemeinschaft verwirklichen wird. Dies hat jedoch als Voraussetzung die Abschaffung der kolonialen Figuren des Unmenschlichen und der rassischen Differenz. Die Werte, die der Westen als universal proklamiert, werden in den postkolonialen Ansätzen tatsächlich als Prinzip für alle Menschen universalisiert. Ob die Mitglieder dieses merkwürdigen Netzwerkes das auch wollen, wage ich allerdings zu bezweifeln.

Die Sorge ist, dass es nicht um Ergänzung, sondern um die Zerstörung der Prinzipien der Aufklärung geht…

LOUIS HENRI SEUKWA: Danke für diese Frage, das postkoloniale Denken unterscheidet sich vom eurozentristischen rassistischen Denken genau darin, dass der Andere eben nicht zerstört wird, sondern prinzipiell eine Ko-Konstitution mit anderen angestrebt wird. Daher geht es zunächst einmal um die Kritik einer ganz bestimmten Auffassung von Vernunft, Humanismus und Universalismus. Die Kritik legt die Gewalt offen, die dieser Form von Vernunft innewohnt. Und die postkoloniale Lesart thematisiert die Kluft, die unter kolonialen Bedingungen das europäische ethische Denken von seinen praktischen politischen Entscheidungen trennt. Also die Kluft zwischen der Ordnung der Diskurse und der Ordnung der Praktiken.

Das müssen sie jetzt nochmal erklären.

LOUIS HENRI SEUKWA: Nehmen sie die allgemeine Erklärung der Menschenrechte 1948. Aus postkolonialer Perspektive ist da schon der Zeitpunkt problematisch. Erst die Barbareien des Zweiten Weltkrieges, unter denen die Europäer litten, haben sie erklären lassen, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Doch Genozide der Europäer gegenüber anderen nicht-europäischen Völkern gab es schon vor diesem Krieg, und der Kolonialismus war zu diesem Zeitpunkt noch voll im Gange. Die Siegermächte haben afrikanische Länder als Kriegsbeute erhalten. Daran sehen Sie: Wenn das koloniale Wissen vom Menschen redet, redet es nur von sich selbst. Und die postkoloniale Theorie fordert nun: Nehmt Eure Ideale und ethische Prinzipien ernst und wendet sie auf alle Menschen an. Es geht also nicht um die Zerstörung dieser Prinzipien, sondern um ihre Universalität. Wir brauchen eine Aufklärung 2.0, wenn wir den Begriff überhaupt noch verwenden wollen.

Das Gespräch führte Stephan Kosch am 19. Mai via zoom.

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Foto: Paula Markert

Louis Henri Seukwa

Dr. Louis Henri Seukwa ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Hochschule für angewandte Wissenschaft in Hamurg.
 


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