Durchkomponierte Einseitigkeit

Warum die EKD ihre kirchenpolitisch-ökumenische Haltung im Hinblick auf die Russische Orthodoxe Kirche aufarbeiten sollte
Eng verbandelt: Patriarch Kyrill und Russlands Staatspräsident Wladimir Putin am Tag der nationalen Einheit in Moskau am 5. November 2018.
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Eng verbandelt: Patriarch Kyrill und Russlands Staatspräsident Wladimir Putin am Tag der nationalen Einheit in Moskau am 5. November 2018.

Am Freitag vor Pfingsten wurde ein Offener Brief bekannt, in dem die EKD und der Ökumenische Rat der Kirchen aufgefordert werden, ihren Dialog mit der Russisch-Orthodoxen Kirche zu beenden. Initiatorin Katharina Kunter und Mitunterzeichnerin Gisa Bauer erläutern in ihrem Text Anlass und Hintergrund dieses außergewöhnlichen Schrittes.

In der Woche vor Pfingsten initiierten Katharina Kunter, Professorin für Kirchengeschichte in Helsinki, und Ellen Ueberschär, evangelische Theologin und Vorständin der Berliner Stephanus-Stiftung, einen Offenen Brief an Synode und Rat der EKD sowie den Generalsekretär des Ökumenischen Rats der Kirchen , der am Freitag vor Pfingsten veröffentlicht wurde.

Der Brief entfaltet zum einen die Bitte um eine stärkere Berücksichtigung des Leids in der Ukraine und insbesondere der ukrainischen Kirchen sowie um ein Moratorium für jeglichen bilateralen Dialog auf kirchenleitender Ebene zwischen EKD, ÖRK und der Moskauer Führungsspitze der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK). Und außerdem fordert der Brief die sorgfältige Prüfung durch den Zentralausschuss des ÖRK, ob und wie die Mitgliedschaft der ROK ausgesetzt werden kann.

Der Anlass und der Grund für diesen Brief liegt auf der Hand: Die Kirchenleitung der Russisch Orthodoxen Kirche (ROK) heißt den Überfallskrieg Russlands auf die Ukraine nicht nur gut – sie legitimiert ihn theologisch und apostrophiert ihn als einen Heiligen Krieg, einen Krieg zwischen Gut und Böse, wobei „der Westen“ und die Ukraine die Rolle des Bösen und Teuflischen einnehmen.

Signal in „falsche Richtung“

Die Antwort auf den Offenen Brief seitens des Kirchenamtes der EKD und der Leiterin der Hauptabteilung Ökumene und Auslandsarbeit, Bischöfin Petra Bosse-Huber, war bereits am Nachmittag des Veröffentlichungstages auf der Homepage der EKD zu lesen: Pointiert heißt es darin, dass dieser Offene Brief ein Signal in die „falsche Richtung“ sei, da dadurch „ein großer Teil der orthodoxen Christinnen und Christen aus der weltweiten ökumenischen Gemeinschaft ausgeschlossen“ würde und „einer pauschalen Wahrnehmung der russischen Orthodoxie und deren Einordnung in ein uniformes Feindbild von Russland entschieden entgegenzuwirken“ sei. „Angesichts der inneren Pluralität der russischen Orthodoxie“ unterstütze man die „Bemühungen, Brücken des Dialogs aufrechtzuerhalten“, die „Wege eröffnen“ könnten, „die für einen Friedensprozess von großer Bedeutung sein werden“.

So sehr man grundsätzlichen Termini in dieser Replik zustimmen möchte – wer würde in diesen schrecklichen Kriegszeiten Brückenbauen im Hinblick auf spätere Friedensprozesse nicht befürworten –, besteht das grundsätzliche Problem der EKD-Verlautbarung darin, dass hier trotz der proklamierten Wahrnehmung von orthodoxer Polyphonie weiterhin offensiv an der Kirchenleitung der ROK als Gesprächspartnerin festgehalten wird. Das ist die Fortführung eines kirchenpolitisch-ökumenischen Kurses der EKD in den vergangenen Jahrzehnten, der mit der Positionierung der Kirchenleitung der ROK zum Angriffskrieg gegen die Ukraine definitiv an seine Grenzen gekommen ist.

Es ist daher dringend angeraten, den Dialog der EKD mit der ROK nun nicht nur mit einigen Floskeln zu modifizieren, sondern ihn grundlegend zu analysieren, aufzuarbeiten, kirchenpolitische Konsequenzen zu tragen und eine zukunftsträchtige langfristige Strategie für ökumenische Kontakte im postsowjetischen Raum zu entwickeln. Diese Strategie sollte tatsächlich der Mehrstimmigkeit in der Orthodoxie – nicht nur der russischen– Rechnung tragen. Sie sollte weiterhin – und auch das ist in den Dialogen der letzten Jahrzehnte immer mehr obsolet geworden – das Gespräch auf Augenhöhe pflegen, sprich das Einbringen der eigenen Ethik und der eigenen christlichen Werte in die Debatten und nicht ihr Verschweigen um das „Dass“ des Gespräches willen.

Alleingang mit Vorlage

Das zeitlose Festhalten an der Ostpolitik der 1960-er und 1970-er Jahre, die Konzentration auf die Ost-West-Aussöhnung mit der Sowjetunion, für die Martin Niemöller mit seinem Alleingang nach Moskau bereits 1952 die Vorlage lieferte, ist ein Aspekt des alten kirchenpolitisch-ökumenischen Kurses der EKD gegenüber Russland, der sich allerdings bis heute, zumindest aber bis Februar 2022, fortsetzte.

Ein weiterer Strang ergibt sich durch den Einfluss von politisch linken Protagonisten und SPD-nahen EKD-Vertretern auf die Dialogpolitik mit der ROK, die die Linie „Wandel durch Annäherung“ ohne Berücksichtigung aktueller historischer Veränderungen kirchlicherseits fortführten. Diese Parteinahme wurde flankiert vom Ausschluss kritischer Stimmen, selbst wenn die dazugehörigen Personen auf dem Feld der Orthodoxie- und Osteuropa-Forschung hochkompetent waren, von der Mitarbeit in den entsprechenden Gremien. Komplettiert wurde das Bild durchkomponierter Einseitigkeit von der Verdrängung der trennenden ethischen und kirchenpolitischen Abgründe durch eine Überbetonung rein spiritueller Fragen.

Ein grundlegendes Problem aber stellten die nicht vorhandenen Kontakte zur Basis der russische und ukrainischen Orthodoxie dar - zumindest wird davon offiziell nicht gesprochen. Dadurch fehlt ein Bewusstsein von einer kirchlichen Mehrstimmigkeit, die nicht nur die russische Orthodoxie umfasst, sondern auch die orthodoxen Nationalkirchen in Ost- und Südosteuropa und die Auslandsgemeinden in Westeuropa.

Erfahrungen von Laien ausgeblendet

Weil die Erfahrungen von liberalen westlich orientierten orthodoxen Laien und Theologen ausgeblendet wurden, sah und hörte man seitens der EKD nicht, dass sich in Russland seit 2010 mit Putins Rückkehr ins Präsidentenamt ein diktatorisches System den Weg bahnte. Dessen Projekt der „Russkij mir“, der russischen Welt, für die die Sowjetunion Pate steht, muss von vornherein ein Festhalten an der Ostpolitik der 1960er- und 1970er- Jahre und die Fixierung auf Russland als Synonym für die Sowjetunion, desavouieren.

Es ist nicht ohne Ironie, dass Kritik an Russland und der Putin-freundlichen ROK-Leitung bis in jüngste Zeit in manchen Kreisen der EKD und der Ökumene als Rückfall in die Kalte-Kriegs-Mentalität gewertet wurde, ohne zu reflektieren, dass man selbst dem Denken in den Kategorien des Kalten Krieges verhaftet war und ist.

Die starke Russlandorientierung ist aber nicht nur eine Wahrnehmungsverzerrung innerhalb der Ökumene oder der evangelischen Kirchen in Deutschland, sondern auch innerhalb der wissenschaftlichen Konfessionskunde, die sich mit Orthodoxie und Osteuropa beschäftigt. Die Dominanz Russlands in der Wahrnehmung aber führt wiederum zu einer Vernachlässigung der mitteleuropäischen Länder und Kirchen und ihrer geopolitischen Situation sowie zur Ignoranz ihrer bewusst gewählten west- und eben nicht russlandorientierten politischen Sicherheitsinteressen.

Das kann nur verstehen, wer mit einer historischen Perspektive auf die grausamen Erfahrungen blickt, die diese Länder mit der Sowjetunion machen mussten. Das Resultat einer verzerrten Wahrnehmung zeigte sich dagegen bereits deutlich nach der russischen Annexion der Krim 2014, als die EKD und ihre zuständige Abteilung für Auslandsarbeit und Ökumene verhältnismäßig still blieben.

Annexion mit keinem Wort erwähnt

In dem Gebetsvorschlag der EKD vom 3. März 2014 war lediglich die Rede von „Streit und [...] Zwietracht in der Ukraine“. Russland und seine völkerrechtswidrige Annexion wurden mit keinem Wort erwähnt, auch nicht in der zu dem Gebetsvorschlag dazugehörenden Stellungnahme , die lediglich von „Eskalation und Spannungen in der
Ukraine“ sowie von „militärischen Bewegungen, Mobilmachung und eine[r] kriegerische[n] Rhetorik“ sprach und zu „Gespräch und Verhandlungen“ aufrief. Mindestens angesichts der derzeitigen Situation muss kritisch die Frage gestellt werden, wie unabhängig die Ostkirchenarbeit der EKD ist und welchen Vorschub für die gegenwärtige Situation ihre Sicht leistete.

Eine kritische Aufarbeitung der früheren kirchenpolitisch-ökumenischen Stoßrichtung ist dringendst angeraten. Dabei wird auch die in Zeiten des Kalten Krieges gepflegte Dialogrhetorik noch einmal gründlich zu analysieren sein.

Die genannten Überlegungen sind dabei nur einige summarische Beobachtungen aus zeitgeschichtlicher Perspektive und decken nicht das gesamte Problemfeld ab, besonders nicht die komplexen Vernetzungen mit dem gesamten Bereich Osteuropaforschung. Ein nicht unerhebliches Problem ist unter anderem der sukzessive Abbau von Professuren, Studiengängen und Einrichtungen an Universitäten, die sich mit Osteuropa und Kirchen in Osteuropa beschäftigen und die damit immer geringer werdende Expertise auf diesem Gebiet (eine Schilderung der Gesamtsituation findet sich hier ).

Kleiner Kreis der Kundigen

Vor einer Woche führte Stefan Kube, Chefredakteur von „Religion und Gesellschaft in Ost und West“ in dem Format „NÖK – Nachgefragt“ ein Interview mit der katholischen Theologin und Osteuropaforscherin Regina Elsner, der Göttinger Professorin für Ökumenische Theologie und Orthodoxes Christentum Jennifer Wasmuth und dem Wiener orthodoxen Theologen Ioan Moga über den „Krieg in der Ukraine und seine Auswirkungen auf die Ukraine“ . Das Gespräch macht deutlich, wie sehr auf der Seite der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit dem Thema gerungen und wie differenziert es angegangen wird.

Es macht aber auch deutlich, wie klein der Kreis derer ist, die sich dazu tatsächlich kompetent äußern können. Bezeichnenderweise ist es aber gerade diese zahlenmäßig kleine Gruppe der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die überhaupt auf substanzielle Kontakte in Russland und im osteuropäischen Raum zurückgreifen kann, die nicht stromlinienförmig die offizielle Kirchenpolitik vertritt.

Es ist bizarr, dass den Kritikerinnen und Kritikern des Festhaltens der EKD an der derzeitigen Kirchenleitung der ROK offen oder implizit vorgeworfen wird, sie hätten eine „pauschale[...] Wahrnehmung der russischen Orthodoxie“ und würden sie „in ein uniformes Feindbild von Russland“ einordnen oder gar ein „monströses Feindbild“ der ROK entwickeln, wie der ehemalige Orthodoxiereferent im Kirchlichen Außenamt und jetzige Leiter des Referats Mittel-, Ost und Südosteuropa der EKD, Oberkirchenrat Martin Illert jüngst in einem Beitrag an dieser Stelle ausführte. Es ist im Gegenteil gerade die Beunruhigung über die nach wie vor zu beobachtende Ignoranz der Vielstimmigkeit in der Orthodoxie bei den entsprechenden Stellen der EKD, die Hintergrund des Offenen Briefes vom vergangenen Freitag ist und die die zahlreichenden Unterzeichnenden umtreibt.

Echter Neuansatz nötig

Zu dieser Polyphonie, das sei hier einmal explizit ausgesprochen, gehören eben auch die Stimmen der Oppositionellen, der Dissidenten, der unbotmäßigen Theologen, die häufig unter existentiellen Bedrohungen das Land verlassen, dazu gehören die Stimmen von Frauen und LGBT in der russischen Kirche, von Priestern, die in Spannungen mit der Kirchenleitung stehen, von kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und orthodoxen Laien, die sich gegen den Krieg aussprechen und so weiter und so fort.

Um zukünftige Dialoge so aufzustellen, dass diese Menschen, diese Christinnen und Christen in Russland, seitens der EKD wahrgenommen werden und dass ihre theologischen und ethischen Ansätze, Anliegen und Werte Vorrang haben vor einem Handshaking mit Kyrill und Co. und den exotisch-anheimelnden Bildern orthodoxer Gottesdienste – dazu bedarf es wahrlich eines echten Neuansatzes im Dialog mit der Kirche in Russland und eben ihrer verschiedenen Vertreterinnen und Vertreter.

Darüber hinaus ist es unabdingbar, dass nun endlich auch im ökumenischen Dialog der Blick auf die nicht-russländischen orthodoxen Kirchen gerichtet wird, insbesondere die ukrainische, und deren Perspektive eingenommen wird. Es ist nicht nachvollziehbar, warum es auch heute noch so schwer fällt, sich auf die Opfer in der Ukraine zu konzentrieren, und warum immer noch implizit die Täter-Perspektive eingenommen wird – und nein, mit „Tätern“ ist nicht die gesamte ROK gemeint, sehr wohl aber diejenigen, die den Krieg unterstützen.

Angesichts der anstehenden ÖRK-Vollversammlung vom 31. August bis 8. September in Karlsruhe ist die Klärung dieser Fragen nicht nur wichtig, sondern auch überaus dringlich. Denn welches Bild würde es abgeben, wenn in einem Land mit weit über einhundertausend ukrainischen Flüchtlingen in einem im alten Dialogsinn und den alten Argumenten moderierten Panel, Vertreter der ROK mit ein oder zwei orthodoxen Theologen aus der Ukraine über den Krieg diskutieren? Es würde kaum das Bild einer Kirche sein, die sich wie die EKD sonst in anderen Zusammenhängen so offensiv, keinen Verlust scheuend und durchaus selbstkritisch der eigenen Geschichte gegenüber auf die Seite der Schwachen, der Misshandelten und der Opfer stellt!

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Gisa Bauer

Prof. Dr. Gisa Bauer, geboren 1970, ist seit 2022 berufene Professorin für Historische Theologie und ihre Didaktik am Institut für Evangelische Theologie der Universität zu Köln und war von 2012 bis 2016 in einer kirchlichen Einrichtung im Bereich der ostkirchlichen Konfessionskunde tätig.

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Katharina Kunter

Prof. Dr. Katharina Kunter, geboren 1968, ist seit 2020 Professorin für Contemporary Church History specifically Nordic Countries and Europe an der Theologischen Fakultät der Universität Helsinki. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte der Ökumenischen Bewegung sowie die Kirchliche Zeitgeschichte Osteuropas.


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