Gegen die Geisel

Ethik politischer Gewalt

Es ist eine enorme Fleißarbeit, die der vormalige evangelische Militärdekan Hartwig von Schubert hier als Habilitationsschrift vorlegt: Mit einem sehr umfänglichen wissenschaftlichen Apparat wagt der Autor immer neu den Versuch, eine theologische Ethik in Fragen militärischer und politischer Gewalt zu entwickeln. Aber gelingt dies?

Der Titel Nieder mit dem Krieg ist von Karl Liebknecht entliehen, der dies 1916 auf dem Potsdamer Platz in Berlin ausrief. Doch forderte der Revolutionär nicht nur die Abschaffung von Krieg, sondern mehr noch die der Reichsregierung.

In der Folge zeigt das Buch die stete ethische Verquickung militärischer und politischer Gewalt von der Antike über Immanuel Kant bis zur Gegenwart. Eindrucksvoll gelingt es dem Autor, „Religion als Forum des Politischen“ zu beschreiben und dabei biblische Texte überraschend zu deuten.

Was die Fragen militärischer Gewalt anbelangt, so von Schubert, mache es sich die EKD allerdings zu leicht, wenn sie als „Kirche auf dem Weg der Gerechtigkeit und des Friedens“ Gewalt immer als Niederlage sehe und frage, ob zuvor alles zur Prävention und gewaltfreien Konfliktlösung getan worden sei. Ein Staat dürfe sehr wohl militärische Maßnahmen der Gefahrenabwehr ergreifen, wenn auch als ultima ratio. Von der Ethik dürfe niemand „Lösungen gegen die Geisel des Krieges“ erwarten, aber doch die Anerkenntnis von Strukturgegensätzen. Eine „ethische Reflexion des Rechts bewaffneter Konflikte, und zwar in ihrer gesamten Bandbreite vom Nuklearkrieg über den konventionellen bis zum asymmetrischen Krieg“, stelle sich künftig als Herausforderung.

Hartwig von Schubert ist Privatdozent an der Universität Hamburg und hat in seiner Lehrtätigkeit an der Führungsakademie der Bundeswehr in der Hansestadt hohe Expertise in Sachen theologische Ethik und militärische Gewalt verkörpert.

Als Resümee plädiert der Autor für die „Konstituierung stabiler politischer Subjekte“ in Europa und weltweit, die „Modernisierungen und Globalisierungen und ihre bedrohlichen Ambivalenzen einhegen.“ Dass der Diplomatie dabei eine verantwortungsvolle Rolle zukommt, versteht sich. Dass aber gerade zivile Akteure wie Hilfsorganisationen bei der Befriedung von Konflikten eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen, ist für den Autor eine wichtige Lehre, die aber – nebenbei bemerkt – zuletzt in Afghanistan medial kaum transportiert wurde. Der Fokus der Berichterstattung liegt zu oft auf den militärischen Einsätzen. Überzeugend ist dann auch die Feststellung, dass die Ursachen für Konflikte oft tiefer liegen: „Solange sich ganze Gesellschaften aus bewaffneten Konflikten ernähren, muss jemand beantworten, wovon sie andernfalls leben sollen.“ Auch das trifft für den Afghanistan-Krieg zu.

Zum Schluss geht es um die Fortentwicklung einer theologischen Ethik politisch militärischer Gewalt. Ein Stichwort lautet: politischer Frieden in der Welt. Von Schubert fragt: „Lässt sich die Welt nicht verbessern? Werden wir niemals den Krieg erfolgreich ächten, die Armut besiegen, die Biosphäre retten, unsere Bestimmung erfüllen?“

Mit der Realitätserfahrung des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine wäre der Autor heute zu einer schärferen Konkretion herausgefordert worden. Aber er fordert hier bereits, jede theologische Ethik gerade im Blick auf die militärische Gewalt weiterzutreiben. Ein klares Signal an die bevorstehenden kirchlichen Debatten in der EKD und ihren Landeskirchen.

Eine Antwort gibt der Autor für die wohl unlösbaren Fragen mit einem Gedicht Gottfried Kellers – durchaus trefflich: Vier Zeilen darin lauten: „Es ist ein weißes Pergament. Die Zeit und jeder schreibt mit seinem roten Blut darauf, bis ihn der Strom vertreibt.“

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Foto: privat

Roger Töpelmann

Dr. Roger Töpelmann ist Pfarrer i.R. Er war bis 2020 u.a. Pressesprecher des Evangelischen Militärbischofs in Berlin.


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