Calvin und die Ukraine

Ein friedensethischer Impuls aus reformierter Tradition
Friedenstaube von Bansky in einer Ausstellung zum Thema Frieden in Münster im Jahr 2018.
Foto: epd
Friedenstaube von Bansky in einer Ausstellung zum Thema Frieden in Münster im Jahr 2018.

Wer so tut, als gäbe es nur das Gegenüber eines  „gerechten Krieges“ und eines naiv-weltfremd anmutenden absoluten Pazifismus, der verkürze, meint der Theologieprofessor und evangelische Ethiker Marco Hofheinz. Denn ein Blick auf den Reformator Johannes  Calvin verdeutliche: Widerstand lässt sich nicht auf Gewaltanwendung und robusten Waffengebrauch reduzieren. 

Was können wir tun? Können wir tatsächlich nichts tun? So fragen sich gegenwärtig viele Christenmenschen angesichts des nicht-mit-anzusehenden Kriegsleides in der Ukraine sowie der unfassbar brutalen Kriegsverbrechen (etwa in Butscha) und Menschenrechtsverletzungen, mit denen wir täglich medial konfrontiert werden. Was uns die Flüchtenden aus der Ukraine berichten, bestätigt schlimmste Befürchtungen. Wer nicht völlig abgestumpft ist, für den/die wird die Ausgangsfrage unabweisbar, was wir tun können.

Wer hätte es vor Kurzem noch für möglich gehalten, dass in einer „postheroischen Gesellschaft“ (Herfried Münkler) der heldenhaft anmutende Kampf gegen einen Aggressor unsere nahezu ungeteilte Sympathie finden würde? Die Rollenverteilung ist nach dem offenkundigen Völkerrechtsbruch, den die Invasion in der Ukraine bedeutet, zu eindeutig und die Lügen der Invasoren nach dem nahezu einhelligen Urteil der Völkergemeinschaft zu dreist, als dass man der Ukraine etwa das völkerrechtlich verbriefte Recht auf Selbstverteidigung auch nur moralisch absprechen könnte (vgl. Art. 51 der UN-Charta). Von ukrainischer Seite aus wird eben nicht Macht an die Stelle des Rechts gesetzt, wie dies der enthemmte Despot im Kreml tut.

Die Anwendung rechtswahrender Gewalt, die im Not- bzw. Grenzfall die robuste Rechtsdurchsetzung mittels Waffengewalt einschließt, gehört auch zum Leitbild des „gerechten Friedens“, wie es die EKD etwa in ihrer Friedensdenkschrift von 2007 vertritt. Optional vorrangig ist nach derselben gleichwohl die Gewaltlosigkeit. Nach ihr gilt es zu fragen, auch wenn man wie ich kein radikaler oder absoluter Pazifist ist. Die Stimme des Bergpredigers, der uns die „intelligente Feindesliebe“ (C.F. von Weizsäcker) lehrt, meldet sich – gewiss auch bisweilen ungebeten – zu Wort, so dass wir dann nicht anders können, als mit Martin Niemöller zu fragen: Was würde Jesus wohl sagen? Diese ethische Frage geht in ihrer theologischen Pointierung nicht in der Frage nach dem Recht auf, auch wenn sie (de lege ferenda) die Frage nach dem „besseren Recht“ (Helmut Simon) wachruft.

Erinnerung an Hugenotten

Als reformierte Christenmenschen erinnert uns besagte Ausgangsfrage an die Anfrage der bedrängten hugenottischen Gemeinde in Aix en Provence an den Genfer Reformator Johannes Calvin im Mai 1561:[1] Was können wir in der Verfolgung tun? Sollen wir uns gegen unsere Feinde mit Waffengewalt wehren? Sollen wir etwa unseren Feinden nachgeben und sie triumphieren lassen? Calvins Antwort überrascht. Er spricht sich gegen eine Gegenwehr in der Verfolgung aus: „Wenn wir nun aber dem Bösen mit Waffengewalt widerstehen, so hindern wir Gott uns zu helfen.“ Kennt Calvin etwa keine Mitarbeit (cooperatio) des Menschen mit Gott? So fragen wir uns befremdet. Und unsere Einwände imaginieren die tapferen Soldat:innen in der Ukraine, die sich zum Teil auch in der festen Gewissheit um Gottes Beistand ihren Feinden widersetzen, welche sich zum Teil gewiss auch auf der Seite Gottes wähnen.

Calvin stellt die Eindeutigkeit solcher (schein-)plausiblen Zuschreibungen infrage und zwar mit dem Verweis auf Gottes Handeln und unsere „Eilfertigkeit“, „denn es fällt uns schwer, Gott die Ehre zu lassen, dass er nach seiner Weise handle und nicht nach unserm Gutdünken.“ Damit spricht sich Calvin keineswegs für eine Gleichgültigkeit aus, die anteilnahmslos dem Leid unschuldiger Opfer auf Seiten aller Kriegsparteien gegenübersteht. Calvin votiert vielmehr für einen dritten Weg, also eine Option jenseits der vordergründigen Alternative. Indifferenz kommt für ihn dabei nicht infrage: „[…] hundertmal lieber sterben als nachgeben! Aber das hindert nicht, dass wir auch dulden und, geführt von einem milden Geist, die Angriffe unserer Feinde brechen, ohne uns zu rühren.“ Hier tritt eine neue Option überraschend in den Blick, ein resilientes Dulden, das nicht untätig, sondern höchst tätig ist, nämlich „arbeitet“: „In diesen Zeiten müssen wir einerseits arbeiten und andererseits dulden.“ Diese Duldung schließt nach Calvin die Arbeit für den Frieden keineswegs aus.

Es will so scheinen, als spräche Calvin zeitversetzt in unsere Gegenwart hinein und als wolle er uns einen Impuls mit auf den Weg unseres friedensethischen Fragens geben. Dabei gilt es natürlich zu bedenken: Gewiss ist die verfolgte hugenottische Gemeinde unter dem Kreuz nicht die Ukraine nach dem russischen Angriff vom 24.2.2022, ebenso wenig wie wir reformierte Christ:innen heute Calvins theologische Kompetenz von damals besitzen. Und ebenso gewiss sind wir heute als Christenmenschen nicht mehr in gleicher Weise auf unseren Vorsehungsglaubens hin ansprechbar wie die Glaubensgeschwister, die Calvin damals vor Augen gestanden haben dürften. Die Differenz zwischen der hugenottischen Gemeinde und der ukrainischen Gesellschaft sollte also nicht verkannt werden: Denn eine Glaubensverfolgung und der Drang einer religiösen Minderheit nach Glaubensfreiheit sind etwas anderes als der politische Freiheitsdrang einer sich liberal-europäisch neuausrichtenden nationalen Bewegung, die einen Staat ergreift, wie dies etwa für die sogenannte Maidanbewegung gilt.

Trotz dieser Differenz inspiriert Calvins Impuls, in einer scheinbar festgefahrenen Debatte die eigene innere Capslock-Taste zu lösen, die uns als Umschaltsperre auf zwei scheinbar alternativlose Optionen festlegt – nach der binären Logik des Sachzwangs: tertium non datur. Denn Calvin verdeutlicht uns: Widerstand lässt sich nicht auf Gewaltanwendung und robusten Waffengebrauch reduzieren. Es gibt durchaus effektive Formen des Widerstandes, die diese Engführung sprengen. Die Praxen des gewaltfreien Widerstandes wie etwa die Strategie der sozialen Verteidigung gehören dazu. Diese weiten die Wahrnehmung und verdeutlichen, dass es nicht um die schlichte Alternative von Untätigkeit und bewaffnetem Widerstand geht.

Der Verwundbarkeit bewusst sein

Der bulgarische Politologe und Politikberater Ivan Krăstev hat in der „Zeit“ gemahnt, nicht einseitig auf „hard power“ oder „soft power“ zu setzen, sondern auf die Macht der Resilienz. Diese Macht liegt nämlich nicht einfach in den Fähigkeiten des Staates, sondern in der Gesellschaft. Primär auf der gesellschaftlichen Ebene agiert übrigens auch Kirche als zivilgesellschaftlicher Player und nicht einfach nur als institutionelles Gegenüber des Staates. Es geht Krăstev bei der Resilienz um eine Widerstandsfähigkeit, die „sich weder an der Höhe ihres Bruttoinlandsprodukts noch an ihrer militärischen Stärke bemessen [lässt]. Die widerstandsfähige Gesellschaft setzt resiliente Individuen und eine lebendige Zivilgesellschaft voraus. Sie setzt voraus, sich ihrer eigenen Verwundbarkeit bewusst zu sein. Im Zeitalter der Resilienz zählt eher der Schmerz, den man ertragen kann, als der Schmerz, den man anderen zufügen kann.“ Krăstev identifiziert Resilienz als „die Fähigkeit liberal-demokratischer Gesellschaften, andere daran zu hindern, ihre Verwundbarkeit als Waffe gegen sie einzusetzen.“

Die Quellen der Resilienz mögen mit reformatorischem Vorsehungsglauben und spätneuzeitlichem politischen Freiheitsdrang unterschiedlich beschaffen sein; und doch erinnert uns Calvins Märtyrertheologie in einer gewissen Analogie zu Krăstevs Plädoyer daran, was wir in diesen Zeiten brauchen: eine Leidensbereitschaft, die sich ihren Widerstand etwas kosten lässt.

Dies betrifft auch uns und nicht etwa nur die Ukrainer:innen. Halbherzige Sanktionen seitens des Westens etwa sind mit dieser Resilienz wohl kaum zu vereinbaren. Einschneidende Wohlstandseinschränkungen, die uns empfindlich treffen, und die Bereitschaft, diese bewusst zu ertragen und als eigenen widerständigen Beitrag hinzunehmen, liegen in der Konsequenz dieses Plädoyers. Wer meint, dass es bei der Resilienz mit wohlfeilen Forderungen aus dem warmen heimischen Wohnzimmer heraus an „die“ Ukraine getan sei, der dürfte irren. Aus dem sicheren Deutschland empfiehlt sich den verzweifelten Ukrainer:innen der gewaltlose Widerstand gewiss nur allzu leicht. Jenseits westlicher Bevormundung gibt es freilich auch in der Ukraine solche Stimmen, die nicht nur glücklich mit unseren Waffenlieferungen sind, so unverzichtbar sie momentan auch zu sein scheinen. Sie bedeuten eben auch hinsichtlich des momentan überraschend offenen Ausgangs des Krieges, dass die Zahl der Opfer und grausamster Kriegsverbrechen noch länger dauern wird.

Konturen am Horizont

Auch hier zeigt sich: Resilienz ist nicht einfach nur ein zu allen Opfern bereiter, heldenhaft und bewundernswert anmutender gewaltsam-bewaffneter Widerstand, für den etwa die Brüder Klitschko stehen. Wer so tut, als gäbe es nur das dilemmahafte Gegenüber eines realpolitisch gestützten „gerechten Krieges“ auf der einen Seite und eines naiv-weltfremd anmutenden absoluten Pazifismus auf der anderen Seite, der verkürzt mehr oder weniger phantasielos. Eine Resilienz ist etwa auch in besetzten Gebieten gefragt, die gegebenenfalls auch dazu bereit ist, sich einem Diktator im Sinne des zivilen Ungehorsams zu verweigern, gegenüber einer Besatzungsmacht einen Generalstreik mit aller Konsequenz durchzuführen (in dem Wissen: Tausende Ukrainer:innen können nicht gleichzeitig weggesperrt werden) und die sich gerade so ihre innere Freiheit im Kampf um die äußere Freiheit nicht rauben lässt.

Denn eines will stets bedacht sein: Ein Krieg wie der Ukrainekrieg wird eben nicht nur zwischen Staaten geführt, sondern ohne den gewonnenen Kampf um eine Gesellschaft kann auch ein solcher Krieg nicht mehr gewonnen werden. Deshalb ist Resilienz auf der gesellschaftlichen Ebene so wichtig. Auf sie zielt jener Widerstand ab, der bei Calvin in Erscheinung tritt und der eben nicht nur darin bestehen, sich mit Waffengewalt gegen einen Aggressor zu verteidigen. Am Horizont zeichnen sich als Ziel solcher Resilienz Konturen eines gerechten Friedens ab, bei dem nicht nur die Waffen schweigen und dem nicht jedes Mittel für die Realisierung seines Gerechtigkeitsideal recht ist.

Calvin beschließt seinen Brief an die verfolgte Gemeinde in Aix en Provence mit dem vorsehungsgezogenen Verweis auf die „gute Zuversicht auf Gott, dass er in Bälde seine Hand zu Eurem Schutz wird erscheinen lassen.“ „Darum“, so Calvin weiter, „wollen wir ihn bitten, Euch zu führen durch den Geist der Klugheit und der Kraft, Euch fortschreiten zu lassen in allem Guten, damit sein Name immer mehr verherrlicht werde an Euch.“ Eine solche Hoffnung auf Gottes intervenierendes Handeln trägt das Ethos des Calvinschen Impulses. Er ist von bleibender Aktualität – auch und gerade in diesen bedrängenden Zeiten.

 

[1] In: Rudolf Schwarz (Hg.), Johannes Calvins Lebenswerk in seinen Briefen. Eine Auswahl von Briefen Calvins in deutscher Übersetzung. Dritter Band: Die Briefe der Jahre 1556–1564, Neukirchen 1962, 1118f.

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Marco Hofheinz

Marco Hofheinz ist Professor für Systematische Theologie (Schwerpunkt Ethik) am Institut für Theologie der Universität Hannover.


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