Aus Fehlern lernen

Lesebuch Entwicklungspolitik

Zum 60-jährigen Bestehen des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ist auf Initiative von leitenden Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ein höchst aufschlussreiches und anregendes Buch erschienen.

Wer dieses „Lesebuch“ zur Hand nimmt, bekommt einen einmaligen Einblick in die Innenansicht dieses relativ kleinen Ministeriums, das sich jedoch der größten aller Herausforderungen stellt, nämlich, die Welt gerechter zu gestalten. Man begegnet den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die bereit sind, sich dieser großen Aufgabe zu stellen – im deutlichen Bewusstsein, dass man an ihr nur scheitern kann. Doch es kommt darauf an, so die Botschaft dieses Buches, aus den Fehlern zu lernen und entschlossen an dem Ziel, das gut und richtig ist, festzuhalten.

In seinem letzten und längsten Kapitel wirft das Buch Schlaglichter auf Erfreuliches und weniger Erfreuliches, erlebt im beruflichen Einsatz für globale Entwicklung. In weiteren Kapiteln kommen die internationalen Partner und Partnerinnen zu Wort, aber auch einige der Minister und Ministerinnen. Von Walter Scheel (1961 – 1966) angefangen, über Heidemarie Wieczorek-Zeul (1998 – 2009) und Dirk Niebel (2009 – 2013) bis zu Gerd Müller (2013 – 2021) dokumentieren Statements und Interviews, welche Impulse die Leitung des Ministeriums gesetzt und welche Richtung sie vorzugeben versucht hat. Sehr schön tritt dabei hervor, wie sich die Zielsetzungen der Entwicklungspolitik gewandelt haben: Weg von der bevormundenden „Entwicklungshilfe“ und der besserwisserischen Projektförderung, hin zu einer gerechteren Gestaltung der weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen und einer ökologischen Transformation zu einer nachhaltigen Entwicklung, die gerade die Industrieländer vor die größten Herausforderungen stellt.

Das erste und inhaltliche gewichtigste Kapitel des Buches bietet eine Sammlung kritischer Rückblicke auf die zurückliegenden sechzig Jahre deutscher Entwicklungspolitik. Es wird aufgeführt, was gelungen ist und wo die Erwartungen enttäuscht wurden. Auf wissenschaftlichem Niveau werden die Debatten um den Nutzen und Nachteil nicht nur von „Entwicklungshilfe“, sondern des Entwicklungsdenkens überhaupt aufgenommen. Einige dieser Texte sind schon an anderer Stelle veröffentlicht worden. Ihre Zusammenstellung in diesem Jubiläumsband zeigt nun jedoch, wie sehr die kritische Selbstreflexion hinsichtlich der Ziele und Methoden internationaler Entwicklungszusammenarbeit sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des BMZ zieht und gewissermaßen zur DNA des Hauses gehört.

Man hat gelernt, dass das die Entwicklungspolitik in ihren Anfängen leitende Konzept einer „nachholenden Entwicklung“, die die „Entwicklungsländer“ auf das technische und wirtschaftliche Niveau der Industrienationen heben sollte, falsch war. Dass jede Form von Entwicklungszusammenarbeit, die nicht auf der Selbstbestimmungsfähigkeit und Souveränität der Partner aufbaut, mehr schadet, als dass sie nützt. Dass kein Land ein anderes entwickeln kann. Dass, was „Entwicklung“ oder „Fortschritt“ heißt, im jeweiligen kulturellen Kontext zu sehen ist.

Die praktischen Schlussfolgerungen aus der kritischen Reflexion von sechzig Jahren Entwicklungszusammenarbeit lassen sich mit diesem Buch in der Hand in vier Punkten zusammenfassen: Entwicklung ist als globale Transformation zu gerechten ökonomischen Rahmenbedingungen und zu ökologischer Nachhaltigkeit zu verstehen. Zweitens: Alle Länder sind Entwicklungsländer. Und: Die globale, aber lokal voranzutreibende Transformation muss den verschiedenen kulturellen und religiösen Lebenseinstellungen und Weltsichten Rechnung tragen. Als Letztes: Entwicklungszusammenarbeit ist nur erfolgreich, wenn die Partner sich auf Augenhöhe begegnen.

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Foto: Humboldt-Universität zu Berlin

Wilhelm Gräb

Wilhelm Gräb ist Professor für Praktische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.


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