Der tragische Samariter

Ein „Tutti fratelli!“ – „Alle sind Brüder!“ nach der Schlacht. Wie Henry Dunant seine Mission fand: das Rote Kreuz
Eine Statue Henry Dunants in Solferino.
Foto: Martin Glauert
Eine Statue Henry Dunants in Solferino.

Vor 120 Jahren wurde zum ersten Mal der Friedensnobelpreis verliehen. Henry Dunant, der Gründer des Roten Kreuzes, erhielt ihn für sein Lebenswerk. Er war ein tiefreligiöser Mensch, dessen abenteuerlicher Lebenslauf durch seinen calvinistischen Glauben geprägt war.

Nur wenige Kilometer südlich des Gardasees öffnet sich die Lugana, eine liebliche Landschaft aus Wiesen und Feldern, durchzogen von kleinen Flüssen. Einsam und ländlich ist es hier, auf Familiengütern werden Gemüse und Wein angebaut, die fruchtbare Erde schimmert rötlich im Morgenlicht. Vor 160 Jahren aber war es Blut, das den Boden rot färbte. Es ist kaum vorstellbar, dass ausgerechnet in dieser stillen, idyllischen Gegend eine der grausamsten Schlachten des 19. Jahrhunderts tobte. Am 24. Juni 1859 standen die Heere der Franzosen und Piemontesen den österreichischen Truppen  gegenüber. Mehr als dreihunderttausend Soldaten lieferten sich auf offenem Feld eine verbissene Schlacht Mann gegen Mann, die fast einen ganzen Tag dauerte. Es gelang den französisch-italienischen Divisionen mit Mühe, die Österreicher zu schlagen. Dies war der entscheidende Schritt zur Einigung Italiens als neuer Nationalstaat.

Daran erinnert ein kleines Museum am Ortsende von Solferino. Friedlich liegt der kleine Ort in der Mittagssonne. Draußen vor dem Museum steht die unscheinbare Statue eines Mannes mit Weste, Frack und Fliege und einem imposanten Backenbart, den man doch irgendwo schon einmal gesehen hat. Es ist Henry Dunant, der Gründer des Roten Kreuzes. Solferino war sein Schicksalsort und der Wendepunkt in seinem Leben.

Chiesa San Pietro
Foto: Martin Glauert

In der Chiesa San Pietro

 

Am 8. Mai 1828 wird der kleine Henry als erstes Kind in eine fromme calvinistische Familie hineingeboren. Sein Vater ist ein erfolgreicher Kaufmann, der Junge wächst behütet und privilegiert in der Genfer Oberstadt auf. Dort pflegt man ein ausgeprägtes Standesbewusstsein, hart an der Grenze zur Selbstgefälligkeit, sind doch die Calvinisten der Überzeugung, dass Erfolg und Wohlstand Ausdruck göttlichen Wohlwollens und Zeichen der Erwählung seien. Genauso ernst wie den geschäftlichen Fleiß nehmen die Dunants das Gebot der Nächstenliebe. Die Mutter besucht regelmäßig Not leidende Familien und Kranke in den Armenvierteln von Genf. „Damals begriff ich zum ersten Mal, dass ein Einzelner angesichts von so viel Elend machtlos ist und dass, wenn man auch nur ein wenig helfen will, die gesamte Menschheit in die Schranken treten muss, um diese furchtbare Not zu beseitigen“, schreibt er später über diese Erlebnisse. Schon hier klingt erstmals ein Muster an, das sich durch Dunants gesamtes Leben wiederholen wird: ganz groß denken!

Stur und zielstrebig

Henry gründet einen kleinen privaten Bibelkreis, der sich jeden Donnerstag in seiner Bude trifft. Zunächst sind sie nur drei Freunde, aber immer mehr Bekannte stoßen dazu. Doch das genügt ihm nicht. Er träumt von einer internationalen Gemeinschaft, einem weltumspannenden Netz christlicher Jungmännervereine. Besessen von dieser Vision reist er auf eigene Kosten um die halbe Welt, um Kontakte zu knüpfen. Stur und zielstrebig, mit sendungsbewusstem Eifer und ansteckendem Enthusiasmus gelingt Henry Dunant, was niemand für möglich gehalten hätte: 1855 wird in Paris der Weltbund der Christlichen Vereine Junger Männer (der spätere CVJM) gegründet. Für die meisten Menschen wäre das wohl schon ein Lebenswerk, auf das man zufrieden schauen könnte. Für den 27-jährigen Henry Dunant aber ist es nur ein Vorspiel, ein Probelauf für größere Dinge, die da kommen sollten.

Kleine Friedenszeichen
Foto: Martin Glauert

 Neben kleinen Friedenszeichen die Knochen der Gefallenen der Schlacht von Solferino im Ossuarium.

 

Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, versucht der idealistische Jüngling sich als gewinnorientierter Geschäftsmann. Nordafrika lockt, es ist das Zeitalter der Kolonisation. Dunant erhält in Algerien Land vom französischen Kaiser und soll dafür Dörfer errichten, doch das Projekt schlägt fehl, schon bald ist er hoffnungslos verschuldet. Da hat er eine verzweifelte Idee: Er muss persönlich Kaiser Napoleon III. aufsuchen und um Hilfe bitten. Der aber befindet sich gerade nicht in Paris, sondern auf einem Feldzug in der Lombardei. Kurzentschlossen reist Dunant dem Kaiser hinterher und gerät unverhofft in das Gemetzel von Solferino.

Regale voller Knochen, anatomisch sortiert, nummerierte Schädel.
Foto: Martin Glauert

 Es gibt Regale voller Knochen, anatomisch sortiert, nummerierte Schädel, ja ganze Wände von Totenköpfen.

 

Heute erinnert ein imposanter, hoch aufragender Turm im nahe gelegenen San Martino della Battaglia an die Schlachten. Das Denkmal ist durch und durch national-heroisch gestaltet. Die Eingangshalle ist einem Tempel nachempfunden, in der Mitte ragt die Figur des italienischen Königs Vittorio Emanuele II. hervor, umgeben von den Büsten der gefallenen Generäle. Aus der Kuppel grüßen engelhafte Frauengestalten herab. Läuft man den Turm auf der spiralartigen Rampe hinauf, spielen sich an der Wand Schlachtszenen ab, die wie in einem Bilderbuch die Schlachten des Unabhängigkeitskrieges bebildern. Kanonen, Pferde, Pulverdampf, ab und zu ein blutiger Verband – fast romantisch kommt der Krieg daher.Etwas anders sieht es schon in der Kapelle der Chiesa San Pietro aus. Hinter dem schlichten Altar ist eine Unzahl menschlicher Schädel fein säuberlich bis zur Decke gestapelt. Nur durch ein dünnes Drahtgitter getrennt, steht man dem gegenüber, was einmal ein Mensch aus Fleisch und Blut war, der einen Namen hatte, der jung und begeistert oder angsterfüllt und verzweifelt war. Sterben wollte sicher keiner von ihnen. In den Seitenkapellen lagern die Gebeine von 7 000 Gefallenen, im Untergeschoss hat man die Knochen streng anatomisch sortiert und gestapelt, sehr ordentlich.

Henry Dunant
Foto: Martin Glauert

Im krassen Gegensatz dazu die Heroisierung des Gemetzels im Denkmal San Martino della Battaglia (oben), die von einer Figur des italienischen Königs Vittorio Emanuele II. dominiert wird.

 

Damals aber herrschte hier draußen unvorstellbares Chaos. Ein Augenzeuge berichtet: „Österreicher und alliierte Soldaten machen einander mit Kolbenschlägen nieder, zerschmettern dem Gegner den Schädel, schlitzen einer dem anderen mit Säbel oder Bajonett den Bauch auf. Wer keine Waffen hat, packt den Gegner und zerreißt ihm die Gurgel mit den Zähnen. Die Pferde zertreten mit ihren beschlagenen Hufen Tote und Verwundete. Gehirn spritzt aus den zerplatzenden Köpfen, Glieder werden gebrochen und zermalmt, Körper werden zu formlosen Massen. Die Erde wird buchstäblich mit Blut getränkt.“

Wie ein Lauffeuer

Grausamer als der rasche Tod ist das Schicksal der Verwundeten, die schwerverletzt und hilflos auf dem Schlachtfeld zurückbleiben. Als sich der Pulverdampf verzieht, liegen mehr als zehntausend Soldaten in ihrem Blut. Da ärztliche und pflegerische Hilfe fehlt, sind sie dem Tod geweiht. Unaufhörlich schreien die Verwundeten vor Schmerzen, betteln verdurstend um Wasser, rufen nach ihren Müttern. Unverhofft wird Henry Dunant mit diesem Albtraum konfrontiert. Doch anstatt auf der Stelle Reißaus zu nehmen, stellt er sich dem unerträglichen Schrecken. Und er wird aktiv. Er motiviert die Einwohner der Umgebung, einfache Bauern und Händler, sich um die Verletzten zu kümmern, ohne Ansehen der Nationalität und des Ranges. „Die ganze Stadt verwandelte sich in ein großes behelfsmäßiges Hospital für Franzosen sowohl wie für Österreicher. Die Bewohner geben alles hin, was sie an Decken, Leinen, Strohsäcken und Matratzen entbehren können“, notiert er bewundernd und stolz zugleich. „Tutti fratelli!“ – „Alle sind Brüder!“ rufen sich die Frauen zu und pflegen die Verletzten, egal ob Freund oder Feind.

Regale voller Knochen
Foto: Martin Glauert

 

Aufgrund dieser entsetzlichen und zugleich beglückenden Erfahrungen reift in Dunant ein verwegener Traum: Es müsse eine übernationale Rettungsorganisation geben, die im Krieg neutral bleibt und sich um die Versorgung der Verletzten beider Seiten kümmert. Er schreibt seine Erinnerungen an das Gemetzel von Solferino auf, lässt das Buch auf eigene Kosten drucken und verschickt 1 600 Exemplare an Politiker, Generäle und die gekrönten Häupter in ganz Europa. Die „Erinnerungen“ verbreiten sich wie ein Lauffeuer, Henry Dunant ist plötzlich ein gefeierter Star und gern gesehener Gast in der High Society.Nur die Genfer Glaubensgenossen sind ein wenig verschnupft, denn Dunant will keinen protestantischen Wohltätigkeitsverein gründen, sondern den ganz großen Wurf schaffen. Er denkt überkonfessionell, international und kosmopolitisch. Mit Gleichgesinnten gründet er das „Internationale Komitee der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege“, das sich am 17. Februar 1863 zum ersten Mal trifft, um Pläne für eine Hilfsorganisation auszuarbeiten. Dieser Tag gilt als Gründungsdatum des Roten Kreuzes.

Blick über die Lugana. Im Vordergrund das Museum von San Martino della Battaglia.
Foto: Martin Glauert

 Blick über die Lugana. Im Vordergrund das Museum von San Martino della Battaglia.

 

Als Erkennungsmerkmal und zum Schutz für die freiwilligen Helfer wird eine Armbinde mit rotem Kreuz auf weißem Grund beschlossen, die Umkehrung der Schweizer Flagge. Allerdings ist Dunant ein eigenwilliger Charakter, im Umgang sprunghaft, undiplomatisch, zeitweise verletzend. Die inhaltlichen Meinungsverschiedenheiten mit seinen Kollegen wachsen sich zu einem handfesten Zerwürfnis aus. Als am 22. August 1864 von zwölf Staaten die erste Genfer Konvention unterzeichnet wird – eine weltweite humanitäre Revolution –, hat Henry Dunant sein Lebensziel erreicht. Zu diesem Zeitpunkt ist er jedoch längst ausgebootet und darf sich auf der Konferenz lediglich um das Wohl der Gäste kümmern.

Zur gleichen Zeit scheitert das afrikanische Projekt endgültig, Dunants guter Ruf als Geschäftsmann ist ruiniert. Im calvinistischen Genf gilt sein wirtschaftlicher Misserfolg als Hinweis dafür, dass er von Gott verworfen ist. Ausgerechnet der CVJM schließt ihn daraufhin als Mitglied aus, seinen Gründer. Der tiefste Punkt der Erniedrigung wird erreicht, als man ihn zwingt, als Sekretär des Internationalen Komitees zurückzutreten. Dunant fühlt sich von Gott verlassen und von den Menschen verachtet. Allmählich entwickelt er einen diffusen Verfolgungswahn. Ruhelos vagabundiert er elf Jahre lang quer durch Europa, die Flucht findet erst ein Ende, als alte Freunde ihn in dem kleinen Kurort Heiden am Bodensee unterbringen.In seinem „Greisengefängnis“ brütet er finstere Gedanken aus. Der ehemals tiefgläubige Calvinist entwickelt einen Hass auf die Kirche: „Mir graut vor der Christenheit.“ Die Kirche sieht er nun als „geistige und moralische Quelle aller Knechtschaft“. Sie erscheint ihm „scheinheilig verstockt, dünkelhaft pharisäisch und grausam fanatisch“. Immer tiefer versinkt er in apokalyptischen Endzeitvisionen.

Wer beobachtet wen? In der Chiesa San Pietro lagern die Schädel der toten Soldaten noch immer in Reih’ und Glied.
Foto: Martin Glauert

 Wer beobachtet wen? In der Chiesa San Pietro lagern die Schädel der toten Soldaten noch immer in Reih’ und Glied.

 

Dann geschieht das Unerwartete: Einem Journalisten gelingt es, dem verschlossenen Einsiedler ein Interview abzuringen. In seinem Artikel schildert er Dunants Rolle bei der Gründung des Roten Kreuzes. Der Bericht schlägt ein wie eine Bombe. Die Welt hatte Henry Dunant komplett vergessen, abgehakt – war er nicht längst verstorben? Nun ersteht er mit Pauken und Trompeten von den Toten. Aus aller Welt erreichen ihn Briefe und Telegramme, Glückwünsche und Spenden. Sein Lebenswerk ist wieder Thema, hat man ihn eigentlich jemals gebührend geehrt? Nach langem Abwägen steht die Entscheidung des Nobel-Komitees am 10. Dezember 1901 fest: Henry Dunant und der französische Parlamentarier und Friedensaktivist Frédéric Passy erhalten zu gleichen Teilen den ersten Friedensnobelpreis. Es ist die späte Anerkennung für einen Menschen, der trotz aller innerer Zerrissenheit ein Wohltäter der Menschheit wurde. 

 

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