Tasten ins Unbekannte

Wir werden uns an die neue Freiheit gewöhnen müssen
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„Was für ein Segen, dass wir hier sein dürfen!“ – Die Touristin steht mit vielen anderen in der Schlange vor dem mobilen Covid-19-Testzentrum in der „Tourismus-Modellregion“ bei uns im Norden. Tatsächlich: Wie damals, als Abraham unter dem Segen Gottes aufbrach in das verheißene Land, erleben wir hier die wiederlangte Reise-Freiheit nach mehr als einem Jahr der Pandemie als Aufbruch: raus aus dem Beengten.

Aber da ist nicht nur große Freude über den Segen der Freiheit. Da sind auch nie gekannte Unsicherheiten in der Begegnung mit anderen; Berührungsängste angesichts belagerter Gastronomie-Betriebe, Luca und anderer Apps. Was selbstverständlich lebensförderlich ist – die Begegnung mit anderen, das gemeinsame Feiern, Hören, Beten: Plötzlich ist das gefährlich. Wie immer bei Neuaufbrüchen gehören das Tasten, das Suchen, das vorsichtige Fragen dazu. Mehr Touristen als sonst nutzen unseren Kirchraum als Ort der Stille und des Innehaltens.

Wir müssen uns erst wieder orientieren: Was geht, was dürfen wir? Impfausweise und Testnachweise gehören zu unseren Begleitern. Diese Pflichten werden akzeptiert nicht als Einschränkung, sondern als Verantwortung, ohne die Freiheit nicht ist!

Noch ist nicht ausgemacht, wie wir umgehen werden mit der Erfahrung von Endlichkeit und Zerbrechlichkeit des Lebens. Zu befürchten ist, dass viele sich weiter zurückziehen werden und den Blick auf das eigene Leben beschränken. Auf den Werbeflächen am Ortseingang unserer kleinen Stadt, auf denen zu kostenlosen Covid-19-Tests „zu Ihrer und unserer Sicherheit“ geführt wird, hatte vorher Brot für die Welt aufmerksam gemacht auf die durch Corona massiv verschärften Weltprobleme wie Klimawandel, Hunger, Krankheiten – und für eine globale Impfkampagne geworben!

Der Schauspieler Edgar Selge merkte jüngst in der Süddeutschen Zeitung an: „Was in unserem Land unternommen wurde und wird, um die Zahlen nach nun ganz unten zu bringen, stelle ich gar nicht infrage. Es ist mehr oder weniger selbstverständlich. Aber die Pandemie ist ein universaler Zivilisationsschock, und seiner Wirkung müssen wir in unserem Bewusstsein Raum geben. Sonst verpassen wir die Wahrnehmung der Zeitenwende, in der wir uns gerade bewegen.“

Die Zeitenwende wahrnehmen trotz aller persönlicher Sorgen und Ängste: Dafür braucht es Anstöße zu Diskurs und Weitblick. Theologie und Kirche sind besonders gefragt in dieser Zeit. Theologie gibt die nötigen Anstöße für die Auseinandersetzung mit der Zeit in der Zeit: zeitzeichen hat sich in den vergangenen Jahren genau darin bewährt – danke! Die Kirche bewahrt die Geschichten vom gelingenden Leben, vom Geleit durch schwieriges, unbekanntes Land, von Zutrauen und Schalom. Sie weiten den Blick dahin, wo Segen immer noch ersehnt wird. Die Energie des Glaubens und der Verkündigung hilft den Menschen im Aufbruch in unbekanntes Land. „Ich will dich segnen … und du sollst ein Segen sein“, hatte Abraham damals von Gott gehört – und war losgegangen. Zögernd zwar, aber gewiss! 

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Gerhard Ulrich

Gerhard Ulrich war bis vor kurzem Landesbischof der evangelischen Nordkirche und ist Herausgeber von zeitzeichen.


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