Auswendiglernen statt Wissen

Warum das erste theologische Examen eine lerntheoretische Katastrophe ist
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Die Petition #examenreformandum ziele auf den richtigen Punkt, meint Dominik Weyl. Denn beim ersten kirchlichen Examen gehe es um das kurzfristige Auswendiglernen von Fakten und Sachverhalten, das die Bezeichnung „Wissen“ kaum verdiene. Ein langfristiger Kompetenzaufbau werde nicht erreicht. Das es besser geht, zeige ein Blick in Schweiz.

Die polemischen Einsprüche gegen das Interview mit Juliane Borth ließen auf der Facebook-Seite von "zeitzeichen" nicht lange auf sich warten. Kritiker äusserten, Borth wolle mit ihrer Petition #examenreformandum, die eine Reform des Theologiestudiums und insbesondere des ersten kirchlichen Examens einfordert, „um Schonung bitten“. Borths Petition sei symptomatisch für die „Entintellektualisierung des theologischen Nachwuchses“ – ein Vorwurf, der wahrscheinlich nur wenig jünger ist als das Theologiestudium selbst. Und, na klar, auch der vermeintliche „Vormarsch eines ‚weiblichen‘ Kuschelgottes“ wurde angeführt, weil Borth darauf hingewiesen hat, dass es an den deutschsprachigen theologischen Fakultäten insgesamt zu wenige Professorinnen gibt und entsprechend viele Examenskandidat:innen reinen Männerrunden gegenübersitzen. Der polemische Tenor der Kritiker lautet: „Jemandem etwas abverlangen, ist doch heute voll oldschool und uncool, und dann auch noch von Männern – iiihhh!“

Wäre Juliane Borths Argumentation wirklich so platt, hätten ihre Kritiker sie eigentlich besser verstehen müssen. Denn keineswegs bittet sie in ihrer Petition um Schonung und keinesfalls geht es ihr um Entintellektualisierung. Mit ihrer Petition, die inzwischen gut 1900 Unterstützer:innen gefunden hat, will sie die landeskirchlichen Ausbildungsreferent:innen und die theologischen Fakultäten darauf aufmerksam machen, was eigentlich längst klar ist: das erste kirchliche Examen ist eine lerntheoretische Katastrophe. Dieser Zuspitzung, mit der ich auf die oben zusammengefassten Kommentare auf Facebook reagiert habe, verdanken Sie wohl diesen Meinungsbeitrag. Es ist der Beitrag eines Theologen, der nach dem Lehramtsstudium in Mainz das erste Staatsexamen und neben dem Doktorat in Zürich als Voraussetzung zum Vikariat das mündliche Examen in der EKHN absolviert hat. Es ist ein Beitrag eines Dozenten, der in der universitären Ausbildung von Pfarr- und Lehrpersonen bemüht war, den hier vorgestellten Beschreibungen gerecht zu sein.

Das „größte Problem“ sieht Juliane Borth darin, dass die an den Fakultäten bereits erbrachten Studienleistungen (z. B. aus Klausuren, mündlichen Prüfungen, Hausarbeiten) von den Kirchen nicht auf das erste kirchliche Examen angerechnet werden. Das ist tatsächlich nicht nachvollziehbar. Denn es ist nicht zu bestreiten, dass die Studienleistungen valide Aussagen über die Lernprozesse und die Fachkompetenz der Student:innen treffen.

Verhakte Verzahnung

Ungeachtet der systemischen Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz sei dazu erwähnt: Schweizer Landeskirchen anerkennen den universitär erworbenen Master in Theologie als eine Zulassungsvoraussetzung zum Lernvikariat. Dort gibt es kein erstes kirchliches Examen. Zugleich haben die Universitäten ihre Studiengänge konsequent in das Bachelor- bzw. Mastersystem überführt, auch in der Theologie. Dabei ist das große Lamento über den Bologna-Prozess auch in der Schweiz immer noch nicht ganz verklungen und läuft – wie an den deutschen Fakultäten – in gefühlter Endlosschleife.

In Deutschland soll das erste theologische Examen als Studienabschluss die kirchlichen Prüfungsordnungen mit den universitären Studienordnungen verzahnen. Sie wird von den Kirchen in Kooperation mit den Fakultäten durchgeführt. Ein spannendes Konstrukt. Dabei baut das erste kirchliche Examen nicht nur auf der Wiederholung der Studieninhalte auf, sondern fordert ein breites Grundwissen (das ist als Prüfungsanforderung übrigens maximal unklar formuliert) in allen theologischen Disziplinen ein. Es stellt eine eigene, teilweise vom Studium unabhängige Lernleistung dar. Studium und Studienabschluss treten ein Stück weit auseinander. Hieran zeigt sich, dass die Kooperation zwischen Kirche und Universität mitunter hakt und die Zahnräder nicht – wie theoretisch beabsichtigt – passend ineinandergreifen.

Der Hauptaspekt meiner Kritik an der gegenwärtigen Form des ersten kirchlichen Examens liegt auf der lerntheoretischen Ebene. Lerntheoretisch – und das heißt nicht zuletzt: qualitativ – ist das erste kirchliche Examen unbefriedigend, weil es langfristige Lerneffekte nicht fördert. Zumeist geht es um das kurzfristige Auswendiglernen von Fakten und Sachverhalten auf die Prüfungstermine hin, das die Bezeichnung „Wissen“ kaum verdient und mit dem Humboldtschen Bildungsideal nur noch wenig zu tun hat. Solches Lernen kann zu Stress, zu Schlaf- und Angststörungen, zu schlechten Gedächtnisleistungen und – in den Prüfungssituationen selbst – zu Blackouts führen. Wozu es nicht führt, ist ein langfristiger Kompetenzaufbau. Wollen wir das?

Um Jahrzehnte zurück

Die universitätskulturpessimistische Abwehr von «Bologna», das ein kompetenzorientiertes Studium zum Ziel hat, mag auch damit zusammenhängen, dass akademische Bildungsangebote – gerade in den traditionsreichen Fächern wie der Theologie – nach wie vor auf klassische Inhaltsbeschreibungen von Lernergebnissen fokussieren und nicht auf kompetenzorientierte Beschreibungen. Kurz gesagt: Man leitet vorwiegend input based learning an, anstatt auf die learning outcomes zu achten. Damit bleibt man hinter lerntheoretischen und hochschuldidaktischen Einsichten um Jahrzehnte zurück. Dies wird man auch für das erste kirchliche Examen sagen müssen. Geprüft wird dort vor allem die Fähigkeit der Kandidat:innen zum Auswendiglernen und ihre Stressresistenz.

Das Vorurteil, dass der Kompetenzorientierung eine Reduktion der Lerninhalte folgen müsse und die Qualität der universitären Ausbildung dadurch geschmälert werde (polemisch: „Entintellektualisierung“), ist dabei unbegründet, weil Kompetenzen immer nur an Inhalten erworben werden könnenVielmehr geht es – so eine gängige Definition von Kompetenzen – um kognitiv verankerte, wissensbasierte Fähigkeiten zur Bewältigung bestimmter Anforderungen, wie z. B. eines universitären Abschlusses, des kirchlichen Examens oder auch späterer beruflicher Anforderungen. Dazu zählen auch überfachliche Kompetenzen, wie z. B. methodische und technische Kenntnisse oder Kooperationsfähigkeit.

Dozenten weiterbilden

Als wesentliches Merkmal von Kompetenzen gilt, dass sie nicht gelehrt, sondern nur gelernt werden können. Auch das ist keine neue Erkenntnis: Denn recht verstanden bilden nicht die Dozent:innen ihre Student:innen, sondern sie leiten „nur“ deren eigene Bildung an, ermöglichen sie ihnen. Bilden können sich die Student:innen immer nur selbst. Sich dessen bewusst zu bleiben, führt nicht nur zu einer strukturellen – und damit: qualitativen – Verbesserung der Bildungsangebote und Prüfungen, sondern trägt auch zu langfristigen Lerneffekten unter den Student:innen bei. Dies sollte, meine ich, unterstützt werden durch eine hochwertige hochschuldidaktische Aus- und Weiterbildung der Dozent:innen, die – will an der Einheit von Forschung und Lehre festgehalten werden – neben der fachlichen Kompetenz eben auch didaktische, methodische und reflexive Kompetenzen brauchen, um gut lehren zu können.

Die an der Universität vorbereiteten und in der ersten theologischen Prüfung abgefragten learning outcomes werden unter den gegebenen Voraussetzungen lerntheoretisch noch am besten sichergestellt durch reflektierte, kompetenzorientierte Lehre seitens der Fakultäten und durch damit verzahnte, ebenfalls kompetenzorientierte, konkret und transparent formulierte Prüfungsanforderungen seitens der Kirchen. Bereits erbrachte Studienleistungen sollen als aussagekräftiger Teil des Lernprozesses der Kandidat:innen anerkannt werden. Man könnte aber auch die Systemfrage stellen und ein Schweizer Modell diskutieren… Das erste kirchliche Examen muss keine lerntheoretische Katastrophe bleiben

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Dominik Weyl

Dominik Weyl war Wissenschaftlicher Assistent an der Universität Zürich. Im September beginnt er das Vikariat in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.


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