"Warum mutet die Kirche ihren Leuten das zu?"

Juliane Borth startete eine Petition zur Reform des Theologiestudiums und stieß auf große Resonanz
Portrait Juliane Borth
Foto: Madeleine Landré

zeitzeichen: Frau Borth, Ihre Petition für eine Reform der theologischen Hochschulausbildung hat mittlerweile gut 1800 Unterschriften. Sind Sie zufrieden?

Juliane Borth: Am wichtigsten waren für mich die ersten 1000 Unterschriften, weil die innerhalb der ersten zwei Tage zusammenkamen und vor allem tatsächlich die Theologiestudierenden, die Examen machen, sich beteiligten. Ich hatte mich ja am Anfang gefragt, ob ich überhaupt 100 Unterschriften zusammenbekomme. Ich finde, das ist ein ziemlich großer Erfolg. Er zeigt die Wichtigkeit des Themas.

Wo liegen die Probleme? Das Examen ist ja aktuell der Aufhänger Ihrer Petition.

Das größte Problem für mich ist, dass die Leistungen, die im Studium erbracht und zum Teil auch benotet werden, beim Examen keine Rolle mehr spielen. Man beginnt trotz vieler benoteter Hausarbeiten bei null, schreibt dann in einer Woche fünf Klausuren, hat zwei Monate später fünf mündliche Prüfungen, bei denen viel von der Tagesform und den Prüfern abhängt. Hinzu kommt dann noch eine 40-seitige-Hausarbeit.

Das ist viel in kurzer Zeit, aber sie nennen die Prüfungsform „patriarchal und in weiten Teilen drangsalierend.“ Ein starker Vorwurf…

Das Problem ist, dass es gar nicht genug Professorinnen gibt, und nicht genug weibliche Prüfende. Wer geprüft wird, hat keine Wahl und es ist nicht selten, dass man in Prüfungen fünf Männern gegenübersitzt. Für viele Studierende ist das ein Problem, man hat aber keine Wahl.

Und was ist an der Prüfung drangsalierend?

Anders als etwa in Jura oder Medizin gibt es keine Repetitorien, die von außen angeboten werden. Man steht schon ziemlich alleine da und muss alles vorbereiten, gleichzeitig ist der Erwartungshorizont viel weniger klar umrissen als in den genannten Fächern. Das alles belastet sehr, auch noch nach einer erfolgreich absolvierten Prüfung und ist nicht gesund für Körper und Seele. Nicht selten wirken sich die erlebten Prüfungssituationen auch noch in weiteren Jahren extrem psychisch belastend aus. Und es ist schon die Frage, warum die Kirche den Menschen, die für sie arbeiten wollen, eine Prüfung mit so großen Belastungen zumutet, wo es doch eigentlich um menschenfreundliche, seelsorgerliche und erlösende Inhalte geht.

Was müsste sich also konkret ändern?

Das wichtigste zunächst wäre, dass Leistungen aus dem Studium für das Examen angerechnet werden. Solche Reformüberlegungen gibt es schon in anderen Landeskirchen, in der Hannoverschen noch nicht. Man könnte es zum Beispiel so handhaben wie beim Abitur, dass man die Noten aus den Semestern als Vornote in die Prüfungen mitnimmt, die dann doppelt zählen könnte. Oder einzelne während des Studiums absolviere Prüfungen oder geschriebene und benotete Hausarbeiten schon für das Examen anrechnen. Auch das Theologiestudium zum Bachelor- und Masterstudium umzustrukturieren, wäre eine Möglichkeit. Hier sind die Widerstände aber noch sehr groß.

Das Studium selber müsste also reformiert werden?

Ja. Es wurde zwar im Zuge der Bolognareform stärker modularisiert, aber die Fakultäten handhaben das sehr unterschiedlich. Hinzu kommt, dass das Studium ständig spezialisiert stattfindet und Überblicksvorlesungen nicht etwa mit einer Klausur abgeschlossen werden, sondern mit Hausarbeiten zu sehr spezialisierten Themen. Ich habe etwa in Kirchengeschichte eine Hausarbeit zu Laktanz, der im 3.Jahrhundert etwas zu Christenverfolgung geschrieben hat. Reformationsgeschichte, die zum Beispiel Gemeindemitglieder mehr interessieren dürfte, wurde gar nicht vertieft.

Wie geht es jetzt weiter?

Die Petition wurde schon an alle Landeskirchenämter verschickt. Es gab erste Rückmeldung bekommen, auch von der Ausbildungsreferentenkonferenz. Auch die EKD ist schon im Reformprozess, aber noch ist nicht klar wie lange es dauert. Werden im nächsten Jahr schon neue Konzepte präsentiert? Oder dauert das jetzt fünf Jahre? Es gibt scheinbar Bewegung, aber es ist noch nicht klar, in welche Richtung es geht.

Würde es Ihnen helfen, wenn noch mehr Menschen unterschreiben würden?

Ich denke nicht, dass wir noch mehr Unterschriften brauchen. Aber jeder, der diese Petition nutzen möchte, kann sie nutzen. Denn jetzt ist es wichtig, dass in den Fakultäten vor Ort versucht wird, Einfluss zu nehmen. Das Thema muss dringend angegangen werden.

Die Fragen stellte Stephan Kosch am 12. Mai via zoom.

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