Predigten

Niedersächsisch, erdverwachsen

Horst Hirschler, Jahrgang 1933, Hannoverscher Landesbischof von 1988 bis 1999, bis 2020 Abt des Klosters Loccum, liebt es, im Gespräch ganz nah ran zu gehen, fast wie ein Boxer im Ring. Er fasst den Anderen an, hält ihn fest und testet ihn auf Herz und Nieren: „Das ist doch nur Schaumschlägerei, was Sie da von sich geben!“ Wer ihn so erlebt hat, wird ihn nicht vergessen. Und genau so sind seine Predigten: Sie packen zu, mit beiden Händen und lassen nicht los. Nicht die Moden der Zeit, seine eigenen Erfahrungen, und vor allem nicht den, um den es geht, „den fremden Gast, der etwas Wichtiges mitzuteilen hat.“ Auch er wird in den Ring geholt: Was ist an Dir dran? Wer bist du wirklich? Kann man sich auf Dich verlassen? Der, der da „zwischen Marias Schenkeln lag runzlig rot“, wie Hirschler in der Christmette Kurt Marti zitiert. Nach wie vor kommen viele zu seinen Predigten.

Nicht um Begriffe geht es ihm, schon gar nicht um Theorien. Nein, das pralle Leben ist Thema, mit allem, was dazu gehört. Die Predigten platzen fast vor Konkretem, vor Beispielen und Geschichten. Ungeschönt und nicht übertüncht. Niedersächsisch erdverwachsen – und mit erhobenem Kopf in den Himmel blickend. Die Kriegszeit in Hildesheim, der Holocaust, Coventry. Der Tag der deutschen Einheit 1990, Afghanistan, Begegnungen, Alltägliches. Und in der Mitte des Buches die Predigt während der Trauerfeier anlässlich des ICE-Unglücks von Eschede 1998, Luthers Kehrung zitierend: „Mitten im Tod sind wir von deinem Leben umfangen, Christus!“ Ironie kommt auch nicht zu kurz, aber nicht aus Spaß am Gag – sondern um die so triviale Realität scharf schildern zu können. Da hatte er sich als Landessuperintendent in Göttingen jahrelang um das christliche Profil eines Krankenhauses bemüht. Doch dann wurden die Überstundenzuschläge für das Pflegepersonal abgeschafft: „Und plötzlich war die ganze Christlichkeit flöten.“ So banal ist das.

Dann auch Hirschlers persönliche Stationen: die erste Predigt als Landesbischof und als Abt zu Loccum. In seiner letzten als Abt wird erzählt, wie er einstmals Schlösser und Scharniere, die in seiner alten Wohnung in Lüneburg entsorgt werden sollten, im Kloster wieder einbaute. Für ihn als einen, der gelernt hatte, mit den Händen zu arbeiten, kein Problem. Vielleicht auch heimlich symbolisch gemeint: ein Anspielung auf das Amt der Schlüssel des Abtes? Sowieso immer wieder das Kloster Loccum: ein Ort, an dem es die ganz „selbstverständliche Erfahrung einer Gottespräsenz“ gibt. Den freien Stuhl, der nicht von einem Menschen besetzt werden darf.

Denn das ist der Kern: die Gegenwart Gottes inmitten der von Gewalt, Leid, Angst, Scheitern und Versagen erfüllten Schöpfung. Nichts wird geschönt. Und nirgendwo wird Gott als Puderzucker über das Leben gestreut. Warum braucht es solchen Zucker nicht? Weil er für uns in die Gottverlassenheit gegangen ist! Luthers Gebet im April 1521 auf dem Reichstag in Worms bringt es auf den Punkt. „Der hat ja richtig Angst, der Luther!“ Was Gott schenkt, da ist Hirschler in Worms dabei, ist innere Freiheit: das Loswerden der Sorge um mich selbst durch die Erfahrung der Geborgenheit in Christus. Dann mag die Welt voller Teufel sein.

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