Wir waren es

Eine deutsche Familiengeschichte

Eigentlich handelt es sich um zwei Erzählstränge, die aber zusammenhängen und zeitlich aufeinander folgen: die Geschichte einer deutschen Familie unter den Bedingungen im NS-Staat, und, nach dessen Ende, den Weg des Autors als Schauspieler zum Theater.

Der Hamburger Bühnen- und Fernsehdarsteller Rolf Nagel entschuldigt in seiner Familiengeschichte Das Hundeauge das Verhalten seiner Zeitgenossen nicht, er erklärt nicht, verteidigt nicht, verzichtet auch auf Selbstmitleid. In seinem Urteil ist er wahrlich konsequent und lässt keinen Zweifel zu.

Die Nationalsozialisten – es will ja kaum jemand einer gewesen sein – seien nicht vom Himmel gefallen. In den Medien seien heute immer „die Nazis“ Schuld und nicht die Großeltern, die Großonkel, die Großtanten. Nagel: Es waren aber nicht die Nazis aus dem All. „Wir waren es. Die Nazis kamen aus uns.“

Der über 90-jährige Autor lässt in seinen oft mühsam aus dem Gedächtnis hervorgeholten und zusammengetragenen Erinnerungen nichts aus. Nicht die Ergriffenheit des Vaters bei den im Radio übertragenen Reden Adolf Hitlers, die ihn heute fassungslos macht, nicht das Elend der ständigen Bombennächte, die daraufhin organisierte Kinderlandverschickung, nicht sein Entsetzen und das seiner Mutter angesichts der Plünderungen und Zerstörungen jüdischen Eigentums in der Pogromnacht des 9. November 1938.

Das Trauma von Rolf Nagels Vater, der wie sein älterer Sohn Mitglied der
NSDAP wurde, war nicht nur seine im Ersten Weltkrieg erlittene lebensbedrohende Verwundung, sondern auch der verlorene Krieg, die maßlose Enttäuschung über das Zusammenbrechen des Kaiserreiches. Das Schlimmste für seinen Vater war, dass die Ideale, die er verinnerlicht hatte, von denen verraten worden waren, die sie zuvor zu verkörpern schienen.

Rolf Nagel glaubt rückblickend nicht, dass es trotz der gigantischen Aufrüstung nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei im März 1939 im Volk Angst vor einem Zweiten Weltkrieg gab. Er selbst wusste als damals nicht einmal Zehnjähriger nicht, was ein Krieg wirklich ist. Er habe das alles aufregend und toll gefunden, die Fahnen, die Uniformen, die über den Anschluss ihrer Heimat an das Deutsche Reich jubelnden Österreicher und „Volksdeutschen“, die nun in einem Großdeutschland leben durften.

Was die nationalsozialistische Herrschaft bedeutete, musste der Autor aus nächster Nähe miterleben. In Sichtweite der Wohnung der Familie Nagel war eine Außenstelle des KZ Neuengamme eingerichtet worden, in der in der Produktion von Gasmasken beschäftigte osteuropäische Zwangsarbeiterinnen hinter Stacheldraht hausen mussten. Als Rolf eines Tages von der Schule nach Hause kam, war seine Mutter völlig verstört: „Sie haben eine Frau aufgehängt!“ Noch Stunden nach der Mordtat hing ihre Leiche für alle sichtbar am Strick.

Nur eineinhalb Monate vor Kriegsende, im März 1945, wurde Rolf Nagel als Dienstpflichtiger gemustert, aber als „zeitlich untauglich“ zurückgestellt. Einer Aufforderung seines Schulleiters, als Untergrundkämpfer hinter den feindlichen Linien, als „Werwolf“ für den „Endsieg“ zu kämpfen, mochte er nicht widersprechen. Dazu fehlte ihm der Mut, wie er heute zugibt. Das Kriegsende aber kam seinem Einsatz zuvor.

Als Adolf Hitler tot und der Krieg faktisch zu Ende war, stand Rolf Nagel mit einem Marschbefehl in der Tasche und sonst fast nichts da. Er machte die Schauspielerei erfolgreich zu seinem Beruf.

Rolf Nagel ist mit seinem Buch etwas gelungen, was den Heutigen als Brücke zwischen den Generationen dienen könnte, gerade nach dem vielfachen Schweigen, auch innerhalb der Familien, über eine unsägliche Vergangenheit.


 

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