Letzte Runde

Foto: Christian Lademann

Das "U14" in Marburg hat die Pandemie nicht überlebt. Kennen Sie nicht? Hätten Sie kennenlernen sollen, solange es noch ging. Man konnte als Pfarrerin hinterm Tresen viel lernen und geben. Und die Mutter Gottes war immer dabei. 

Einen nicht unerheblichen Teil meiner pastoralen Identität habe ich mit einer Hand am Zapfhahn ausgebildet. Viele Jahre stand ich jeden Samstagabend in einer Rauchwolke hinter dem kleinen runden Tresen des „U14“, einer Kneipe am Fuße der Marburger Oberstadt. So einfach wie der Name des Ladens war auch sein Mobiliar. Alles irgendwie ein wenig in die Jahre gekommen wie auch die Gäste, von denen nicht wenige dort miteinander alt geworden sind.

Dass ich damals dort gelandet bin, ist kein Zufall, denn ich habe diese Orte immer schon geliebt. Diese Räume, die irgendwie aus der Zeit gefallen scheinen. Dort, wo die Lebensgeschichten von Menschen wohnen, manchmal so wenig gradlinig wie der Weg nach Hause nach dem Champions-League-Spiel. Dort, wo auch der Schweigsamste dazugehört und wo man die wildesten Streitigkeiten mit dem Klang zweier angestoßener Gläser beenden kann.

Im „U14“ wachte über all das keine geringere als die Mutter Gottes, eine Marienfigur mit ausgebreiteten Armen, die wohl auch ohne die um sie gewickelte Lichterkette ziemlich kitschig gewesen wäre. Vor fast 30 Jahren hat die Wirtin Annette ihre Kneipe aufgemacht und scharte seit dem ihre U14-Familie um sich. Der eine kam, weil er keine eigene Familie hatte, die andere, weil sie eine zweite zum ausweichen brauchte.

Für mich war das „U14“ lange Zeit so etwas wie meine kleine Gemeinde. Ich habe beim Gläserspülen geantwortet, wenn einer wissen wollte, ob ich an ein Leben nach dem Tod glaube. Ich habe zugehört und Hände gehalten. Meine Gesangsperformances als Hildegard-Knef-Double waren geliebt und gefürchtet zugleich. Ich habe mit diesen Menschen an Gräbern gestanden und versucht Worte zu finden. Ich habe gegröhlt mit den Ausgelassenen und geschwiegen mit den Traurigen. Und ich habe viel gelernt von den Menschen, die dort jeden Samstag um den kleinen Tresen saßen.

Vorletzte Woche ist das Mobiliar des „U14“ in einen großen Müllcontainer gewandert. Der zweite Lockdown war jetzt einfach zu viel. Die Wirtin Annette musste zusehen, wie 30 Jahre ihres Lebens in Windeseile durch die Kneipentür verschwunden sind. Kein letztes Mal die Gläser erheben und „Die kleine Kneipe in unserer Straße“ singen. Ein Ende ohne Abschied.

Und die Gäste? Wer kein Herz für Tresenkneipen hat, kann sich das vielleicht so vorstellen, als würde in Abwesenheit das eigene Wohnzimmer verschrottet. Der Raum der Geborgenheit verschwindet von einem Moment auf den anderen. Mit jedem dieser Orte, die jetzt und in nächster Zeit von der Bildfläche verschwinden, zerbricht auch immer ein soziales Netzwerk. Für den einen oder die andere ist die einzige Alternative zu diesem Netzwerk die Einsamkeit, weil die Hürde zu groß ist, das Telefon in die Hand zu nehmen oder weil sie schlicht gar keine Nummer hätten von demjenigen, mit dem sie sich zuvor am Tresen immer über die aktuellen Fußballergebnisse oder die anstehende Bundestagswahl unterhalten haben. Diese Einsamkeit ist eine Realität dieser Krise und mit jedem Barhocker, der auf dem Müll landet, betrifft sie mehr Menschen.

Ich frage mich, ob nach der Krise eigentlich überhaupt ein paar von diesen Orten übrigbleiben. Und falls nicht, ob wir eigentlich auskommen ohne diese halbdunklen Räume, wo die Geschichten von Menschen wohnen. Im „U14“ jedenfalls wird keine dieser Geschichten mehr erzählt werden und die letzte Runde ist getrunken worden, ohne dass Jemand am Tresen es gemerkt hätte. Kein Glas, kein Hocker, kein Bierdeckel ist übriggeblieben. Nur eine hat es geschafft, dem Müllcontainer zu entkommen: die Mutter Gottes. Maria steht jetzt mit ihrem milden Lächeln und den ausgebreiteten Armen in einer Marburger Oberstadtwohnung. Wer weiß, vielleicht betet sie dann und wann. Für die Ausgelassenen, für die aus der Zeit gefallenen Orte, für die Einsamen.

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Foto: Christian Lademann

Katharina Scholl

Pfarrerin Katharina Scholl ist Repetentin der Hessischen Stipendiatenanstalt in Marburg. Neben ihrem Dienst promoviert sie zurzeit im Fach Praktische Theologie.


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