Aufrüttelnd

Nachhaltige Entwicklungspolitik

Der Theologe und Ökonom Wolfram Stierle hat ein aufregendes und unkonventionelles Buch über nachhaltige Entwicklungspolitik geschrieben, überdies humorvoll. Stierle, der die Stabstelle „Wertorientierte Entwicklungspolitik“ im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) leitet, seziert darin die Grundlagen für die Transformationsagenda nachhaltige Entwicklung 2030 – also jenes Programms der Vereinten Nationen, das vor sechs Jahren die 17 Nachhaltigkeitsziele erarbeitet und beschlossen hat. Er analysiert die lange Geschichte der Kritik an der Entwicklungspolitik und skizziert die kritischen Ansätze von 29 Autoren. Stierle behandelt unterschiedliche Aspekte der Entwicklungspolitik, wie zum Beispiel Globalisierung und Demokratieförderung, und zitiert Stiglitz, den früheren Chefökonomen der Weltbank: „Für die wirtschaftliche Globalisierung sind die Armen irrelevant.“ Dem antwortet er: „Wenn ein Weltbanker den Glauben an die Wohlfahrtsgewinne der globalen wirtschaftlichen Zusammenarbeit so kategorisch infrage stellt, klingt das so, als würde der Papst das Christentum in Frage stellen.“

Stierle nimmt auch die Widersprüche der Agenda 2030 aufs Korn. Er zitiert Ernst Ulrich von Weizsäcker: „Wenn die sozio-ökonomischen Ziele der Agenda 2030 (gemeint sind Nahrungsmittel, Bildung, Gesundheit, Wirtschaftswachstum) für acht Milliarden Menschen erreicht werden sollen, dann wären die ökologischen Ziele Klimastabilität, lebende Ozeane und Biodiversität rettungslos verloren.“

Neuartig und wegweisend sind die Überlegungen zu „Religion und Entwicklung“. Immerhin führen im muslimischen Bereich die Gläubigen eine Armensteuer in Höhe von 6oo Milliarden Dollar jährlich ab, dem BMZ steht ein Haushalt von 19 Milliarden Euro jährlich zur Verfügung. In Subsahara-Afrika erbringen religiöse Institutionen über die Hälfte aller Leistungen im Bereich Bildung und Gesundheit.

Stierle nennt aber auch die Kehrseite. Religionen können Konflikte verschärfen, können Gewalt legitimieren, vergeuden Gelder „für Kirchensäle, statt Hühnerställe zu bauen“. Spiritualität und Religion waren jahrzehntelang für die Entwicklungspolitik keine relevanten Themen. Doch jetzt, so Stierle, ist vom „politischen Comeback Gottes“ die Rede. Auf die Säkularisierung folgt die Sakralisierung, denn Religion ist die institutionalisierte Trägerin einer Kultur, die das soziale Leben formt. Dass achtzig Prozent der Menschheit ihr Leben nach einer Religion ausrichten, ist entwicklungspolitisch bisher wenig im Visier. Entwicklungspolitik wird nur dann die Transformation zur Nachhaltigkeit unterstützen können, wenn sie zu einem aufmerksamen und professionellen Umgang mit Religionen und Weltanschauungen findet. Der Essay verzichtet auf fertige Lösungen, aber er erschließt neue Horizonte beim Durchdenken des weiten Feldes der Nachhaltigkeit.

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