Ideologische Selbstzerstörung

Kritische Anmerkungen zur allgemeinen Entwicklung an den Universitäten in den USA
Demonstration für mehr Diversität
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Unterstützer halten Schilder während einer Kundgebung für Stadträtin Gerly Adrien, die erste farbige Frau, die in den Stadtrat von Everett gewählt wurde, im Rathaus von Everett am 9. November 2020 in Everett/Massachusetts.

An den Universitäten der USA greife ein gefährliches Denken um sich – so die Meinung des renommierten Systematischen Theologen und Religionsphilosophen Ingolf Dalferth, der bis März 2020 als Professor an der Claremont Graduate University in Kalifornien lehrte. Er sieht verhängnisvolle neue Ideologien auf dem Feld der Identitätspolitik heraufziehen, die auch in Europa mehr und mehr an Einfluss gewinnen.

Eigentlich müssten wir es wissen. Wir haben es im 20. Jahrhundert in mehr als einer Version erlebt. Aber wir scheinen nichts daraus gelernt zu haben. Inzwischen beginnen wir zu be­grei­fen, was Viren anrichten können. Aber wir unterschätzen immer noch die Gefahr von Ideen, die zu Ideologien werden und sich ungehemmt ausbreiten, weil wir ihren scheinmoralischen Rechtfertigungen nicht widersprechen.

Ideologien sind Weltanschauungen, die Machtverhältnisse stabilisieren oder in Frage stellen, ohne sich durch die Wirklichkeit stören zu lassen, weil sie vorgeben, wie man diese zu ver­stehen und in ihr zu leben hat. Scheinmoralisch sind Rechtfertigungen, die Klugheitsar­gu­mente als moralische Anklagen vor­tragen und Moral als Mittel für einen von ihr verschiede­nen Zweck gebrauchen. Wer das Richtige tut, um die Welt, das Klima, die Umwelt zu retten, handelt nicht moralisch, sondern klug. Moralische Argumente richten sich an das Gewissen und spre­chen uns auf unsere gemeinsame Menschlich­keit an. Klugheits­er­wä­gun­gen bestehen im Abwägen von Gründen, Mitteln, Zielen und Zwecken und be­wegen sich immer in der Sphäre des Mehr oder Weniger. Sie erfordern kritische Urteilskraft, keine Gesinnung wie die Moral. Wer Moral zum Schmiermittel der Politik macht, versucht die Ge­wissen in Haft zu neh­men, anstatt sich für die Er­kennt­nisse und Einsich­ten einzuset­zen, ohne die es keine nach­halti­gen Änderungen geben wird. Doch informiertes Urteil durch Gesinnung er­set­zen zu wollen, schadet der Moral und löst keine Probleme.[1]

Tribales Denken, schlechte Karten

Erkenntnis und Einsicht bezieht sich auf Wissen, und für die kritische Arbeit am Wissen sind jenseits der Lebenswelt die Wissen­schaften und ihre institutionellen Einrichtungen wie For­schungslabore, Hochschulen und Universitäten zuständig. Gerade die aber stecken in einer tief­grei­fenden Krise. Universitäten sollten der Ort sein, an dem man nach Er­kenntnis strebt, kritisch Fra­gen durchdenkt und Antworten prüft, um das Wissen voran­zu­treiben und mit den Heraus­for­derungen der Zeit verantwortlich umgehen zu kön­nen. "Ob jemand rote oder blon­de Haare hat, schwarz oder weiß ist, hetero-, bi-, trans- oder ho­mo­sexu­ell, Jude, Christ, Muslim oder Freidenkerin ist, ein Kopftuch trägt oder zerlöcherte Hosen, Vegetarier oder Anhän­ger/in sonstiger weltanschaulicher Ismen ist, darf dabei keine Rolle spielen. Das sollte das Selbstverständlichste vom Selbstverständlichen sein."[2] Aber leider ist es das schon lange nicht mehr. Tribales Denken, die Ideologisie­rung von Aus­einander­setzun­gen und das Ver­drängen fallibler Erkenntnisse durch infallibles Besserwissen greifen überall um sich. Gehört man nicht zur richtigen community, hat man schlechte Karten.

Wer dazu gehört, definie­ren millionenfach im Netz verbreitete Ideo­logien wie der "Kult der Diversi­ty"[3], die Gerechtigkeitsvision der Critical Race Theory[4] oder die "Woke-Glaubens­lehre"[5], die aus wirklichen oder ver­meint­li­chen Benach­tei­ligungen Macht­ansprüche ableiten und nur bekennende Gute und uneinsichtige Böse ken­nen. Wer ihre Sicht nicht unterstützt, wird geächtet. Ihnen gehört in der Öffent­lichkeit das Wort verboten, sie sollen nicht mehr publizieren dürfen, wie derzeit in den USA pro­minent in den Alter­tumswissen­schaften ge­fordert wird. „Weiße Män­ner wer­den das Privi­leg aufge­ben müssen, dass ihre Worte ge­druckt und verbrei­tet werden.“[6]

Aus dem Kampf gegen Diskriminie­rung ist an den Univer­sitäten durch affirmative action, Quoten­regelungen und Diversitätsma­nagement längst ein Großpro­jekt der Gegendiskriminie­rung ge­wor­den. Man hält es für mora­lisch gerechtfertigt, die Diskriminierer zu diskriminie­ren, weil es ja um gute Diskriminierung geht.[7] Betroffen sind vor allem die weißen akade­mi­schen Eliten in den USA. "Wir erleben durch einen Teil der Gesell­schaft gerade die Dämoni­sie­rung des weißen Mannes. In jedem weißen Mann – so das hyperradikale linke Narrativ, das in den USA längst etabliert ist und in Europa auch immer weitere Kreise zieht – steckt ein Un­ter­drücker, ein Täter, ein Patriarch. Er vereinigt auf sich alles Geld und alle Macht der Welt. Was immer er sagt, steht deshalb unter Verdacht – er will damit bloß seine Machtstel­lung, seine Privile­gien, seine Dominanz verschleiern oder recht­fertigen. Und ich frage mich tat­sächlich, warum viele diesen Blödsinn einfach so hinnehmen. Wo bleibt der Widerstand?"[8]

Fehlender Widerstand und ökonomische Gründe

Ayaan Hirsi Ali beantwortet ihre Frage psychologisch: Die privilegierten Trä­ger der neuen akademischen Systemkritik in den USA und in Europa suchen ihr schlech­tes Ge­wissen über die ungleiche Verteilung von Wohlstand, Macht und Bildung durch über­zogene Selbst­kri­tik zu beruhigen. Sie kämpfen vor allem gegen sich selbst, nicht für andere.

Doch der fehlende Widerstand hat auch ökonomische Gründe. Man kann sich mit dieser Sicht­weise auf dem Bil­dungsmarkt profilieren. Die Clare­mont Graduate Univer­sity (CGU) in Kali­fornien, an der ich über eine Dekade lehrte, belegt das exemplarisch. Weil sie infolge von Finanzkrise und Miss­ma­nage­­ment keine Mittel mehr hat, mit den Spitzen­universitäten um die Besten zu konkur­rie­ren, sucht sie mit ihrem Einsatz für diversity im südkali­fornischen Um­feld Stu­die­ren­de mit latein­amerikani­schen, indigenen und afroame­ri­ka­ni­schen Wurzeln zu gewin­nen. Der Kampf ge­gen die white supremacy und das Werben um Latinxs und People of Color wird zum Ge­schäftsmo­dell. Man versucht, mit dieser Ausrichtung lokal zu punkten, weil man natio­nal und inter­national nicht mehr mitspie­len kann.

Das funktioniert, weil die Auseinandersetzung um diese Fragen längst zum Glaubens­krieg ge­worden ist. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Wo diese Denk­weise um sich greift, wo Leh­rende und Ler­nen­de sich primär der Ret­tung der Welt verschrei­ben, wo wissenschaftliche Arbeit zum Forum von Ge­rechtigkeits­kämpfen wird, da werden Macht-, Gleichheits- und Gerechtigkeits­fragen zum Dauerthema. Das beflügelt vor allem die Verwaltungen. Werte las­sen sich nicht verbindlich machen, Verordnungen schon. An der CGU kann man sich auf keine akademi­sche Stelle bewerben, ohne ein diversity state­ment abzuge­ben und seine rich­tige Gesinnung zu dokumentieren. Wer eine Stelle hat, muss regel­mäßig ein sexual harass­ment training ab­solvie­ren, das gesetzlich vorgeschrie­ben ist. Der mehrstün­dige inter­aktive online-Kurs lässt sich nur zu Ende bringen, wenn man die fest­gesetzten 'rich­tigen' Ant­worten gibt. Enthaltung wird nicht akzeptiert. Jeder ist ein potenziel­ler Übeltäter, und alle müssen ihre richtige Ein­stellung je­derzeit unter Beweis stellen. Dabei ist man nicht nur für sich, sondern auch für andere verantwortlich. Sollte ich – so eines der Beispiele des Kurses – zufällig in einem Café in Kairo einen Kollegen am Nebentisch sexis­tische Bemerkungen machen hören, dann habe ich die Pflicht, das in Claremont der vorge­setzten Stelle zu melden und ein Verfahren gegen den Kollegen anzustrengen.

Kein Wunder, dass die Schere im Kopf all­gegen­wärtig ist. Überall lauern die Gefah­ren von Sexismus, Kolo­nialis­mus und Ras­sismus, Aus­drucks­­­weisen werden gerechtig­keits­ideo­lo­gisch reguliert und es wird immer häufiger in Fra­ge gestellt, dass jeder über jedes The­ma sprechen darf. Wer nicht zu meines­gleichen gehört, hat kein Recht, meine Ansichten oder Anliegen zu vertreten oder gar über diese zu urteilen. Wer es dennoch tut, handelt über­griffig, weil er meinen Standpunkt einzu­nehmen, seinen Stand­punkt mir auf­zu­drängen und mich meiner Erfahrung und Sicht­weise zu berauben sucht.

Von kritischer Korrektur zu kritikimmuner Ideologie

Die Gesinnungskontrolle im Namen einer Widergutmachungsgerechtigkeit zerstört die Uni­ver­sität. Wer schon den Versuch, die Perspek­tive anderer einzuneh­men, als Machtanmaßung kritisiert, entzieht sich dem kritischen Gespräch. Es geht nicht mehr um wissenschaftlichen Er­kennt­nisgewinn, son­dern um die Durchsetzung von Wert­orien­tie­run­gen mit dem Ziel, Macht­verhält­nisse zu än­dern. Das ge­schieht immer wieder auf ähnliche Weise.

Es beginnt mit konkreten Ereignissen, die zu Recht Empörung auslösen und Kritik und Kor­rektur unumgänglich machen. Die Me Too- und Black Lives Matter-Bewegungen belegen es. Aber dann löst sich die Kritikbewe­gung von ihren An­lässen, wird auf alles mögliche andere ausgeweitet, etabliert sich an den Uni­ver­­sitäten als pro­gressive Neu­orien­tierung ganzer Fach­gebiete bis schließlich jede Anfrage an sie zur mora­lischen Untat erklärt wird. Die Ent­wick­lung erkenntnistheo­re­tischer Debatten über epistemic injustice[9], white ig­norance[10] und die epistemology of resistance[11] bis zur Forderung einer „repa­ra­ti­ve epis­te­mic justi­ce" (Dan-el Padilla Peralta)[12], die den ende­mi­schen Rassismus in den USA an den Universitä­ten dadurch bekämp­fen will, dass man Veröffentlichungen von Wei­ßen in wissenschaft­lichen Journalen zu verhindern sucht, zeigt das deut­lich. Aus einer kri­ti­schen Kor­rek­tur wird so eine kri­tikim­mune Ideo­logie, die als Spiegelbild des von ihr Bekämpften ihre Welt­sicht und Wertorien­tie­rung überall bestätigt sieht und für moralisch ge­recht­fertigt, kulturell fortschrittlich und wissenschaftlich verbindlich erklärt.

Der entscheidende Punkt ist dort, wo das Eintreten für neue und interessante Frage­stel­lun­gen in eine ideologische Haltung umschlägt, der es nicht mehr um wissen­schaft­liche Erkennt­nis­se, sondern um die Fort­set­­zung des politi­schen Kampfs mit den Mitteln der Wissenschaft geht. Das öffnet Tor und Tür für den Missbrauch der Universität durch politische Aktivisten. Doch ein als Wiedergutmachungsprojekt[13] betriebener wissenschaft­licher Antirassismus oder Antikolonialismus ist nicht weniger ideolo­gisch als ein wissen­schaft­licher Marxis­mus. Man zielt nicht auf Erkennt­nis, sondern auf Veränderung. An den Universitäten besteht diese vor allem darin, immer weiteren Gruppierungen eine eige­ne institutionelle Plattform zu geben. Neben die Cultural Studies und Religious Studies treten Black Studies, Women Studies, Feminist Studies, Queer Studies, Gender Studies, Postco­lo­nial Studies, Critical Race Theory, Critical Whiteness Studies, Africana Studies, Latinxs Studies, Secular Studies, Diversity Studies und so fort. Aus wissenschaftlicher Neugier wird eine kulturpolitische Agenda, der es um die Durchsetzung politischer Interessen und die Verände­rung gesellschaftlicher Verhältnisse geht.[14]

Unfähig und unwillig zu unterscheiden

Kennzeichen des Umschlags von wissenschaftli­cher Forschung in gesellschaftspo­liti­sche Ideologie ist die Unfähigkeit und Unwilligkeit zu unterscheiden. Man hat einen Schlüs­sel, der für alles passt. Phäno­mene in ganz verschiede­nen Zusammenhängen (Koloniali­sie­rung; Ras­sismus) werden in immer gleicher Weise ge­deu­tet. Doch die spanische Kolonialge­schichte in Lateinamerika ist nicht der Schlüssel zum Verständ­nis der Beziehungen zwi­schen Japan und Korea. Und die Geschichte des Rassismus in den USA bietet nicht das Erklärungs­mus­ter für binnenafrikanischen Rassismus, die Verskla­vung afrikanischer Men­schen in arabi­schen Kulturen oder die Geschichte der Verskla­vung christlicher Europäer in musli­mi­schen Län­dern des Maghreb und der heutigen Balkanstaaten.[15] All das wirkt politisch bis in die Ge­genwart nach. Aber Ähnlichkeiten sind keine Identitäten. An­statt die Geschichten von Völkern in verschiedenen Kulturtraditionen in ihrer historischen Eigen­tümlichkeit zu wür­digen, werden sie der Sicht­weise eines Para­digmas unter­worfen. Doch es erschwert den politischen Kampf gegen Ras­­sismus und Kolonialismus, wenn man nicht auf belastbare Erkenntnisse baut, son­dern an das schlechte Gewissen appelliert und auf poli­tischen Aktivis­mus setzt.

Das gilt nicht nur für den Umgang mit historischen Fakten, sondern auch mit Men­schen. Wer sie nur als Mitglieder abstrak­ter Gruppen behandelt, die durch Krite­rien wie Herkunft, Ethnie oder Geschlecht definiert sind, ohne ihre gemeinsame Menschheit zu würdigen und ihre indi­viduelle Selbstsicht zu be­achten, der handelt ideolo­gisch. Und wer meint, die Welt dadurch bessern zu können, dass man Unge­rechtigkeit mit Ungerechtigkeit und Diskriminie­rung mit Diskriminierung be­kämpft, der erreicht aller Erfahrung nach nur das Gegenteil.

Der Umschlag von wissenschaftlicher Forschung in pseudowissenschaftliche Ideologie findet immer dort statt, wo man nicht konkret, sondern in -ismen denkt, wo es nicht um Wissen und Erkenntnis geht, sondern um moralische Haltung und politische Gesinnung. Kolonialismus, Kapitalismus, Sexismus und Rassismus werden dann auch in ihren strukturellen Gestalten als moralisches Versagen be­griffen und bekämpft. Es genügt nicht, die Fehler der Vergangenheit zu beenden und zu korrigieren. Die Entrechter sollen zugestehen, dass es das Recht der En­trechteten ist, die Entrechter zu entrechten. Fast im­mer ist diese alteuropä­ische Ressenti­ment-Argumentation mit einer Ablehnung europäi­scher Denktra­di­tionen ver­knüpft. Kant, Nietz­­sche, Heidegger und Foucault werden als Sexisten und Rassisten diffamiert, ihr Denken als mora­lisch frag­würdig, eurozentrisch, gewalttra­dierend und über­holt abgetan. Wer sich mit ihnen befasst, trägt dazu bei, die euro­päische Kolo­niali­sie­rungs­geschichte an den Universitä­ten fortzusetzen.

Mormonen als zukunftsfähige amerikanische Synthese?

Diese Sichtweise findet vor allem in den Kultur-, So­zial- und Geis­teswis­sen­schaften Zustim­mung. Das Erbe der toten weißen Männer Europas an den Universitäten soll durch dekolo­nialisie­ren­de Ansätze überwunden werden, die den lokalen Bedürfnissen und den Anliegen indigener Traditionen Amerikas Rechnung tragen. Am Department of Religion an der CGU zeigt sich das daran, dass innerhalb einer Dekade alle Programme christlicher Provenienz eingestellt oder umdefiniert wurden: Das Alte Testament wurde zu Critical Compa­rative Scriptures (Hebrew Bible, Koran, Buch Mormon), das Neue Testa­ment zu Latina/o Religious History spanischsprechender Pfingstgemeinden, Patristik zu Wo­men's and Gender Studies in Religion, Kirchengeschichte zu einem Pro­gramm der Mormonen über nordame­rikanische Religionen und Religionsphilosophie und Theologie zu Political Theory und African Ameri­can Studies. Die Mormonen beanspruchen, die ori­ginale nord­ameri­kanische Reli­gion zu sein, in der sich das religiöse Erbe des indigenen Amerikas und die christli­chen Tradi­tio­­nen Europas zu einer zukunftsfähigen ameri­ka­nischen Synthese ver­binden. Nicht von unge­fähr sind sie eine der am schnellsten wachsen­den Religions­ge­mein­­schaf­ten der USA.

Doch nicht nur dem Department of Religion, sondern den humanities insgesamt wird an der CGU nur dann eine Zukunft einge­räumt, wenn sie sich nicht mehr mit Textarbeit und Klas­siker­­lektüre befassen, sondern trans­disziplinär als ethnic studies be­trieben werden oder sich zu applied humanities nach dem Mo­dell der Kultur- und Museums­wissenschaften umge­stal­ten. Das Philosophiedepartment wurde geschlossen und alle Professoren entlassen – pikan–terweise von einer Philosophin, die als Provost in die Universitätsleitung wechselte und so als einzige eine Stelle behielt. Statt­dessen wurde der Kampf für Diversitäts­gerech­tigkeit ins Zen­trum gestellt und Be­ru­fungs­verfahren und Stu­dien­pro­gramme darauf ausge­richtet, die univer­sitä­ren core values von diversity, equity, and inclus­ion zur Geltung zu brin­gen. Das Ziel ist, die white supremacy zu brechen. Doch die Steigerung eth­nischer Diver­sität und die Ge­wäh­rung von Sonder­rechten für Minderheiten helfen nicht, Diskri­mi­nie­rung abzu­bauen, son­dern verstärken die Diskri­mi­nierungsneigung zwi­schen konkurrie­ren­den Benach­teiligten­gruppen. Die Probleme, die man lösen will, werden so immer wieder neu ge­schaffen.

Die Rassenun­ruhen im ver­gan­genen Frühjahr gaben einer wissenschaftlich orientierungslos gewordenen Universität die Chance, ihr Profil zu stärken. Alle Fachbe­reiche, Ab­teilungen und Pro­gramme wurden angehalten, Solida­ritäts­adressen zu veröffentli­chen. Die Kulturwis­sen­­schaf­ten etwa erklärten: "Wir ver­pflich­ten uns, unsere Pro­gramressour­cen zu nutzen, um Teil des Kampfes zur Beendigung der Unter­drückung und zur Schaffung eines antirassisti­schen Strukturwan­dels zu sein. Wir verspre­chen, bei uns zu beginnen, in un­serem eigenen Lernen und Lehren, unserer Einstel­lungs­politik und der Gestaltung der Stu­dien­programme." Die anderen Fachbereiche legten ähn­liche Gelöbnisse ab. Die ganze Uni­versität wurde auf den Kampf gegen den Rassis­mus und die Trump-Administra­tion einge­schworen. Niemand hat ge­gen diese politische Instru­mentali­sierung der Universität seine Stimme erhoben, weil es ja um eine gerechte Sache ging.

Zweifellos müssen sich Universitäten den Herausforderungen der wachsenden ethnischen, kultu­rellen und religiösen Diversität der Gesellschaft stellen. Aber alle Rich­tungen gleich würdigen zu wollen, ist kein gangbarer Weg. Jedes Semester wird allen Leh­ren­den an der CGU der Inter­faith Calender mitgeteilt, der alle religiösen Fest- und Feiertage auflistet, die für Studierende relevant sein können und bei Lehrveranstal­tun­gen und Prüfungs­planungen berücksichtigt wer­den sollten. Kaum ein Tag im Semester ist davon nicht betrof­fen. Zu be­rücksichtigen sind nicht nur Religionen wie „Ju­daism, Islam, Buddhist, Hin­du, Christian, Baha’i, Zoroastrian, Sikh, Shin­to, Jain, Confu­cian, Daoist, Native American, Materialism, Secular Humanism“, sondern auch Mandean, Yezidi, Kemetic Fe­dera­tion, Wicca, Sciento­logy, Caodai, Society of Human­kind, Eckankar, Theo­sophy, New Age, Temple Zagduku, Qigong/T’ai chi, Raelian Church, Asatru, Hellenis­mos, Yoruba, Rastafari, Unitarian Univer­salist. Und seit kurzem sind auch The Church of Satan und die Pastafarians (The Church of the Flying Spagghetti Monster) recht­lich zur „family of relig­ions“ zu rech­nen. Die universi­täre Bemühung um gleichge­wichtige Berück­sichti­gung aller wird zur Farce. Man hofft, dass sich das Problem konkret nicht stellt. Die Berufung auf Gerechtigkeitsgründe kaschiert nur, dass man nicht weiß, was man sonst tun soll.

Die Bemühung, allen gerecht zu werden, wirft nicht nur organisatorische Probleme auf. Die Universitäten sollen nicht nur niemanden diskriminieren, sondern in For­schung und Lehre die Anliegen der verschiedenen Identitätsgruppen berücksichtigen. Das führt zuneh­mend zur Ab­lehnung der universalisierenden westlichen Wissen­schafts­kultur. Die ein­fachste Lösung ist, sich mit ihr nicht mehr zu befassen. Europäisches Denken und die Wis­sen­­schaft weißer Män­ner sollen nicht länger das Feld bestim­men, die kulturell und gesell­schaft­lich Marginali­sier­ten beanspruchen das Recht, in eigenem Namen Wissenschaft so zu treiben, wie sie es wol­len. Das eröffnet interessante Perspektiven. Doch es führt über die Differenzen unterschied­licher Gruppen nicht hinaus, sondern verstärkt sie. Wie man kon­struk­tiv mit der sich ständig steigernden Viel­falt umge­hen soll, weiß keiner. Dass es trotz allem, was zu kritisieren ist, gerade die europäische Tra­dition war, die mit der Betonung von Freiheit, Gleichheit, Ge­rech­tigkeit und Solidarität einen Aus­weg aus den religiösen, kulturellen und nationalen Gruppen­konflikten Europas ge­funden hat, indem sie das gemein­sam Menschliche ins Zentrum stellte, wird ge­flissentlich ausgeblen­det.[16]

Nur ein Nebeneinander und Miteinander

Damit wird ein Potenzial verspielt, das angesichts der Tribalisierungstendenzen in der Ge­gen­wartskultur dringend benötigt wird. Was sich an den Universitäten abspielt, ist kein Zufall oder Unfall, sondern spiegelt die kul­tu­rellen Umbrüche unseres technologischen Zeitalters. Auf vielen Feldern wird das – als 'euro­päisch' chiffrierte – Den­ken in Begriffs­hierarchien, das Suchen nach Ge­meinsamem und das Zielen auf Ein­heit durch ein Denken in Alternati­ven, das Aufbrechen von Dualen, das Ermöglichen von Vielfalt ver­drängt. Nicht die Meta­pher von Teil und Gan­zem, sondern die von Standpunkt und Horizont charakterisiert unsere Situa­tion. In einem Horizont kann vieles neben­ein­ander stehen, ohne sich zu einem Ganzen zu verknüp­fen. Jeder Standpunkt hat sei­nen eigenen Horizont. Es gibt nur ein Ne­ben­einander und Mit­einander, aber keinen 'Horizont der Horizonte', der alles um­fasst.

Um sich in dieser polyzentrischen Welt erfolgreich zurecht zu finden, braucht man technolo­gische Hilfs­mit­tel, aber keine Einheits­metaphysik. Technologien optimieren Prozesse, indem sie lokale Lö­sun­gen miteinander vernetzen, ohne ein umfassendes Ganzes vorauszusetzen. Sie denken modu­lar und über Schnittstellen schrittweise nach vorne, nicht einlinig von oben nach unten oder von unten nach oben. Das Internet ist die perfekte Plattform für solches Den­ken. Wir können im Netz global Informa­tionen austauschen und in Sekun­den­­bruch­teilen über Konti­nente hinweg mit Menschen in anderen Kulturen kommunizieren. Aber wir kennen oft kaum noch die Nachbarn, mit denen wir Tür an Tür leben.

Die Krise der Uni­ver­si­täten reflektiert diese Situation. Nicht erst seit der Covid-19 Pandemie, sondern schon lange verschieben sich ihre Ak­ti­vitä­ten vom lokalen Interagieren mit konkre­ten Perso­nen auf digitale Kommu­nikation in virtuel­len Gemeinschaf­ten weit zer­streuter Ak­teu­re, die online Datenpakete austauschen. Doch die globale Inter­net-Mikropo­lis (Steve Jones) ist mehr als nur eine tech­nische Aus­wei­tung un­serer Kommu­nika­tionsradien. An­ders als die loka­len Interaktio­nen zwischen Personen kennt sie nicht die Be­dürfnisse und Er­war­tun­­gen, aber auch Kontrollen und Korrek­turen, die mit diesen einher­gehen. Wir kommunizie­ren digital mit allen mögli­chen Menschen, die wir nicht oder kaum ken­nen. Wir schließen uns zu virtuellen Gemein­schaften zusammen, an denen wir digital partizipieren. Aber die ethische Ursi­tua­tion, durch die schiere physische Präsenz des an­deren zur morali­schen Ver­ant­wor­tung genötigt zu sein, findet im Netz nicht statt. Die Anonymität des Internet macht es viel­mehr vielen leicht, aus ihrem Herzen keine Mördergrube zu ma­chen. Man sagt, was man denkt, ohne darüber nachzudenken, was man sagt, weil man im Netz fast risikofrei äußern kann, was einem bei einer direkten Begegnung nicht über die Lippen käme.

Allerdings verhalten wir uns auch im Internet oft wie in der analogen Welt. Wir vertrauen un­se­ren Kommunika­tions­part­nern bis zum Erweis des Gegenteils, anstatt ihnen nicht zu ver­trau­en bis es gute Gründe dafür gibt. Wir meinen, in #-communities für die gleichen Inter­es­sen zu strei­ten, auch wenn wir nicht wirklich wissen, ob wir dieselben Ziele verfolgen. Um statisti­sche Informationen zu generieren, genügt es, Menschen an­hand äußerer Merkmale wie Ge­schlecht, Ethnizität, Sprache, Reli­gion, Her­kunft und so fort in ab­strakte Gemeinschaften zu grup­pieren. Aber diese Merkmale sind keine realen Gemein­sam­keiten, aus denen sich ge­mein­same Über­zeugungen, Interessen, Verpflichtungen oder Verantwortlich­keiten ableiten ließen. Kei­ner hat nur eine Identität. Nicht alle Weißen sind Kolonialisten, nicht alle PoCs Antiras­sis­ten, nicht jede marginalisierte Gruppe ist schon deshalb solidarisch mit allen an­deren Mar­ginalisierten, und nicht jeder, der für Vielfalt eintritt und gegen Diskriminie­rung kämpft, streitet für die­selbe Sache.

Weil man in diesen abstrakten communities mit niemand wirklich etwas teilt, ist man auch nieman­dem konkret verantwortlich. Verantwortung wird damit zur Leerformel und Solida­ri­tät zur unverbind­lichen Zugehörigkeit zu einer abstrakten Gruppe. Man empört sich, ohne selbst wirklich be­troffen zu sein. Und man wird zum Vertre­ter virtueller Gruppeninteressen, für die man sich nie entschie­­den hat. Das Wir dieser Grup­pen defi­niert sich durch Ab­gren­zung gegen andere. Und weil das stets mit Wertungen ver­bun­den ist, gehört man zu Op­fer- oder Täter­gruppen, ohne dafür Verantwortung zu tragen.

Wissenschaftlich unglaubwürdig

Selten war eine Kommunikationskonstellation so anfällig für Ideologien. Das Bemühen der Universitäten um lokale und regionale Wissenschaft ist ein Versuch, der Fragmentierung der Gesellschaft, der Orientierungslosigkeit der Internetkom­muni­kation und der Ent­frem­dungs­dynamik globa­li­sierter Wissenschaft durch Erdung in den Pro­blemlagen einer konkreten Situation entge­gen­zu­wirken. Gemeinsame Probleme und Projekte am selben Ort helfen, di­ver­gierende Interessen zu bündeln und reale Gemeinsam­keiten auszubilden.

Doch das kann nicht gelingen, wenn man die Steigerung von Di­versität als solche zum Pro­gramm macht. Ist das einzige Gemein­same das Ein­treten für mehr Diversität, gibt es keine defensible differ­en­ces mehr, son­dern nur noch konkur­rierende Gruppeninteressen. Eine Uni­versität, die das beför­dert, zerstört sich selbst. Wenn bei Stellenbesetzungen nicht die wissen­schaftliche Qualifikation der Bewerber für die ausgeschriebene Stelle, sondern ihr Ge­schlecht, ihre Religion oder die Zu­ge­hörigkeit zu einer ethnischen Gruppe ausschlaggebend sind, verstößt eine Universität nicht nur gegen Recht und Gesetz, sondern macht sich wissen­schaftlich un­glaubwürdig. Es kann auch nicht selbstdefinierten Gruppen über­lassen bleiben, darüber zu entscheiden, was in Forschung und Lehre möglich ist und was nicht.

Wo aus ideologischen Gründen Druck ausgeübt wird, bestimmte Fragen verfolgen zu müssen und andere nicht verfolgen zu dürfen, wo diesseits der Grenzen von Recht und Ge­setz vorge­schrie­ben wird, wie man zu reden und zu denken und was man in Forschung und Lehre zu vertreten hat, da steht die verfassungs­mäßig garantierte Freiheit von Forschung und Lehre zur Disposi­tion. Das gilt auch für Verwaltungen, die sich dem Druck bestimmter Gruppen beugen und Verordnungen erlassen, die Forschung und Lehre ideologisch ein­schrän­ken. Die Begründung dafür mag noch so hehr sein: Auch eine Ideolo­gie, die für mehr Gerechtigkeit zu kämpfen vorgibt, wenn sie Freiheiten einzuschränken fordert, bleibt eine Ideologie, die nie­mandem vorgeschrie­ben werden kann. Nur wo es Frei­heit gibt, kann es auch Gerechtigkeit ge­ben. Wo dagegen im Namen von Diversitätsgerechtigkeit die Freiheit von Forschung und Lehre in Frage gestellt werden, ist eine Universität dabei, sich ideologisch selbst zu zerstören.

 

[1] Vgl Hermann Lübbe, Politischer Moralismus: Der Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft, Münster: Lit Verlag, 2019.

[2] Florian Coulmas, Wozu sind Universitäten da? - Für Erkenntnis und Wissen und nicht für den Kult der Diversity, NZZ 26.6.2019 (https://www.nzz.ch/meinung/wozu-sind-universitaeten-da-nicht-fuer-den-kult-der-diversity-ld.1489464)

[3] Ebd.

[4] Vgl.Sandra Kostner, Wer den strukturellen Rassismus leugnet, muss selbst ein Rassist sein – Analyse eines äusserst gefährlichen Denkfehlers, NZZ 1.12.2020 (https://www.nzz.ch/feuilleton/struktureller-rassismus-analyse-eines-gefaehrlichen-denkfehlers-ld.1589216).

[5] René Scheu, Interview, NZZ 24.11.2020 (https://www.nzz.ch/feuilleton/ayaan-hirsi-ali-ueber-freiheit-religion-und-identitaetspolitik-ld.1587611).

[6] Stefan Rebenich, Weiße Gelehrte unerwünscht, FAZ 26.11.2020 (https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/debatte-um-us-altertumswissenschaften-weisse-gelehrte-unerwuenscht-17070600.html); vgl. Dan-el Padilla Peralta, Some thoughts on AIA-SCS 2019 (https://medium.com/@danelpadillaperalta/some-thoughts-on-aia-scs-2019-d6a480a1812a).

[7] Ibram X. Kendi, How to Be An Antiracist, New York: One World, 2019.

[8] https://www.nzz.ch/feuilleton/ayaan-hirsi-ali-ueber-freiheit-religion-und-identitaetspolitik-ld.1587611; vgl. Robin DiAngelo, White Fragility: Why It's So Hard for White People to Talk About Racism, London: Pinguin, 2019

[9] Miranda Fricker, Epistemic Injustice: Power and the Ethics of Knowing. Oxford: Oxford University Press, 2007; Ian James Kidd/José Medina/Gaile Pohlhaus Jr. (eds.), The Routledge Handbook of Epistemic Injustice. Abingdon: Routledge 2017.

[10] Charles Mills, White Ignorance, in: Shannon Sullivan/Nancy Tuana (eds.), Race and Epistemologies of Ignorance, Albany, NY: SUNY Press, 2007, 13-38.

[11] José Medina, The Epistemology of Resistance: Gender and Racial Oppression, Epistemic Injustice, and Resistant imaginations. Oxford: Oxford University Press, 2013.

[12] Stefan Rebenich, Weiße Gelehrte unerwünscht, aaO.

[13] Vgl. Maria-Sibylla Lotter, Allzu oft wird Wissenschaft als Wiedergutmachungsprojekt betrieben (https://www.nzz.ch/feuilleton/wissenschaft-wird-zum-wiedergutmachungsprojekt-ld.1561543)

[14] Vgl. Helen Pluckrose/James Lindsay, Cynical Theories: How Universities Made Everything about Race, Gender, and Identity - And Why this Harms Everybody, Pitchstone Publishing 2020.

[15] https://www.nzz.ch/feuilleton/christliche-sklaven-muslimische-herren-ld.1581245

[16] Man kann und muss die Pointe von Alexander Popes Essay on Man (1733-34) ("Know then thyself, presume not God to scan, // The proper study of mankind is Man." auch so lesen. Vgl. Peter Strasser, Lob des Eurozentrismus, NZZ 10.10.2016 (https://www.nzz.ch/meinung/kommentare/es-gibt-nur-eine-menschheit-lob-des-eurozentrismus-ld.120890).

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Foto: Clermont Graduate University

Ingolf Dalferth

Ingolf Dalferth, geboren 1948, war unter anderem von 1995 bis 2013 Professor für Systematische Theologie, Symbolik und Religionsphilosophie an der Universität Zürich und von 2007 bis 2020 Professor für Philosophie und Religion an der Claremont Graduate University in Kalifornien.


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