Ein Ministerium für Engel

Warum die Einsamkeit auch ein politisches Thema ist
Foto: privat

„Manchmal fühle ich mich wie ein Engel. Ich bin zwar da, aber niemand sieht mich.“ Das sagt eine junge Frau auf die Frage, wie sich Einsamkeit anfühlt. Andere beschreiben ein Gefühl von großer Leere und einem tiefen Schmerz. Einsam zu sein bedeutet, nicht wahrgenommen zu werden, unsichtbar zu sein mit den eigenen Bedürfnissen und Gaben – ein Engel eben. Jeder Mensch kennt dieses Gefühl, es ist normal, sich dann und wann einsam zu fühlen, nur wenn die Einsamkeit bleibt, überhand gewinnt, überwältigt, dann wird sie zum Problem.

Alleinsein und Einsamkeit bedeuten nicht dasselbe, denn Alleinsein kann auch als positiv empfunden werden: Viele Menschen sind gern allein, vielleicht auch, weil sie sich mit anderen (und/oder mit Gott) im Herzen tief verbunden wissen. Einige suchen einsame Orte auf, um zur Ruhe zu kommen und kreativ zu sein. Ich genieße es, wenn ich im November allein nach Langeoog fahre, bei Sonnenaufgang am Strand bin, stundenlang schreiben und der Stille lauschen kann. Ich fühle mich dabei pudelwohl und gar nicht einsam – weil ich es gewählt habe. Für andere, beispielsweise solche, die berufstätig sind und eine große Familie haben, ist Alleinsein mitunter ein knappes Gut. 

Einsamkeit hingegen tut weh – und das meine ich nicht nur metaphorisch. Neurologische Forschungen haben herausgefunden, dass bei starken Einsamkeitsgefühlen das gleiche Zentrum im Gehirn aktiviert wird, welches auch körperlichen Schmerz spürbar macht. Für unser Gehirn ist Einsamkeit also ebenso schmerzhaft wie ein Sturz auf Beton. Und Einsamkeit macht krank: Einer US-amerikanischen Studie zufolge sinkt die Lebenserwartung durch Einsamkeit genauso stark wie durch den Konsum von täglich 15 Zigaretten und sogar noch stärker als durch Fettleibigkeit. Einsame haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken und tendieren eher zu Herz-Kreislauf-Problemen, Schlaganfall und Depression.

Lange war Einsamkeit ein Tabuthema, es galt als privates Gefühl und als irgendwie peinlich. Wer einsam ist, soll Ratgeber lesen, Therapie machen und selber dafür sorgen, dass es bergauf geht. Nur langsam setzt sich die Einsicht durch, dass es neben individuellen auch gesellschaftliche Faktoren gibt, die einsamkeitsfördernd sind: Gewachsene Gemeinschaften werden seltener, berufsbedingte Umzüge häufiger, bezahlbarer Wohnraum findet sich oft nur in anonymen Bettenburgen. Private Tanzparties sind ebenso selten geworden wie der regelmäßige Austausch mit der Nachbarschaft. Dazu kommen ein erhöhter Leistungsdruck und weniger Zeit für Muße.

Großbritannien hat erkannt, dass es einen Handlungsbedarf gibt und ein Einsamkeitsministerium eingerichtet. Zwar erntete es zunächst Hohn und Spott, doch die Präventionsmaßnahmen, die das Ministerium anregte, rechneten sich schnell: Jedes investierte Pfund, das dort beispielsweise für Gemeinschaftsaktionen und Stadtteilprojekte verwendet wurde, um der Einsamkeit der Menschen entgegen zu wirken, brachte dem Gesundheitssystem am Ende eine Kostenersparnis von 1,26 Pfund.

Auch in Deutschland tut sich was. Eine Fachgruppe der Unionsfraktion fordert in der Corona-Pandemie einen nationalen Aktionsplan gegen Einsamkeit und eine*n Einsamkeitsbeauftragte*n bei der Bundesregierung, denn: „Die Auswirkungen der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie haben deutlich verschärft, was vorher schon da war: Einsamkeit.“ Ein Aktionsplan muss her, vielleicht auch ein Ministerium für die „Engel“, eben jene, die da sind, aber von niemandem wahrgenommen werden. Dieses würde viel Zuarbeit brauchen, von anderen Ministerien, von der Zivilgesellschaft, und natürlich auch von der Kirche.

Die Kirche hat da einiges zu bieten, schließlich erzählen unsere heiligen Texte in zahllosen Varianten von Einsamkeit, von dem Gefühl wahrhaftiger Gottverlassenheit, von den Klagen der Menschen und von Gottes Hilfe aus der Einsamkeit. Diese Hilfe ermöglicht nicht unbedingt ein Happy End, manchmal sogar eine Rückkehr in eine unterdrückende Gemeinschaft (wie bei Hagar in Gen 16), aber eines bedeutet diese Hilfe immer: Weiterleben. Darin angelegt ist die Möglichkeit, dass es eine Zukunft ohne Einsamkeit geben kann, dass ein Engel sagen kann: Wenn Gottes Auge auf dem meinen wacht, wenn mein Gott mich sieht, dann „weiß ich, dass auf gute Nacht guter Morgen kommt.“

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