Der Tod Gottes in Corona-Zeiten

Für die Fußballwelt war Maradonas Tod der große Karfreitag in der Corona-Pandemie
Maradonna feiert die erste italienische Meisterschaft für den SSC Neapel
Foto: epd/Keystone
Diego Maradonne feiert die erste italienische Meisterschaft für den SSC Neapel.

„Gott ist tot!“ titelten die Zeitungen, als die Nachricht vom Tod Diego Maradonas um die Welt ging. Für seine Fans war er nicht nur der Größte im Fußball, sondern der Einzige, die Inkarnation des Fußballgottes, der so oft beschworen wird, wenn es um Sieg oder Niederlage auf dem Rasen geht. Nicht einmal Pelé hat eine solche Apotheose erfahren. Wie seine Verehrung zu Lebzeiten, trug auch die Trauer um Maradona religiöse Züge. Den Menschenmassen beim Staatsbegräbnis schien es, als werde tatsächlich Gott selbst zu Grabe getragen und als sei die Welt mitten in der Corona-Pandemie nun endgültig von Gott verlassen.

In einem Passionslied, das der Dichter und lutherische Prediger Johann Rist 1641 mitten im Dreißigjährigen Krieg dichtete, heißt es: „Oh große Not! Gott selbst liegt tot.“ Für die kirchlichen Gesangbücher, in denen es noch heute steht, wurden die Verse entschärft: „Oh große Not, / Gotts Sohn liegt tot.“ Für die Fußballwelt war Maradonas Tod der große Karfreitag in der Corona-Pandemie, die allein in Argentinien bisher 40.000 Tote gefordert hat.

Tatsächlich hat die Stilisierung des Jahrhundertfußballers zur übermächtigen Ikone christologische Züge angenommen. Geboren in ärmlichen Verhältnissen am Stadtrand von Buenos Aires wurde er schon im Alter von neun Jahren entdeckt und später von Underdog zum Fußballstar. Argentiniens Weltmeistertitel 1986 war im Wesentlichen sein Verdienst. Legendär wurde das Tor, das er durch Handfoul im Viertelfinale gegen England erzielte. Seine Erklärung, die Hand Gottes sei ihm zur Hilfe gekommen, zeugte von Schlagfertigkeit und Witz. Doch in der einsetzenden Heiligenverehrung ging die Ironie völlig verloren. So erschien Maradona wie Jesus, von dem es in den Evangelien heißt, er habe mit dem Finger die Dämonen ausgetrieben.

Menschliche Tragödien

Auf den Aufstieg des Superstars folgten menschliche Tragödien, Drogenmissbrauch, Verstrickungen ins kriminelle Milieu und Krankheit. Maradona starb drei Wochen nach einer komplizierten Herzoperation. Wie viele andere war er mit seinem Ruhm nicht zurechtgekommen. Seine Verehrer aber sahen in ihm den leidenden Gottesknecht. Zu sagen, er habe sich in Wahrheit selbst zugrunde gerichtet, wäre zu einfach. Tatsächlich ist er wohl auch von seiner Heiligsprechung gedrückt worden, wie Oliver Fritsch in der ZEIT schrieb.

Maradonas Aufstieg und Ende zeigt auf eindrucksvolle Weise, dass sich die Welt auch im 21. Jahrhundert nach Transzendenz und Erlösung sehnt. Selbst die Spaßreligion „Iglesia Maradoniana – La Mano de D10S“ – das Kürzel steht für das spanische Dios (Gott), zusammengesetzt aus D für Diego, und seiner Startnummer 10 – und die dem Fußballer in Neapel gewidmete Kapelle sind nur halbironisch gemeint.

In der Corona-Padenmie scheint allerdings Gesundheit über alles zu gehen. Die letzte Bitte des Vaterunser lautet heute abgewandelt: „Erlöse uns von dem Virus!“ Wie die Kultur rangieren die Kirchen und die übrigen Religionsgemeinschaften in der Krise hinter dem Gesundheitssystem, der Wirtschaft und dem Bildungssystem. Sie sind „beinahe in den toten Winkel gerutscht“ (Jan-Heiner Tück). Insgeheim aber treibt die Menschen keineswegs nur das Verlangen nach Gesundheit und Rückkehr in die Normalität um, sondern ein Verlangen nach Sinn, nach Heil und Transzendenz.

Nirgends wird das heute so sichtbar wie im Fußball. Was die Massen in die Stadien zieht, ist die Sehnsucht nach Erfahrung einer Gemeinschaft, in der alle sozialen Unterschiede aufgehoben sind, und einer Sache, die größer ist als man selbst. Das individuelle Schicksal mit seinen Höhen und Tiefen weiß sich aufgehoben im überindividuellen Geschick des Vereins, dem man ein Leben lang die Treue hält. Die vermeintlich schönste Nebensache der Welt wird zu Sinnressource. Das kollektive Gedächtnis, bewahrt geradezu heilsgeschichtlich aufgeladene Ereignisse, wie beispielsweise Argentiniens Weltmeistertitel von 1986, für alle Zeiten auf. Das Versprechen, das der Fußball gibt, ist nichts geringeres als das Erleben von Ewigkeit im Hier und Jetzt.

Ungestilltes Transzendenzverlangen

Weihnachten ist das Fest der Menschwerdung Gottes. Das Wort ward Fleisch, also leibliches und nicht virtuelles Wort. Um die Corona-Pandemie einzudämmen, müssen Fußballspiele ohne Publikum stattfinden. Das ist für viele weitaus schlimmer als der Verzicht auf öffentliche Gottesdienste. Life-Übertragungen können das Gemeinschaftserlebnis im Stadion nicht ersetzen. Für die leibliche Dimension von Religion haben Fußballfans möglicherweise ein tieferes Gespür als diejenigen, welche mit Gottesdienstübertragungen aus leeren Kirchen die schöne neue Welt einer digitalen Kirche anbrechen sehen.

Das ungestillte Transzendenzverlangen wird immer wieder auf Menschen wie Maradona projiziert. Der aber war ein Messias, der keine Erlösung bracht, nicht einmal für sich selbst. Und auf den Karfreitag des Fußballgottes folgt kein Ostern.

Bei dem Gott, dessen Menschwerdung die Christen zu Weihnachten feiern, ist das anders. Ohne Karfreitag und Ostern wäre freilich auch Weihnachten bedeutungslos. „Erkenntnis“, so schrieb der Philosoph Theodor W. Adorno, „hat kein Licht, als das von der Erlösung her auf die Welt scheint: alles andere erschöpft sich in der Nachkonstruktion und bleibt ein Stück Technik.“ Auch die Impfung gegen Corona, auf die nun alle Welt hofft.


 

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