Lasst sie spielen!

Was Kirche vom Snooker lernen kann
Foto: privat

Ich habe in den Sommerferien ein Buch gelesen und eine Snooker-Weltmeisterschaft angeschaut. Das Buch war „Verschwörungsmythen“ von Michael Blume. Sehr zu empfehlen. Die Snooker-Weltmeisterschaft lief auf Eurosport.

Snooker ist eine, nein, die Königsvariante des Billards. Nacheinander müssen 15 rote Bälle immer im Wechsel mit einem der 6 bunten Bälle eingelocht werden. Zum Schluss fallen dann auch die Farben. So ist der Plan. Der Trick besteht darin, den weißen Spielball so abzulegen, dass ein Weiterspielen möglich ist.

Räumt ein Spieler den ganzen Tisch ab und spielt nach jedem roten Ball einen schwarzen (mit der höchsten Punktzahl 7) kann er 147 Punkte erzielen. Man nennt das ein Maximum Break. Von denen hat Ronnie O’Sullivan in seiner Karriere 15 während eines offiziellen Turniers geschafft. So viele wie niemand sonst. Darunter das schnellste jemals aufgezeichnete Maximum break in 5 Minuten und 8 Sekunden.

Es ist sicher nicht falsch, Ronnie O´Sullivan den größten Snooker-Spieler aller Zeiten zu nennen. Und deshalb habe ich mir die Snooker-Weltmeisterschaft angeschaut. Ronnie hat gewonnen, zum sechsten Mal. Noch einen Weltmeistertitel braucht er, um mit Stephen Hendry gleichzuziehen, der in den 1990er-Jahren den Sport dominierte (und revolutionierte).

Doch keiner spielt so schnell und aufregend wie Ronnie. Er hat den Sport popularisiert, weit über Großbritannien hinaus. (Fast) alle lieben Ronnie. Auch, weil er kein einfacher Typ ist. Manchmal spielt er zum Beispiel unter den Möglichkeiten seines Riesentalents – wie bei der diesjährigen Weltmeisterschaft. Er stammt aus einem schwierigen Elternhaus und hat immer wieder mit Depressionen zu kämpfen. Er ist ungeduldig, launisch und spielt gelegentlich erratisch. Er ist ein Genie, aber kein Roger Federer.

Ronnie hat also (eigentlich) schlecht gespielt und trotzdem gewonnen. Zwischendurch kritisierte er den Nachwuchs seiner Sportart: Er müsste wohl einen Arm und ein Bein verlieren, um aus den Top 50 zu rutschen. Das glaube ich nicht. Ronnie spielt beidhändig. (Auch damit war er der erste und löste einen Skandal aus, als er mitten im Frame die Spielhand wechselte.)

Bevor Sie, werte:r Leser:in, nun schnell auf YouTube nach Ronnie O´Sullivan-Videos schauen (nur zu!), noch ein paar Sätze dazu, was das eigentlich auf der Website eines Magazins mit evangelischen Kommentaren zu Religion und Gesellschaft zu suchen hat:

In der Kirche nennen wir das Gabenorientierung. „Wir arbeiten gabenorientiert“, soll so viel heißen wie: Hier macht jede:r, was er/sie am besten kann. Oder zumindest: Die kniffligen, nervigen Aufgaben macht am besten derjenige/diejenige, der/die damit am leichtesten fertig wird – oder am schnellsten. Gabenorientierung ist das beste Argument für Team-Arbeit: In der Theologie mit ihrem Fächerkanon, in der Kirche mit ihren Dienstgemeinschaften.

Aber ich werde gerne noch elementarer: Talent gibt’s nur geschenkt. Klar, manchmal kann man mangelndes Talent mit viel Überlegen, Geduld und Taktik ausgleichen. Schauen Sie mal ein Snooker-Spiel von Peter Ebdon! Auch Ebdon ist Weltmeister geworden. Aber sein Spiel will man sich kaum anschauen. Es sei denn man steht drauf, Zeit zu vergeuden, oder schläft gerne vor dem Fernseher ein.

Das System Kirche begünstigt die Peter Ebdons. Die zögerlichen, die abwartenden, die sich-rückversichernden Akteur:innen. Auch so kann man ans Ziel kommen. Ich will ganz sicher nicht einer Kirche das Wort reden, in der nur Genies am Werke sind. Viele sind berufen, nur wenige sind auserwählt und so. Aber mehr Beinfreiheit für die Wilden, Störrischen, Ungeduldigen darf bitte sein!

Die finden sich im Sport wie in der Kirche vor allem unter denen, die von außen herkommen, die irgendwie seltsam und verkrümmt sind, die jedenfalls nicht dazugehören. Und unter denjenigen, die Anstoß erregen. Vielleicht, weil sie anders lieben, anders ausschauen, anders sprechen (!) und schreiben. Lasst sie spielen! Wer weiß, vielleicht popularisiert sich dadurch ja auch das Kirch-Spiel.

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