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Seltsame Orte der Religionen

Johann Hinrich Claussen nennt sein Buch „unordentlich“, es fehle Methode, Gliederung, Systematik. Der Leser hingegen schätzt die unkomplizierte Aufbereitung eines umfangreichen Themas: Von versteckten Kirchen, magischen Bäumen und verbotenen Schreinen. Die seltsamsten Orte der Religionen ist klar in zwanzig Kapitel mit jeweils zwei Abschnitten geordnet, zweimal variiert die Gliederung. Vierzig religiöse Orte werden vorgestellt. Eine Hälfte ist aus dem christlichen Bereich, die andere aus Judentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus, Germanen- und Slawentum, indigener und konfessionsloser Religiosität. Praktische Geodaten und treffende Illustrationen ergänzen es. Der Autor, Leiter des Kulturbüros der EKD in Berlin, ist ein kenntnisreicher Reiseführer, der sich mit Bewertungen wohltuend zurückhält; er schildert, was zu sehen, hören, zu riechen und erleben ist, überlässt aber weitgehend dem Leser die Beurteilung.

Die angebliche Unordentlichkeit ermöglicht es, bei jedem beliebigen Kapitel einzusteigen: vielleicht bei der Höhle Machpela im Westjordanland, dem Moostempel in Japan, dem Berg Mauna Kanea auf Hawaii oder lieber bei den Externsteinen im Teutoburger Wald? Auch auf christlichem Terrain gibt es seltsame Orte. So findet in Hamburg jedes Jahr seit den 1960er-Jahren der MOGO, also Motorradgottesdienst, statt, an dem bis zu 30 000 Biker mit ihren Maschinen teilnehmen und anschließend durch die Stadt eskortiert werden. Bei den ersten Treffen war Umweltschutz fast noch ein Fremdwort. In einer Zeit, in der der Bundesrat wirksame Beschränkungen für Krafträder fordert, wirkt dies lärmende Spektakel seltsam.

Im Kongo steht ein Tempel für 37 000 Menschen. Er gehört zur „Kirche Jesu Christi auf Erden durch seinen Boten Simon Kimbangu“. Ihr Glaube kennt nicht nur die Bibel als Offenbarungsquelle, auch Lieder und Lehren der prophetischen Führer gehören dazu. Nachdem die belgischen Kolonialherren den Gründer zeitlebens inhaftierten, leiteten seine drei Söhne die Kirche. Die Gläubigen verehrten sie als leibhaftige Trinität. Die Kimbanguisten sind seit 1969 Mitglied im Ökumenischen Rat der Kirchen – seltsam. Im Osten Hamburgs gibt es einen letzten Ruheort für Tiere: den Tierfriedhof Jenfeld. In der wohlgestalteten, kleinen Parklandschaft spürt der Besucher, wieviel Liebe und Achtung den Verstorbenen entgegen gebracht wird. Von den christlichen Gefilden kann die Leserin sich dann zu den Wallfahrten der Millionen nach Kerbela im Irak aufmachen, zur Kumbh Mela nach Indien, zu den unzähligen Umarmungen Ammas, der „Mutter der unsterblichen Glückseligkeit“ oder die skandalöse Verfolgung der Uiguren durch den chinesischen Staatsapparat wahrnehmen.

Glaube ist für Claussen eine „lebendige Kraft“, Religion „musikalisch gesprochen, ein Thema in unendlichen Variationen“. Die von ihm vorgestellten vielfältigen Abwandlungen jenes Grundgedankens fordern Diskussionen geradezu heraus: Wie kann eine ferne Glaubensmelodie vertraut oder angenehm klingen, warum bleibt sie fremd, gar eine Kakophonie?

Dieser ungewöhnliche Reiseführer lädt ein, an die eigenen Verständnis-, und Wahrnehmungsgrenzen zu gehen und sie zu überschreiten. Wer sich auf die virtuelle Reise um die Religionswelt begibt, wird sicher überrascht, zuweilen irritiert, immer aber bereichert – ein Buch, das den Blick weitet. Der Reisende kehrt womöglich toleranter und dankbarer in seine eigene Glaubensheimat zurück.

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