Leben im Glaubensexil

Corona-Theologie in einer Gemeinde an den Bächen des Weserberglandes
Wenn die Bäche im Weserbergland zu den Wassern Babylons werden, werden Psalmen lebendig.
Foto: dpa/Michael Narten
Wenn die Bäche im Weserbergland zu den Wassern Babylons werden, werden Psalmen lebendig.

Was trägt eine Kirchengemeinde durch die Corona-Krise? In welchen biblischen Worten finden sich diejenigen wieder, denen das Virus die Selbstverständlichkeiten der Glaubensgemeinschaft nahm? Christof Vetter, Gemeindepfarrer in Aerzen im Weserbergland, denkt theologisch über diese Form des Exils nach.

Für Tocto, den alt gewordenen Hund an der Seite des  Pastors, war jener Sonntag im März anstrengend: Keinen Gottesdienst feiern und auf Fragen, die bisher niemand gekannt hat, Lösungen finden. Das bedeutet nichts anderes, als stundenlang spazieren zu gehen. Die beiden gingen an den Bächen des Weserberglands entlang, und einer weinte.

Vieles, was sich an diesem Sonntag im März wie ein unüberwindlicher Berg aufgetürmt hatte, wurde erst in den Wochen danach gründlicher durchdacht. Jetzt war Aktion gefragt: Wie mit denen Kontakt halten, die gern jede Woche zum Kaffee-trinken kommen? Wie denen das Wort Gottes ausrichten, die gern Gottesdienst feiern? Wie auf dem Friedhof Abschied nehmen, wenn körperliche Nähe als Trost trotz Abstand gefordert ist? Wie präsent sein, wenn die Regel lautet „stay at home“ – „bleib zu Hause“?

Alte und neue Medien rückten in den Vordergrund: bedrucktes Papier, das Telefon, das Internet und die Sozialen Medien – jede Kollegin, jeder Kollege setzte eigene Schwerpunkte. Dort im Weserbergland gab es täglich „Lebenszeichen“ in den Sozialen Medien, die kirchliche Datenschützer mehr als kritisch sehen: bei Facebook und WhatsApp. Wöchentlich wurde ein „Lebenszeichen“ gedruckt – acht Din-A5-Seiten mit einem Gottesdienst, um zu Hause zu feiern. Für das Bürgerradio wurde gemeinsam mit der Kollegenschaft im Kirchenkreis Beiträge produziert. Briefe und Karten wurden geschrieben an Landwirte, Über-80-Jährige, Kinder der Grundschulklassen, Einzelhändler, Verantwortliche in Unternehmen. Und während des radikalen Lockdowns wurden „Hoffnungsbriefe“ an alle Haushalte ausgeteilt. Druckerzeugnisse mit einer Gesamtauflage von über 15 000 Exemplaren wurden mit Hilfe der Konfirmandinnen und Konfirmanden und vieler Engagierter verteilt – weniges persönlich adressiert, alles persönlich gemeint. In den ersten Wochen, die ganz ohne gottesdienstliches Angebot sein mussten, wurden kurze Videos aufgenommen. Die Glocken luden sonntags zum Gottesdienst im ZDF ein – mit dem Zweiten sieht man in diesen Wochen besser, weil lokal nichts zu sehen war.

Spott ließ nicht lang auf sich warten – so wie damals, als sie an den Wassern zu Babel saßen: „Denn dort hießen uns singen, die uns gefangen hielten, und in unserm Heulen fröhlich sein: ‚Singet uns ein Lied von Zion!‘“ (Psalm 137). Manche spotteten, dass Kirche nicht systemrelevant sei. Doch: Weder Politik noch Medien können definieren, ob Kirche systemrelevant ist. Die Definition geben allein die, die Kirche sind und leben.

Einsames Glaubensleben

Gezwungen ins Exil eines einsamen Glaubenslebens durch eine auferlegte oder selbstgewählte Quarantäne gibt es neue und bisher ungekannte Wege, von dem eigenen Ort zu Hause mit Menschen Gemeinschaft zu erfahren, die an anderen Orten zu Hause sind. Einige taten sich zusammen und sangen Abend für Abend von zu Hause über WhatsApp verbunden eine Complet. Täglich. Vor Corona trafen sie sich einmal im Monat. Und Menschen, die täglich zum Abendläuten der Glocken ein Lebenszeichen per WhatsApp bekamen, schrieben: Noch nie hätten sie sich über so lange Zeit mit biblischen Texten beschäftigt und im Übrigen würden sie die Nachricht auch weiter verteilen: in den Harz, nach Berlin, ins Schwabenland und an die Küste Ostfrieslands. Vorsichtige Schätzungen nach ersten Rückfragen beunruhigten: Weit über fünfhundert Menschen lesen jeden Abend die wenigen Zeilen zu einem biblischen Vers. „Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wenn ich deiner nicht gedenke.“ In der zweiten Person dieses Verzweiflungsschreis im Psalm verschmilzt Gott, dessen Haus nicht mehr besucht werden kann, mit der Gemeinschaft, die zumindest als körperliche und haptische Erfahrung verloren gegangen ist.

Hohn erklingt aus eigenen Reihen: Die Kirche lasse Menschen allein sterben. Wieder bleibt die Frage, wer oder was ist Kirche, wenn eine aus Vernunft eingehaltene Quarantäne Begegnung und Gemeinschaft unmöglich macht: der Anruf bei den Pflegekräften in den Seniorenheimen, die Pflegekraft, die einzelnen Bewohnern täglich das „Lebenszeichen“ vorliest, die vom Pastor handschriftlich ergänzte Karte mit dem Geburtstagsgruß, der sonst nicht übliche Blumengruß zum Ehejubiläum oder die allabendliche Videokonferenz der Jugendlichen im Kirchenkreis? Und die Entscheidung, beim Anruf, dass die Schwiegertochter nach einem Unfall nicht mehr reden würde, alle virologischen Bedenken über Bord zu werfen und mit Desinfektionsmittel in der Hosentasche und einem Stück Stoff über Mund und Nase einen Seelsorgebesuch zu machen.

Leben im Glaubensexil: Gewohnte Orte sind gesperrt, eingespielte Begegnungen verwehrt und regelmäßig wiederkehrende Treffen abgesagt. Nicht für zwei oder drei Wochen, sondern für Monate. Das heißt: keine eingespielte Routine, sondern alles will neu entwickelt werden, neu durchdacht sein – bis hin zu Hygienekonzepten, mit denen nach den ersten Lockerungen alles neuer Ordnung unterstellt wurde.

Mit solchen Konzepten konnte Glauben wieder vorsichtig gemeinsam gelebt und gefeiert werden: nicht in der Kirche, die wird gerade restauriert, und nicht im Gemeindesaal, der ist zu klein – sondern im Freien, auf dem Kirchplatz oder im Pfarrgarten. Ohne zu singen, ohne sich mit Handschlag oder Umarmung zu begrüßen, ohne Nähe körperlich zu spüren. Es bestätigt sich der Verdacht vorausgegangener Tage: Die aktiv teilnehmende Gemeinde hat sich verändert. Die, die sich an den Hecken und Zäunen zum Gottesdienst treffen, sind jünger und mehr geworden. Die Gottesdienstgemeinde ist unübersichtlicher, aber präsenter – dafür auf einzelnen Stühlen mit 1,50 Meter Abstand. Die, die sonst nicht gekommen sind, obwohl sie wussten, dass sie hätten kommen können, sind plötzlich da und verändern das Gesicht der Gemeinde: open air, interessiert und fröhlich.

Trotzdem bleibt ein schales Gefühl: Nicht die Vorwürfe, die pauschal und medial ausgeteilt werden, sondern die eigene Erkenntnis, vieles versäumt zu haben. Zu spät an die Mütter gedacht, die zwischen Homeoffice, Homeschooling und Homework besonders gefordert waren. Auch Handwerksbetriebe, die während des Lockdowns weiterarbeiteten, sind nicht ins Blickfeld gekommen. Schülerinnen und Schüler, die zu Hause weder digital noch stimmungsmäßig ein Umfeld haben, das Lernen ermöglicht, wurden zu spät – wenige Wochen vor den Sommerferien – entdeckt. Und vielleicht haben sich Seelsorgende trotz aller Versuche dem Verbot, in die Pflegeheime zu gehen, zu wenig widersetzt. Es bleibt ein Schuldgefühl: In pastoraler Quarantäne ist die Arbeit mehr geworden und trotzdem waren mit 15 wöchentlich gedruckten und 121 täglichen digitalen Lebenszeichen nicht all die zu erreichen, die zu erreichen nötig gewesen wäre. Eine unfassbare Erschöpfung setzt ein: „An den Wassern des Weserberglands sitzen wir und weinen …“

Die Idee anderer, das Bild des Exils für diese Wochen theologisch zu denken, verfestigt sich. Es ist keine Wüstenwanderung, denn in die Wüste brechen Menschen hoffnungsvoll auf, um sich aus einer erlebten Sklaverei zu befreien. Durch die Wüste ziehen Menschen mit dem Ziel vor Augen, das Land zu erreichen, in dem Milch und Honig fließen. Ins Exil werden Menschen gezwungen: durch die Entscheidung anderer, weil sie den Krieg verloren haben, weil der Widerstand gebrochen wurde – oder eben durch das Virus. Auch wenn im Exil die Hoffnung aufblüht, sind Exilanten aufs Ende des Exils und nicht auf den Weg durch das Exil fixiert: „Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden.“

Zuerst einmal ist kein Ende in Sicht: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen guten Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben“ (Psalm 126). Wer im Exil ist, wandert nicht durch die Wüste, das Ziel fest im Blick, sondern lebt die Gegenwart – unter anderen Voraussetzungen, abgeschnitten von dem, was vormals selbstverständlich war: „Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet“ (Jeremia 29,5f). Wenn im Exil vieles anders ist als in der Zeit davor, die allzu schnell als normal bezeichnet wird, so bleibt die Sorge um die Gemeinschaft am Ort: „Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl“ (Jeremia 29,7).

Obrigkeitliche Verordnungen während der Pandemie verboten nicht das Glaubensleben, sondern forderten es ins Exil zu gestalten, es hinter die Mauern des eigenen Zuhauses zu verlegen und die Gemeinschaft zu missen. Es war kein vorauseilender Gehorsam gegenüber dem Staat, wenn Kirchenleitungen und Kirchenvorstände entschieden haben, dem, was gesellschaftlich gefordert war, auch in der praxis pietatis nachzukommen. Diese Entscheidung war von Vernunft und Respekt getrieben: Vernunft, die Gemeinschaft davor zu bewahren, dass das Virus unkontrolliert weitergegeben wird. Respekt vor dem Nächsten, dem das Virus nicht übertragen werden sollte. „Suchet das Beste für die polis, die Gemeinschaft“ ist in den Zeiten der Pandemie nichts anderes, als dem Virus möglichst wenig Gelegenheiten zu bieten, sich zu verbreiten – in der Hoffnung, dass menschlicher Verstand und Wissenschaft und göttliches Handeln dem Spuk ein Ende bereiten: „Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung“ (Jeremia 29,11). Letztendlich ist jener Brief, den Jeremia an die Exilanten geschrieben hat, nichts anderes als „eine einzige Mahnung zur Nüchternheit und ein Schlag gegen den frommen Enthusiasmus“ (Gerhard von Rad).

Stück für Stück

Es wird zum Ende hin – keiner weiß Tag noch Stunde – nicht anders sein als damals im 6. Jahrhundert vor der Zeitenwende. Es wird nicht das eine Datum, die eine Stunde geben, an der das Virus weg und alles wieder wie vorher sein wird. Als die Zeit des Exils vorbei war, kamen sie in kleinen Gruppen zurück zu unterschiedlichen Zeiten und nahmen Stück für Stück wieder in Besitz, was sie zuvor verlassen mussten. Da aber alles – auch der Tempel – geschleift war, mussten sie neu aufbauen, was vorher einfach da war: Beim Neuaufbau wird verändert, neu geplant und die Erfahrung des Exils eingebracht. Der neue Bund, die neue Wirklichkeit wird eine andere sein.

So geht der Pastor wieder mit seinem Hund an den Bächen des Weserberglands spazieren, berät sich mit dem Kirchenvorstand, den Teamerinnen und Teamern in der Jugendarbeit und den Kolleginnen und Kollegen in der Nachbarschaft: Die Augen sind nicht mehr mit Tränen des Vermissens gefüllt. Der Kopf ist voller neuer Fragen. Nach der Herausforderung, wie das Exil zu gestalten ist, kommt nun die neue und schwierigere Herausforderung: Wie ist das Neue zu gestalten. Denn eine bloße Rückkehr in das vorher als normal Empfundene, in das Gewohnte, darf es nicht geben. Die lebendige Gemeinde ist im Exil neu geworden: jünger, größer und unübersichtlicher.

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