Nostalgisch

Leben an der Grenze

Auf Hendrik Hemsterhuis lasten schon bei seiner Taufe im Jahr 1952 hohe Erwartungen. Ist er doch endlich der ersehnte Stammhalter und zukünftige „Juniorchef“, so nennt ihn seine Großmutter, der Baustoffhandelsfirma seines Vaters. Es wird anders kommen. Wie und warum, das erzählt der Theologe und Schriftsteller Klaas Huizing in seinem autobiografisch gefärbten Entwicklungsroman Das Testament der Kühe.

Huizing nimmt die Leser mit in ein Dorf in der Grafschaft Bentheim, an der deutsch-niederländischen Grenze. Hendrik Hemsterhuis’ Vater, der Bauunternehmer, ist Niederländer. Er gehört der altreformierten Kirche an, einer Freikirche, die durch die streng calvinistische Theologie der niederländischen Gereformeerde Kerken geprägt war. Das Verhältnis zur (deutsch) Reformierten Landeskirche spiegelt sich in einer Klage von Hendriks Großmutter, wie traurig sie sei, dass sie ihre Freundinnen im Himmel nicht wiedersehen werde, „Und das nur, weil sie der falschen Kirche angehören, die es mit der Erwählung nicht ernst nimmt.“ Zu Höherem erwählt sieht sie bald ihren Enkel; statt den elterlichen Betrieb zu übernehmen, müsse er studieren, Professor oder, noch besser, Pastor werden.

Huizing skizziert die Enge des dörflichen Milieus im Allgemeinen und der altreformierten Glaubensgemeinschaft im Besonderen in den 1960er- und 1970er-Jahren und die ersten vorsichtigen Ausbruchsversuche und Aufbrüche. Die festen Regeln dörflicher Nachbarschaft, die häusliche Frömmigkeit mit Tischgebet und Lektüre des Neukirchner Andachtskalenders prägen den Alltag. Das Handballspiel im Verein aber muss Hendrik aufgeben, Trainingszeiten und Auswärtsspiele kollidieren mit den Gottesdienstzeiten. Hendriks Schwester Wiebke geht trotz großmütterlicher Empörung in Hotpants zur Schule und engagiert sich für Willy Brandt; die zweite Schwester, Klara, verstößt mit einer Wand voller Autogrammkarten von Schlagerstars gegen das Bilderverbot. Hendrik geht zunächst den vorgezeichneten Weg und studiert Theologie, beginnt eine Promotion und hat eine feste Freundin, mit der er in einer Einliegerwohnung bei ihren Eltern wohnt. Die Zukunft scheint klar. Bis ihn der plötzliche Tod seines Doktorvaters aus der Bahn wirft und er einen völlig anderen Weg einschlägt, der ihn ans andere Ende der Welt, nach Neuseeland, führt, zur endgültigen Befreiung aus dörflicher und konfessioneller Enge. Nicht allerdings von missionarischen Impulsen, die sich nunmehr auf das Tierwohl statt das Seelenheil richten.

Huizings Milieuschilderungen sind so anschaulich, dass es der eingestreuten Fotos von Alltagsgegenständen und -situationen jener Jahre nicht bedürfte. Die Beschreibung der verschwitzten Atmosphäre, wenn Hendrik den Versandhauskatalog als Playboy des kleinen Mannes und Masturbationsvorlage nutzt, gelingt ihm weit besser als erotische Passagen, in denen er seine Ehen in Neuseeland schildert und die unfreiwillig komisch geraten.

Manche Dialoge kommen arg gestelzt daher, und ärgerlich sind manche Schlampereien in Lektorat und Korrektur; bemerkenswert, dass der Autor etliche Personen (zum Beispiel zwei Heilpraktiker) mit ihren Klarnamen nennt. Für alle, die, wie die Rezensentin, selbst in der Grafschaft aufgewachsen sind, aber auch für andere, die aus ähnlichen dörflichen und konfessionellen Verhältnissen stammen, eine leicht nostalgische Lektüre mit Wiedererkennungswert.

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