Zwangspause vom Wahnsinn

Was wir aus der Corona-Krise in Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche lernen können
Hochstraße in Halle/ Saale
Foto: dpa/Jan Woitas
Stille auf der Hochstraße in Halle/Saale: Was wäre, wenn man die Straße nach der Krise nicht mehr bräuchte?

Blauer Himmel über Peking, Fische in Venedigs Kanälen, Stille in der Stadt: In den dystopischen Bildern dieser Tage blitzen immer wieder auch utopische Momente auf. Sind sie Vorzeichen einer nachhaltigeren Wirtschaft, einer solidarischeren Gesellschaft und einer anderen Kirche? Eine Spurensuche aus dem Homeoffice.

Hier soll nichts beschönigt werden: Das neue Coronavirus hat verheerende Auswirkungen. Es fordert zahlreiche Menschenleben. Und auch wer nicht krank wird, erlebt drastische Einschränkungen in seinem Leben, viele fürchten zudem um ihre wirtschaftliche Existenz. Die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft dürften mindestens so dramatisch werden wie die der letzten weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise der Jahre 2008 und 2009. Doch anders als damals ist durch abgebrochene Lieferketten, geschlossene Geschäfte und die auferlegten Kontaktsperren in viel stärkerem Maß auch die Realwirtschaft in bislang einmaliger Weise betroffen. Vom großen Automobilkonzern, der wegen gesunkenem Börsenwert Angst vor der feindlichen Übernahme hat, bis zum Solo-Selbstständigen, der sich fragt, wie er seine Miete bezahlen soll, von der Klinik, der wegen der freizuhaltenden Betten Einnahmen fehlen, bis zur Hoteliersfamilie, die nicht weiß, ob sie in diesem Sommer noch Gäste bewirten wird – die wirtschaftliche Krise ist total und global. Allein für Deutschland rechnet das Münchener Institut für Wirtschaftsforschung (ifo) mit Produktionsausfällen in Höhe von hunderten Millionen Euro: „Die Kosten werden voraussichtlich alles übersteigen, was aus Wirtschaftskrisen oder Naturkatastrophen der letzten Jahrzehnte in Deutschland bekannt ist“, erklärte ifo-Präsident Clemens Fuest. „Je nach Szenario schrumpft die Wirtschaft um 7,2 bis 20,6 Prozentpunkte. Das entspricht Kosten von 255 bis 729 Milliarden Euro.“

Die Bundesregierung spannt Rettungsschirme und verteilt Geld auf allen Ebenen, damit zumindest in den ersten Monaten existenzielle Nöte verhindert werden können. Andere Länder, zumindest die, die sich das leisten können, reagieren ähnlich. Doch nach dem Geldregen werden die Sparprogramme folgen, verbunden mit gesunkenen Steuereinnahmen, was am Ende auch die Kirchen treffen und den absehbaren finanziellen Druck erhöhen wird. Auch für die Wirtschaft gilt: Die Welt wird nach Corona eine andere sein als vorher.

Aber genau in diesem Gedanken liegt auch ein positives utopisches Moment, das in einzelnen Bildern der Krise bereits aufblitzte: Der Himmel über Peking ist so sauber wie schon lange nicht mehr; in den Kanälen Venedigs wird das Wasser klar, und wir sehen wieder Fische darin schwimmen; der Klang der Stadt hat sich verändert, weniger Straßenlärm, mehr Vogelgezwitscher, mehr Platz und Ruhe fürs Fahrradfahren und Spazieren – natürlich allein und mit ausreichend Sicherheitsabstand. Dabei lässt sich in der Stadt etwas entdecken, was Nils Minkmar, Kulturjournalist beim Spiegel, so beschreibt: „Der leere Markusplatz von Venedig, die leere Passage Vittorio Emanuele II in Mailand, die leeren Stadien sind Symbole: Wir sehen plötzlich besser, was es für Orte sind, frei und voller Versprechen, in denen man mehr machen kann, als Geld auszugeben und einzunehmen. Nachdenken und diskutieren, wie es jetzt weitergeht nach dem Wahnsinn, den wir für Normalität hielten.“

Nicht zukunftsfähig

Dass unsere Art zu arbeiten und zu wirtschaften nicht mehr zukunftsfähig ist und sie – nicht nur, aber auch – aus Klimaschutzgründen einer großen Transformation bedarf, das war fast schon Konsens in den Zeiten vor Corona. Diese Aufgabe wird uns der Virus nicht abnehmen, denn der Klimawandel lässt sich durch
kurzfristige krisenbedingte Treibhausgasreduktionen nicht aufhalten, sondern nur durch ein anderes Wirtschaften.

Was lässt sich also lernen durch die aktuellen Erfahrungen für die große Transformation? Drei Gespräche von Homeoffice zu Homeoffice sollen Hinweise geben. Am anderen Ende der Leitung: Uwe Schneidewind, scheidender wissenschaftlicher Geschäftsführer des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie. Er ist Vorsitzender der Kammer für Nachhaltige Entwicklung der EKD und will im September diesen Jahres Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal werden.

Zweiter Gesprächspartner: Georg Lämmlin, seit kurzem Direktor des Sozialwissenschaftlichen Institutes der EKD. Er hat auch die veränderte Rolle der Kirchen in der Corona-Krise im Blick.

Der dritte Experte: Christian Berg, Mitglied im Präsidium der deutschen Sektion des Club of Rome, lehrt unter anderem an den Universitäten in Clausthal und Saarbrücken und beschäftigt sich seit rund zwanzig Jahren mit der sozial-ökologischen Transformation unserer Wirtschafts- und Arbeitswelt, zuletzt in seinem kürzlich erschienenen Buch „Ist Nachhaltigkeit utopisch? Wie wir die Barrieren überwinden und zukunftsfähig handeln.“

Also, was lernen wir aus der Corona-Krise? „Wir erfahren leidvoll den Charakter exponentiellen Wachstums“, sagt Christian Berg. „Dafür haben wir bislang noch kein Gefühl, wir denken linear.“ Dies habe er bei Vorträgen oft erfahren, wenn er seinem Publikum folgende Frage stellte: Wie oft muss man einen Din-A4-Zettel falten, damit der bis zur Decke reicht? Die Antwort: 15mal. Tatsächlich habe nur selten jemand diese Frage beantworten können, auch wenn er vor Vertretern aus der Banken- und Finanzwelt gesprochen habe, die ja tagtäglich mit exponentiell wachsen Faktoren wie Zinseszins umgehen müssen. „Nun erklären uns Virologen, dass wir jetzt handeln müssen und die Effekte erst in zwei Wochen sehen werden.“ Beim Klima sei es im Prinzip genauso, nur seien hier die Zeiträume wesentlich länger. Die Erfahrung exponentieller Wachstumsverläufe könne also helfen beim Kampf gegen den Klimawandel.

Aber er sieht auch eine andere Erfahrung einer Gesellschaft, die leidenschaftlich über Tempolimits auf Autobahnen und Veggie-Tage in Kantinen diskutieren kann: „Wir lernen, dass drastische Einschnitte in persönliche Freiheiten möglich sind, wenn es darauf ankommt. Die erforderlichen Maßnahmen für eine öko-soziale Transformation sind zwar fundamental und grundlegend, aber verglichen mit den derzeit praktizierten Beschränkungen geradezu vernachlässigbar.“ Wird Ordnungspolitik für den Klimaschutz also künftig leichter durchzusetzen sein? Oder zumindest ein höherer CO2-Preis?

„Wir lernen, viele Aspekte neu zu denken“, meint auch Uwe Schneidewind vom Wuppertal Institut. Zwar seien die direkten umwelt- und klimaschonenden Auswirkungen von Corona als Folge von geschlossenen Fabriken und stark eingeschränkter Mobilität kurzfristiger Natur. „Aber sie führen uns deutlich vor Augen, wie sehr wir auf Kosten der natürlichen Ressourcen wirtschaften.“ Deshalb sei es wichtig, dass nach der Bekämpfung der Pandemie und den kurzfristigen Hilfen für die Wirtschaft (Kurzarbeitergeld, Kredite, Steuerstundungen und so weiter) die zu erwartenden längerfristigen Konjunkturprogramme die globalen Transformationsherausforderungen im Blick hätten.

Das hat nämlich bei der letzten Weltwirtschaftskrise 2008/2009 nicht wirklich funktioniert. Zwar wurden in Deutschland durch die damalige große Koalition 107 Milliarden Euro bereitgestellt für ein Konjunkturprogramm. Fast die Hälfte des Geldes floss damals aber in Kredit- und Bürgschaftsprogramme für Unternehmen. Der Rest unter anderem in die Abwrackprämie, die nicht danach fragte, wieviel Sprit die damit gekauften neuen Autos schluckten. Allerdings ging ein Teil des Geldes auch in die energetische Sanierung von Gebäuden. Den Anteil von Fördermaßnahmen, die der ökologischen, sozialen und ökonomischen Nachhaltigkeit dienten, bezifferte das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft damals auf gerade einmal 13 Prozent; der weltweite Schnitt in den Konjunkturprogrammen lag bei 15 Prozent. Dass dann ein verlorenes Jahrzehnt für den Klimaschutz folgte, überrascht angesichts dieser Zahlen nicht.

Wird es diesmal anders? Schon gibt es Forderungen, Umweltfragen erstmal hintenan zu stellen. Luftverkehrssteuer für ein Jahr aussetzen, um die Airlines zu entlasten; die EU-CO2-Grenzwerte aufweichen, damit die Automobilkonzerne weniger belastet werden; den EU-Emissionshandel, der sich endlich zum wirksamen Klimaschutzinstrument entwickelt hat, wieder weniger streng zu gestalten. Und, so zumindest der tschechische Premier Andrej Babis, „den Green Deal zu vergessen und sich auf Corona zu konzentrieren“.

Uwe Schneidewind sieht diese Gefahr und warnt gemeinsam mit seinem Kollegen Manfred Fischedick in einem aktuellen Papier des Wuppertal Institutes, dass „die verausgabten Mittel nicht nach dem Gießkannenprinzip verteilt werden“. Er ist aber dennoch grundsätzlich optimistisch, dass die kommenden Konjunkturprogramme anders gestrickt sein werden. „Die Schnittmengen sind größer“, sagt er, in der Wirtschaft und der Politik sei das Bewusstsein für den notwendigen Umbau gewachsen. Bei der Abwägung zwischen möglichst hoher Effizienz durch globalisierte Arbeitsteilung und der Widerstandsfähigkeit unserer Produktionsketten werde auch durch die Corona-Krise deutlich, dass Globalisierung ihren Preis habe.

Soziales Experiment

„Das wird nicht das Ende der Weltwirtschaft sein, aber bestimmte Formen der Vernetzung werden zurückgeschraubt.“ Für eine Re-Regionalisierung etwa in der Pharmabranche, der Medizintechnik und bei der Produktion von Lebensmitteln werde die Akzeptanz steigen. Und auch bei den Konsumenten erwarte er einen länger anhaltenden Effekt, etwa im Tourismus. Berichte von Kreuzfahrtschiffen in Quarantäne würden „einen Schatten über solche Urlaubs-erlebnisse legen“, Fernreisen bei denen an Attraktivität verlieren, die in diesen Tagen das nahe Umfeld als Erholungsraum entdecken. Und die – hoffentlich nur kurzfristig – geschlossenen Läden in der Nachbarschaft führten den Wert regionaler Wirtschaftsstrukturen deutlich vor Augen. Hinzu komme das Wissen und die Erfahrung des Homeoffice und der Video- und Telefonkonferenzen, die derzeit viele Mitarbeiter von Unternehmen machen. Plötzlich gehe vieles auch ohne Dienstreisen und reale Präsenz. „Wie lernen in diesem Punkt gerade sehr viel.“

Auch Georg Lämmlin vom Sozialwissenschaftlichen Institut sieht in den vielen Homeoffices ein „wichtiges soziales Experiment“, das zu einer großen Kompetenzerweiterung führen werde. „Wenn Unternehmen hier Kosten sparen können und die Belastungen durch Geschäftsreisen und Pendeln sinken, kommen zwei Interessen zusammen.“ Doch er verweist auch auf ambivalente Erfahrungen im Homeoffice. „Das Bewusstsein für den Mehrwert der persönlichen Begegnung wird steigen“, ist sich Lämmlin sicher. Das gelte besonders auch für die kirchliche Arbeit, die gerade einen Schub der Digitalisierung in der Kommunikation erlebe. Viele Kirchengemeinden hätten etwa zum ersten Mal einen Gottesdienst gestreamt, entwickelten neue geistliche Formate, die über das Internet geteilt würden. Gleichzeitig werde wieder mehr telefoniert, zum Teil dabei intensive Gesprächserfahrungen gemacht, auch mit Menschen, die bislang nicht in den Gemeindeveranstaltungen aufgetaucht seien. „Wir erreichen in dieser Zeit andere Menschen und Menschen anders.“

Ob daraus aber eine dauerhafte Veränderung, eine neue Form von Routine entstehe, hänge von positiven Lernerfahrungen ab, die über die Krisensituation hinausgehen. Mit welchen, auch spirituellen Ressourcen bewältigen Menschen die Angst und den Stress, den Corona derzeit erzeugt? Diesem Thema widmet das SI derzeit gemeinsam mit der Universität Leipzig eine Untersuchung. Ein erstes Ergebnis zeigt, dass mit der Kirche eng verbundene Menschen in ihrem Glauben auch in dieser Situation Rückhalt finden. Und: „Die grundsätzliche Frage der Komm- und Gehstruktur in der kirchlichen Arbeit wird uns beschäftigten“, meint Lämmlin. Denn wenn der physische Besuch von Gottesdienten und Gemeindeveranstaltungen wieder erlaubt ist, wird sich wohl zeigen, ob sich kirchliches Leben wieder vor allem als Einladung zu Veranstaltungen oder als aktives Bemühen um soziale Nähe versteht. Letzteres sei „ein hochfragiles Gut, das mit Vertrauen zu tun hat“.

Ähnliches gelte auch für die überall zu entdeckende neue Solidarität unter Nachbarn. Die Zettel im Hausflur seien ein erstes Angebot, doch dies bedürfe der Annahme. Und ob daraus eine dauerhafte gesellschaftliche Veränderung werde, hänge ebenfalls von den Erfahrungen ab, die damit gemacht würden.

Werden wir also lernen aus der Krise und nach Corona anders miteinander umgehen und wirtschaften? Christian Berg ist vorsichtig optimistisch und verweist auf sein Konzept der „Futeranity“, des Lebenswohls: „Es ist ein Aspekt der Utopie der Nachhaltigkeit, dass das Leben im Einklang mit anderen Menschen und mit der Natur, der Schöpfung gelingt. Dazu gehört, dass wir im Miteinander aufeinander achten, Rücksicht nehmen, solidarisch und fürsorglich sind und die Schwachen in den Blick nehmen. Das wird jetzt während der Corona-Krise von vielen Menschen schon großartig praktiziert.“

Diese Erfahrung werde helfen, wenn der Kampf gegen den Klimawandel wieder stärker in den Blick genommen wird: „Wir müssen verstehen, dass unsere Solidarität auch in Fragen des Klimas gefordert ist. Jetzt müssen die Jüngeren mit den älteren Menschen solidarisch sein, die jedoch die Auswirkungen des Klimawandels nur noch in geringem Maße zu spüren bekommen.“ Bei der Klima-Krise sei es genau umgekehrt. „Diejenigen, die es fast nicht mehr betrifft, sind die Menschen über achtzig, während die Jungen unsere Solidarität brauchen. Denn sie werden mit den langfristigen Folgen unseres heutigen Verhaltens zu kämpfen haben.“

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