Falsche Fährten

Büchermenschen als Hörereignis

"Ich habe mich entschieden, Leser zu werden.“ Das ist der Vorsatz von Norbert Paulini, der Hauptfigur im neuen Roman von Ingo Schulze Die rechtschaffenen Mörder. In der ungekürzten Lesung gibt der Schauspieler Sylvester Groth im ersten Teil den Erzähler, der sich im Laufe der Zeit als Ich-Erzähler entpuppt.

Die Nähe zur Hauptfigur Norbert Paulini ist schnell hergestellt: Ein starker Groth zieht die Hörerin in das Leben des ostdeutschen Antiquars Norbert Paulini aus Dresden-Blasewitz: mit dem frühen Tod der Mutter, dem Zusammenleben mit Vater und Großmutter, mit Schule, Ausbildung und seiner Zeit als Gefreiter in der NVA. 1977 eröffnet Paulini ein Antiquariat. Groth führt der Hörerin die Entwicklungsgeschichte eines Bücher- und Lesemenschen vor.

Und so ist die vom MDR Kultur produzierte und inszenierte Lesung ordentlich lang geraten, fast acht Stunden. Doch im zweiten Kapitel dann ein Perspektivwechsel; der Vorleser verwandelt sich zum Ich-Erzähler Schultze, dem Schriftsteller. Dieser ist also der fiktive Biograf Paulinis, der dessen Geschichte erzählt. Der darüber berichtet, dass Paulini nach der Wende arbeitslos wird und später beginnt, mit Pegida zu sympatisieren.

Im dritten Kapitel, gelesen von der Schauspielerin Victoria Trauttmansdorff, nimmt das Verwirrspiel seinen Lauf, erfährt die Hörerin nun einen erneuten Perspektivwechsel: Es ist die westdeutsche Lektorin, die den Schriftsteller Schultze betreut, und die nun erzählt. Kurzum: In fast acht Hörstunden werden falsche Fährten gelegt, Uneindeutigkeit und Zweifel sind stärker als die Gewissheiten. Es bleibt das Phänomen des Rechtsrucks.

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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