Scharfsinnig

Die Politik und das Klima

Alles wird anders“ verspricht der Titel des neuen Buches von Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur der ZEIT, und verheißt „Das Zeitalter der Ökologie.“ Ulrich, Jahrgang 1960, blickt zunächst auf die eigene Öko-Biographie zurück, stellt fest, dass „wir, die Babyboomer, die Vorreiterrolle Deutschlands beim Klimaschutz verloren haben“ und fragt, wie wir in die ökologische Sackgasse der Gegenwart geraten sind. Dass wir uns nicht bloß ein wenig verfahren haben, sondern dass die Lage ernst, ja sehr ernst ist, wird dabei schon eingangs klar benannt. Wenn alles so weiterginge, würden wir bis zum Ende des Jahrhunderts bei sechs Grad plus landen und damit in einer globalen Katastrophe. Ein knappes Jahrzehnt bleibe, um das Schlimmste zu verhindern. Und das, obwohl wir seit über dreißig Jahren genau wissen, was droht, wenn wir die CO2-Emissionen nicht verringern. Ulrich nennt diese Haltung „wissende Ignoranz“.

Am Ende der Ära Merkel hat das Land seine selbstgesetzten Klimaziele verfehlt – Ergebnis, so Ulrich, einer Mischung aus Umweltbewusstsein light, Verharmlosung und mangelnder Konsequenz. Die Hitzesommer und die Klimaproteste der „Fridays for Future“ haben die Versäumnisse nun mit Nachdruck in Erinnerung gebracht. Doch der Realitätsschock dringe nicht wirklich durch. Gegen die Forderungen der Schüler und Schülerinnen nach einer konsequenteren Klimapolitik werden umgehend Sozialverträglichkeit, Arbeitsplätze und sonst drohender Rechtspopulismus in Stellung gebracht. Es scheint, als wolle der Deutsche nicht lassen von seinem „Extremismus der Normalität“ mit sechzig Millionen PKW und jährlich sechzig Kilo Fleisch pro Nase. Er hat im 21. Jahrhundert zur Folge, dass der Widerspruch zwischen Mensch und Natur zunehmend in den Vordergrund tritt, weil die Natur sich als eine nicht beliebig ausbeutbare Größe erweist. Doch all das lasse sich immer noch relativ leicht verdrängen, weil sich der Klimawandel zunächst lautlos vollzieht und sich zudem eine Wolke aus verharmlosenden Mythen und Beruhigungsnarrativen gebildet hat, die das Thema auf Distanz hält.

Ulrich nimmt sich diese Mythen einzeln vor, konfrontiert sie mit den zumeist bitteren Realitäten und lässt auch an den übrigen Abwehrmechanismen kein gutes Haar – insgesamt ein Komplex des Verdrängens, der „die Größe und Komplexität von Weltreligionen“ angenommen habe.

Vor dem Hintergrund der Analyse der Versäumnisse und des Verdrängens benennt Ulrich zentrale Konfliktfelder der Klimapolitik, um schließlich Auswege aufzuzeigen. Dabei bekennt sich der Autor zur Demokratie, selbst angesichts der Alternative zwischen autoritärer Weltrettung und demokratischem Weltuntergang, und zu einem Freiheitsbegriff, der die materiellen Bedingungen unserer Existenz berücksichtigt – die Grenzen unserer endlichen Welt. Im Kapitel „Sinn“ konstatiert Ulrich, dass das westliche Lebensprinzip „Glück durch materielle Ausdehnung“ an ein Ende gekommen sei. Welche alternative Sinnorientierung an seine Stelle treten könnte, bleibt allerdings offen.

Zum Schluss werden Auswege angedeutet, von der Feststellung ausgehend, dass wir über das Wissen und die Technologien für die notwendige Wende verfügen, mit der ein „Zeitalter der Schonung“ anbrechen könnte. Ulrichs Buch ist eine scharfsinnige und manchmal bissige Analyse vergangener Versäumnisse und aktueller Problemkonstellationen. Unterbelichtet bleibt dabei die Bedeutung der Wirtschaft, ihrer Wachstumszwänge und der Frage, wie wir zu einer nachhaltigen Postwachstumsgesellschaft kommen könnten, damit die Menschheit nicht als eine Art Krebsgeschwür in die Geschichte der Erde eingeht. Fazit: viel Diagnose, Therapie offen.

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