Pionierarbeit

Reformation und Militär

Reformation und Militär? Ist das ein Thema? Und wenn ja, wie kann und soll man sich ihm nähern? Was ist in einer Gesellschaft in Deutschland, in der Militär und Militärisches kaum mehr sichtbar wird, zu einem solchen Thema zu sagen? Pionierarbeit nennt man Leistungen, die neue Felder erschließen – in militärischem Kontext sind es eben die Pioniere, die die Wege bahnen, auf denen andere folgen können und sollen. Dieses Buch ist eine solche Pionierarbeit; es erschließt Zugänge zu neuen Feldern der Geschichte. Nicht immer sind es erste Wege, die da gebahnt werden, aber es sind doch so viele neue, dass es lohnt, sie einzuschlagen und zu verfolgen.

Das Buch geht auf eine Tagung zurück, die im März 2017 unter dem Titel „Die Bedeutung der Reformation – für das Militär. Die Bedeutung des Militärs – für die Reformation“ stattgefunden hat. 24 Vorträge dieser Tagung finden sich nun mit Anmerkungen und wissenschaftlichem Apparat in dem Buch wieder. Von Luthers Auffassung des Soldatenstandes als eines Berufs, eines weltlichen Betätigungsfeldes zugunsten der Nächstenliebe, über täuferische Versuche der Vermeidung von Gewalt um den Preis der Absonderung von der Gesellschaft, Kriegsunternehmer, König Gustav Adolf von Schweden als Organisator evangelischer Militärseelsorge und die mühsamen Versuche, preußische Soldaten irgendwie zu anständigen Menschen und guten Soldaten zu erziehen, reicht das Spektrum der Themen.

Einen besonderen Beitrag liefert Tim Lorentzen mit seinem Beitrag „Reformationsjubiläum und Völkerschlachtgedenken. Alternative Erinnerungskulturen um 1817“, der zeigt, wie sich Johannes Daniel Falks (1768–1826) Gründung des Lutherhofes in Weimar, eines Rettungshauses für Kriegswaisen, von den martialischen, insbesondere von Ernst Moritz Arndt geprägten Hassgesängen der Zeitgenossen unterschied.

Natürlich ist auch Preußentum und Pietismus ein Thema – erst 1935 wurde die verpflichtende Teilnahme an den Militärgottesdiensten aufgehoben. Zu den Schwergewichten des Bandes gehört Friedrich Lohmanns Aufsatz „Gott mit uns. Die lutherische Geschichtstheologie und ihre militaristische Vereinnahmung“, der die Gefahren einer selektiven Wahrnehmung von Luthers Geschichtstheologie aufzeigt, etwa durch die „Aufladung der Gegenwart mit endgeschichtlicher Bedeutung“, die bis zur Zerstörung der Vernunft geraten konnte.

Für gegenwärtige und künftige Debatten besonders einschlägig ist der Beitrag der Herausgeberin „Reformation im Militär. Baudissin, die Innere Führung und die westdeutsche Sicherheitspolitik“, der die „reformatorische Aufgabe“ des Generals rekonstruiert und in Erinnerung ruft, dass und wie die Ideen von gewissensgeleiteten Individuen, verantwortlichem Gehorsam und konflikt- und friedensfähiger Mitmenschlichkeit auch unter den veränderten Bedingungen wahr- und ernstgenommen werden können.

Nicht alle Vorträge der Tagung hätten auch gedruckt werden müssen. Es kann aber kein Zweifel sein, dass dieses Buch bis auf weiteres das Referenzwerk zum Thema ist. Sein großes Thema ist der Friede, ein Friede, unter dem leben zu dürfen wir alle das Glück haben. Aber solcher Friede muss politisch, mental und eben auch militärisch hart erarbeitet werden, wenn er nicht aufs Spiel gesetzt werden will. Wie das in der Geschichte geschehen ist und künftig geschehen könnte, lehrt die Lektüre dieses anregenden Buches.


 

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