Sichtbar

Neues aus dem Poetenladen

Aller dingfeste Anfang des Lesens ist das Buch. Dem wird immer wieder eine Krise untergeschoben – aber es lebt doch, und sogar so, dass sich neben den großen, etablierten Verlagen wie Suhrkamp, Fischer oder Hanser immer neue, innovative und die Leselandschaft nachhaltig bereichernde Verlage einmischen wie Matthes & Seitz, Kookbooks oder hier nun der Leipziger poetenladen. Was für ein Glücksfall das ist – in Anspruch, Sinne und Form.

Dort, bei den rührigen Leipzigern, gibt die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen die „Reihe Neue Lyrik“ heraus, in der Anne Dorn mit ihrem Wetterleuchten den gelungenen Anfang gemacht und Uta Ackermann unlängst ihre viel beachteten Neunundneunzig Sätze über Engel herausgebracht hat. Der neueste Band 17 dieser ausgesucht feinen Reihe gehört dem jüngsten lyrischen Spross Uwe Kolbes, den Sichtbaren Dingen, die, die Blicke neu justierend, strömend schön und folgerichtig in der Nachfolge seiner Psalmen aus dem Jahr 2017 stehen.

Während sich Uwe Kolbe der Psalmdichtung ähnlich dem Bildhauer und Schriftsteller Ernst Barlach und dessen Grundsatz „Ich habe keinen Gott, aber Gott hat mich“ gewidmet und damit die Augen auf zu den Bergen gehoben hat, folgt er auch im Fokus der neuen Gedichte formal einer Formensprache und Symbolik, die der christlichen vertraut und verwandt ist: Alle in vier Abteilungen je zwölf Gedichte dieses Bandes sind Stanzen, also Oktaven, Achtzeiler. Wie vier und zwölf in ihrer Symbolik für die Welt und im Alten wie im Neuen Testament zahlreiche Bezüge aufweisen, erfüllt die Stanze symbolisch auf schönste Weise ein Maß der Vollkommenheit in der Musik, gleichermaßen eine ausgesucht neutestamentliche Form, die mit Vorliebe die mittelalterlichen Architekten in Form des Oktogons als Abbild der Neuschöpfung aus der Taufe heraus für den Zentralbau oder den Chorraum und für die Form von Taufsteinen und Kirchtürmen genutzt haben.

Was nun hebt Uwe Kolbe neu aus der Taufe? Eine Hilfestellung gibt er mit dem vorangestellten Zitat Ralph Waldo Emersons „Aber weise Menschen durchschauen diese verderbte Sprache und machen Worte wieder an sichtbaren Dingen fest.“ Dorthin bricht er auf und weiß Luft und Stein, Hochsommer und Wind, Verfolgungswahn und Ideal, Häher und Spiel immer wieder achtend in acht Zeilen in den Blick zu nehmen.

Acht Zeilen, die einer Fähre gleichen, einer Verbindung über die im Licht der Wahrnehmung aufblitzende Distanz von Stille und Schweigen zwischen dem Wahrgenommenen und dem Sein der Dinge. Wie viel davon passt in acht Zeilen?

Bei Uwe Kolbe wechseln in der vorgegebenen Ordnung Beobachtungen und Erkenntnisse entlang des Dargestellten lebenswandernd immer wieder Gang und Ziel. Kein Ding wird dingfest gemacht, keinem folgt er grundlos auf den Grund. Stattdessen offenbart er ihren Ort im endlich Unendlichen, nicht anders fassbar als in der Vollkommenheit des Augenblicks, dem der Klang das Wort erteilt für die Erkenntnis „Wir kommen ans Meer aus zwei Gründen: / erhaben zu sein und uns nichtig zu finden.“

Wie für die unbeirrbare Hoffnung auf den besonderen Moment: „Meins ist, ich liebe, auf die Sterne zu warten, / kann sein, dass einer in mein Hemd reinfällt.“ Bis zur Erinnerung der „Acht … Frühlicht auf den Wegen, Haussperlings Einstand, / und den Vogelfreien verlangte es nach Heimat.“ So sind die sichtbaren Dinge ein Fährbuch zu dem Gesichteten und dem Empfangenen der Zeit.

Es sind mit dem Wind in die Stille eingewobene Oktaven für das Instrument der Sprache – für mich am berührendsten in „Absichtslos … wie ein Reim fast / liegt ihre Hand, / dass meine hineinpasst.“ Immer wieder.

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