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Theologie und Ethik

Welche Rolle spielen Theologeninnen und Theologen in den diversen Ethikräten und -komitees, die seit rund drei Jahrzehnten eingerichtet worden sind, oft um ethische Bewertungen der durch den medizin- und biotechnologischen Fortschritt entstandenen Problemkonstellationen zu erarbeiten? Dieser Frage widmet sich die Habilitationsschrift von Christine Schließer. Sie wertet – eingebettet in methodologische und in theologische Überlegungen zur Bedeutung öffentlicher Ethikdiskurse sowie klassischer Zuordnungen von theologischer Ethik und Öffentlichkeitsbezug – zwölf von ihr geführte qualitative Interviews aus. Sie führte die Gespräche mit zum Teil ehemaligen Mitgliedern nationaler Ethikräte in Deutschland und in der Schweiz. Dabei analysiert sie sowohl die Selbstwahrnehmungen der interviewten theologischen Ethiker wie auch die von Nicht-Theologen benannten Einschätzungen und Erwartungen.

Um ein zentrales Ergebnis der Arbeit vorwegzunehmen: Hinsichtlich der Frage nach der Rolle der theologischen Ethiker und der spezifischen Bedeutung der theologischen Ethik im öffentlichen Diskurs ist eine deutliche Diskrepanz zwischen dem Selbstverständnis der Theologen und den Außenwahrnehmungen kennzeichnend. Die theologischen Ethiker betonen stark ihr individuelles theologisches Profil und die spezifischen Deutungsperspektiven der christlichen Tradition, die sie in den ethischen Diskurs einbringen möchten. Dabei grenzen sie sich oft deutlich von einer zu großen inhaltlichen Nähe von den Positionen der Kirchen ab.

Als besonderen Beitrag geht es ihnen um die Vergegenwärtigung der geistesgeschichtlichen Traditionen des Christentums. Ferner sehen sie ihre Aufgabe darin, grundlegende Begriffe und Probleme der ethischen Debatten klären zu helfen, scheinbare Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen und an verantwortlichen Lösungen dieser Problemlagen konstruktiv mitzuarbeiten. Oft erwarten dabei andere, dass die Theologen explizit christliche Perspektiven – zumeist werden biblische Aspekte genannt – in die Debatten einbringen. Darüber hinaus könnten sie gegenüber den eher rationalistisch geprägten Ethikdebatten die Bedeutung der Gefühlsebene für ethische Entscheidungen sowie den umfassenden christlichen Sinnhorizont mit der Eröffnung von Vertrauen, Trost und Hoffnung als Bedeutungsüberschuss einbringen. In diesem Sinn wird in der Außenwahrnehmung die besondere Nähe der Theologen zur Lebenswelt der Menschen durch Predigt und Seelsorge als besondere Chance der Profilierung hervorgehoben.

Insgesamt problematisieren die Fachleute mit einer Außenperspektive – zugespitzt formuliert – die zu „geringe Sichtbarkeit der Theologie“ in den Debatten. Dabei werden im Übrigen die konfessionellen Differenzierungen, die bei den befragten Theologen durchaus eine Rolle spielen, kaum registriert. In öffentlichen Debatten wird eher an das „Christliche“ als an ein konfessionelles Profil appelliert.

Dahinter steht die Frage, ob und inwieweit die von John Rawls formulierte Forderung nach einer Selbstbeschränkung religiöser Argumente in der Öffentlichkeit sinnvoll so aufgenommen wird, dass sich theologische Ethikerinnen und Ethiker vorrangig um eine rationale, auf allgemeine Standards setzende Darstellung der eigenen Position bemühen. Christine Schließer greift diese Thematik vorrangig unter dem Aspekt der von den Vertretern der „Öffentlichen Theologie“ betonten Dimension der „Zweisprachigkeit“ auf. Kurz gesagt, bedeutet dies, die genuin theologischen Perspektiven im öffentlichen Diskurs in einer allgemein verständlichen Weise ohne Verwendung theologischer Begrifflichkeiten zu kommunizieren. Demgegenüber plädiert die Systematische Theologin für eine Präzisierung des Begriffes der Zweisprachigkeit, welche das bleibende Miteinander von Ausgangs- und Zielsprache im öffentlichen Diskurs für erforderlich hält, nicht zuletzt, weil ein Bedeutungsverlust jeder Übersetzungsleistung in eine Zielsprache zu bedenken ist. Als problematisch sieht Schließer vor allem an, dass gegenwärtig die Ausgangssprache stark hinter die Zielsprache zurücktritt.

Das zentrale Anliegen dieser Arbeit besteht somit darin, das Konzept der Öffentlichen Theologie theologisch zu profilieren, wobei Christine Schließer neben der Problematik der Zweisprachigkeit mit Verweis auf Bonhoeffer für eine stärkere christologische Fokussierung plädiert. Als wegweisend würdigt sie diesbezüglich einen von Michael Welker eingebrachten Vorschlag, die klassische Drei-Ämter-Lehre für die Weiterentwicklung der öffentlichen Theologie fruchtbar zu machen. Die drei grundlegenden christologischen Dimensionen, die einen exemplarischen Gestaltungsanspruch, prophetische Kritik und tröstende Begleitung umfassen und auf den „öffentlichen Christus“ verweisen, werden von ihr als wegweisender Impuls für ein deutlicheres theologisches Profil im öffentlichen Ethikdiskurs herausgestellt.

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