Gute Ideen

Kulturkirchen in Stadt und Land

Bei der anregenden Lektüre der Aufsätze in diesem Band wird deutlich: Es geht beim Thema Kulturkirchen um die öffentliche Relevanz von Kirche und Gemeinden und um die Frage, wie diese sich im Gemeinwesen wirkungsvoll vernetzen können. Durch ihre bloße Existenz sind Kirchen Teil der Kultur. Aber es gibt auch Profilkirchen, die sich der Kulturarbeit speziell verschrieben haben beziehungswiese Kulturkirchen in säkularer Trägerschaft.

Die ganze Bandbreite der Phänomene findet in dem Band Kulturkirchen Erwähnung. Der Akzent allerdings liegt auf Kirchen, die eine Begegnung von Religion und Gegenwartskultur als ihr Kerngeschäft betreiben. So wird zum Beispiel das Literaturhaus St. Jakobi in Hildesheim von seinem Initiator und Leiter Dirk Brall vorgestellt, von Julia Koll als ein spezieller kirchlicher Ort kirchentheoretisch reflektiert und schließlich die Reichweite seiner Angebote durch eine empirische Studie von Kim Langer untersucht.

Das Buch führt interdisziplinäre Perspektiven zusammen: Es bietet Beschreibungen von Projekten aus ganz Deutschland, kirchentheoretische und eher systematisch angelegte theologische Beiträge zum Verhältnis von Kunst, Kultur und Religion sowie Beiträge aus Kulturpolitik und Kulturforschung.

Viele der Beiträge gehen auf eine Tagung der Evangelischen Akademie Loccum zurück, zu der die Synode der Hannoverschen Landeskirche Anlass gegeben hatte. Sie hatte nämlich beschlossen, so Christoph Dahling-Sander, neue Fördermittel für Kulturarbeit nicht in der kirchlichen Fläche zu verteilen, sondern diese in einem Fonds in Obhut der Hanns-Lilje-Stiftung zu konzentrieren. Initiativen und Gemeinden können sich jetzt um die Finanzierung ihrer Arbeit bewerben.

Auf diese Weise werden vier spezielle Kulturkirchen sowie zwölf kleinerer Projekte in Gemeinden jeweils einige Jahre gefördert. Das Modell bietet einen Spielraum für Initiativen und Ideen an. Unterstützt werden der Wille und die Fähigkeit, mit Akteuren im Gemeinwesen zu kooperieren und dabei die geistliche Dimension des Kirchraums produktiv zu machen. Beides ist nötig, um Kulturkirchen erfolgreich zu bespielen.

Neben Dialogbereitschaft ist die Offenheit des Kulturverständnisses für den Erfolg der Arbeit eine Bedingung. Aber es ist alles andere als selbstverständlich, so zeigt es sich in verschiedenen Beiträgen, die traditionelle Identifikation von Kultur und Hochkultur hinter sich zu lassen und Kontakt zu suchen zu popkulturellen Phänomenen, die über bildungsbürgerliche Kreise hinaus Menschen anzusprechen vermögen. Dies aber wird als theologischer Anspruch formuliert: Die Kulturarbeit der Kirchen darf nicht nur den ohnehin privilegierten Menschen in der Gesellschaft gelten, sie soll besonders auch Kinder und Jugendliche ansprechen und das friedliche Miteinander im jeweiligen Sozialraum fördern.

„Durch die Arbeit als Kulturkirche hat Kirche insgesamt in der Stadt eine höhere Aufmerksamkeit erzielt (…). Zunehmend werde ich zu neu entstehenden Netzwerken im Stadtteil und in der Stadt eingeladen “, schreibt Andrea Schridde, Pastorin in Bremerhaven. Sie kooperiert mit örtlichen Tangotanzschulen, Theaterprojekten, Künstlerinnen und Filmemachern. Dabei gelingt es ihr oft, Jugendliche mit diversem religiösen Hintergrund aktiv zu beteiligen. Wichtig ist aber auch die Aufmerksamkeit für die ländlichen Sozialräume, die der Beitrag von Wolfgang Schneider akzentuiert; denn dort ist die Kirche oft der letzte öffentliche Kulturträger überhaupt. Wenn sie ihre Ressourcen phantasievoll ins Gemeinwesen einbringt, kann sie auf positive Resonanz rechnen.

Insgesamt ein sehr lesenswertes Buch, das einen auf gute Ideen für die kirchliche Arbeit im jeweiligen Kontext bringen kann – auch über Kulturkirchenarbeit im engeren Sinn hinaus.

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