Im Sinkflug

Warum das Insektensterben uns alle angeht
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Was macht das derzeit global beobachtbare Insektensterben eigentlich so dramatisch? Gewiss, die Bedeutung der Bienen als  Bestäuber von Nutzpflanzen steht außer Frage. Aber geht uns der Sinkflug der Insekten darüberhinaus irgendetwas an? Der Wissenschaftsjournalist Reinhard Lassek mit einer Bestandsaufnahme.

Insekten? Der biologischen Systematik nach gehören sie zum Stamm der Gliederfüßler (Arthropoda). Eine höchst vielseitige Verwandtschaft, die außer Insekten auch noch so unterschiedliche Tiere wie Krebse, Tausendfüßler oder die achtbeinigen Spinnen mit einschließt. Insekten – auch Kerfe oder Kerbtiere genannt – haben bekanntlich nur sechs Beine. Sie werden daher dem Unterstamm der Sechsfüßer (Hexapoda) zugeordnet. Innerhalb der Hexapoden wiederum bilden sie eine eigene Klasse. Mit beinahe einer Million bekannter Arten stellen sie mit Abstand die artenreichste Tierklasse überhaupt: Mehr als sechzig Prozent aller jemals wissenschaftlich beschriebenen Tierarten sind Insekten. Und es ist davon auszugehen, dass allein in den tropischen Regenwäldern noch weitere Millionen unentdeckter Insektenspezies leben. Noch.

Eine schier unübersehbare Vielfalt weist selbst unsere heimische Insektenfauna auf. Angesichts der Formenfülle können Entomologen (Insektenkundler) daher auch nur einige wenige Artengruppen näher erforschen. Allein in Deutschland leben nämlich 33 000 Insektenarten. Näher untersucht sind davon bislang erst 7444 Arten. Und für 13 Prozent davon existieren keinerlei verlässliche Daten zur Bestandsentwicklung. Bei den übrigen 87 Prozent verläuft der Trend beunruhigend: Nur bei zwei Prozent der Arten werden die Bestände als zunehmend klassifiziert, bei 41 Prozent ist die Situation immerhin noch gleichbleibend. Bei 44 Prozent der Arten jedoch ist die Bestandsentwicklung rückläufig. So sind von 569 erfassten Wildbienenarten sowie 189 Tagfalterspezies die selteneren Arten bereits akut vom Aussterben bedroht.

Andere systematische Studien, so etwa das Tagfalter-Monitoring der Europäischen Umweltagentur (EUA) in Kopenhagen, ziehen ähnlich erschreckende Bilanzen: Eine EU-Studie, an der 22 Länder teilnahmen, zeigt, dass zwischen 1990 bis 2015 alle der beobachteten Schmetterlingspopulationen um rund ein Drittel geschrumpft sind. Noch dramatischer ist das Ergebnis einer Studie der Universität Göttingen. Hier wurde bei einer großflächig angelegten Untersuchung von Trockenrasen-Habitaten in Brandenburg, Sachsen und Thüringen ein Rückgang der Zikadenpopulationen von bis zu 73 Prozent registriert.

Insektensterben, was ist damit gemeint? Veränderungen von Insektenpopulationen machen sich auf zwei Ebenen bemerkbar: Zum einen als Veränderungen in der Artenzusammensetzung – sprich der Artenvielfalt (Biodiversität), zum anderen als Veränderungen in der Biomasse. Die Biomasse ist das Gewicht aller Individuen einer bestimmen Gruppe, beziehungsweise das Gesamtgewicht aller Insekten eines bestimmten Gebiets. Generell gehen die seltenen Arten auch in der Biomasse am stärksten zurück. Während die Bestände der häufigsten Arten, die immer schon auch den größten Anteil an Biomasse stellten, insgesamt noch recht stabil sind. Wenn es also weniger Zitronenfalter oder Wildbienen gibt, muss das nicht unbedingt heißen, dass zugleich auch die Biomasse an Insekten insgesamt schwindet. Ein Massenaufkommen etwa von Borkenkäfern kann die Gesamtinsektenbiomasse selbstverständlich auch in Zeiten rapiden Artenschwunds vergrößern.

Welche ökologische und ökonomische Bedeutung haben Insekten? Sowohl der Rückgang an Biodiversität als auch an Biomasse ist in ökologischer Hinsicht fatal. Einerseits bilden Insekten die direkte Nahrungsgrundlage vieler anderer Tiere – insbesondere von Amphibien, Vögeln und Fledermäusen. Weltweit sind sechzig Prozent der Vogelarten und siebzig Prozent der Fledermausarten auf Insekten als Nahrung angewiesen. Andererseits sorgen Insekten auch indirekt dafür, dass es anderen Lebewesen nicht an Nahrung mangelt. Denn Insekten sind als Bestäuber für die meisten Wild- und Nutzpflanzen unverzichtbar. Das Insektensterben stört somit das Gleichgewicht ganzer Ökosysteme. Und nicht nur unzählige Pflanzen- und Tierarten verlieren ihre Lebensgrundlage, auch der Mensch ist letztendlich bedroht.

Gestörte Ökosysteme

Ökologische Zusammenhänge mögen schwer zu fassen sein. Leichter – da auch finanziell plausibel darstellbar – sind mitunter die ökonomischen Folgen. Weltweit werden immerhin fast neunzig Prozent aller Blütenpflanzen und 75 Prozent aller wichtigen Nutzpflanzen von Insekten bestäubt. Die ökonomische Brisanz des Insektensterbens ist daher weitaus größer als allgemeinhin bekannt: Der globale Wert, den die Bestäubung durch Insekten für die Ernteerträge ausmacht, wird auf 200 bis 600 Milliarden Euro geschätzt. Das ist wohl auch der Grund, warum es in der öffentlichen Debatte lange Zeit lediglich um das Bienensterben ging.

Gewiss, auch dies ist ein ernstes Problem. Und zwar nicht nur für Imker. Zwischen Bienen- und Insektensterben gilt es jedoch sorgfältig zu differenzieren: Beim Bienensterben, dem weltweiten Rückgang der Westlichen Honigbiene als Bestäuber, geht es um eine domestizierte Haustierform. Das ist eher eine ökonomische denn eine ökologische Kalamität. Denn in großen Teilen ihres Verbreitungsgebiets wurde die Hausbiene ohnehin erst durch die Imkerei vom Menschen eingeführt. Ihre Bestandshöhe ist somit nicht nur von natürlichen Faktoren abhängig. Mit der Sorge um das Bienensterben hat aber offensichtlich auch die Sorge um das Sterben der Wildbienen sowie das Insektensterben allgemein zugenommen.

Doch warum ist das Insektensterben gerade jetzt ein Thema öffentlicher Debatten? Die länger und länger werdenden Roten Listen, die den Artenschwund dokumentieren, sind doch eigentlich seit Jahrzehnten bekannt. Allerdings fehlten bislang Daten zur generellen Häufigkeit – also zur Biomasse. Das ist angesichts der immensen ökonomischen Bedeutung der Insekten als Bestäuber schon einigermaßen erstaunlich. Daher wohl auch das enorme Echo, das eine im Oktober 2017 veröffentlichte Studie zur Bestandsentwicklung unserer heimischen Fluginsekten weltweit auslöste. Über jene „Krefelder Studie“ berichteten führende Wissenschaftsmagazine wie Nature und Science sowie auch die New York Times und weitere internationale Tageszeitungen von Rang.

Was war geschehen? Der Biologe Martin Sorg und seine Kollegen vom Entomologischen Verein Krefeld sowie der niederländische Ökologe Caspar Hallmann von der Radboud-Universität Nimwegen haben zwischen 1989 bis 2013 in ausgewählten Biotopen (Lebensräumen) die Gesamtbiomasse von Insekten untersucht. Insbesondere in Nordrhein-Westfalen wurden an verschiedenen Standorten – etwa nährstoffreiche Wiesen oder nährstoffarme Heiden – so genannte Malaise-Fallen aufgebaut. Fallen, die für Insekten zwar tatsächlich eine Malaise bedeuten, aber nach ihrem Erfinder benannt sind – dem schwedischen Entomologen René Malaise. Es sind zeltartige Aufbauten, in die die Insekten zufällig hineinfliegen. Beim Versuch, zu entkommen, streben die Tiere dem Licht entgegen und geraten dabei in einen Behälter mit Alkohol. Sie werden somit für die Auszählung der Biomasse – aber etwa auch für spätere morphologische Untersuchungen – konserviert. Malaise-Fallen sind also speziell für Fluginsekten wie Fliegen, Mücken, Bienen, Wespen und Schmetterlinge konzipiert. Die Ergebnisse dieser weltweit bislang einmaligen Studie sind in mehrfacher Hinsicht alarmierend: Zum einen wurden wahrlich erschreckende Einbrüche bei der Biomasse von Fluginsekten festgestellt. Binnen nur 27 Jahren haben sich die Bestände im Schnitt um drei Viertel – also um 75 Prozent – verringert. Zum anderen ergaben sich die größten Einbußen ausgerechnet in den Sommermonaten – normalerweise die Zeit des größten Insektenaufkommens. Hinzu kommt, dass diese Verluste in Naturschutzgebieten auftraten. In Arealen, die doch gerade für den Erhalt der Natur reserviert sind. Im Schutzgebiet Orbroicher Bruch (Stadt Krefeld) beispielsweise kam 1989 binnen zwölf Monaten noch eine Bio-
masse von anderthalb Kilo zusammen. In der Fangsaison 2013 waren es nur noch 300 Gramm.

Verlust von Lebensräumen

Was sind die Ursachen? Und lässt sich dieser negative Trend stoppen oder gar umkehren? Weltweit kommen Forscher in unzähligen Einzelstudien stets zum gleichen Ergebnis: Etwa vierzig Prozent aller beobachteten Insektenspezies werden in den nächsten Jahrzehnten aussterben. Für diese horrende Abnahme sowohl an Biodiversität als auch an Biomasse wird vor allem der Verlust von Lebensräumen verantwortlich gemacht. Das nach wie vor ungebremste Anwachsen der Weltbevölkerung führt aller Voraussicht nach auch weiterhin zur Ausweitung sowie Intensivierung landwirtschaftlicher Flächen. Hinzu kommen der bevorzugte Anbau von Monokulturen, die massive Flächenbehandlung durch Maschinen und die hemmungslose Verwendung von Agrochemikalien – insbesondere von Düngemitteln und Pestiziden. Dies alles schädigt die Insektenfauna. Was der globale Klimawandel noch an Verwerfungen mit sich bringen wird, bleibt abzuwarten.

Ein gutes Bespiel dafür, wie mitunter auch ein einziger isolierter Faktor bereits in das Gefüge komplexer ökologischer Zusammenhänge eingreift, bieten Studien zum Rückgang von heimischen Schmetterlingen in so genannten Magerrasenbiotopen. Gemeint sind unterschiedliche Typen von extensiv genutztem Grünland. Solche „mageren“ Flächen sind von Natur aus besonders nährstoffarm und haben daher ihre ganz eigene – speziell angepasste – Tier- und Pflanzenwelt. Wissenschaftler haben nun festgestellt, dass Schmetterlingsraupen auf Magerflächen bevorzugt jene Pflanzen befressen, die besonders wenig Stickstoff eingelagert haben. Doch solche Pflanzen werden immer seltener. Denn heutzutage sind selbst Magerflächen, die unter strengem Naturschutz stehen, vor einer Anreicherung durch Stickstoff und andere Nährstoffe (Eutrophierung) kaum mehr geschützt. Zur Eutrophierung genügt offenbar bereits die Düngung benachbarter Felder oder auch nur der Eintrag von Stickoxiden durch die Abgase einer nahegelegenen Autobahn.

Notwendiger Wandel

Ein detaillierter Nachweis kausaler Zusammenhänge ist immer äußerst schwierig. Das gilt auch für das Insektensterben. Der Ruf nach weiteren Langzeitstudien ist einerseits zu begrüßen, andererseits steht jedoch zu befürchten, dass diese von Politikern gern aufgenommene Forderung auch ein willkommenes Alibi dafür liefert, die dringend nötigen Gegenmaßnahmen immer weiter hinauszuzögern. Wer jetzt aber noch auf zweifelsfreie wissenschaftliche Nachweise wartet, dessen Maßnahmen werden wohl für die meisten der heute schon bedrohten Arten zu spät kommen.

Selbstverständlich kann es nunmehr auch nicht darum gehen, etwa die Landwirtschaft oder die Autoindustrie an den Pranger zu stellen. Für den dringend notwenigen Wandel in unserer Wirtschafts- und Lebensweise sind alle verantwortlich. Den auch aus anderen Gründen dringend erforderlichen Umbau der EU-Agrarpolitik wird es wohl realistischerweise so schnell nicht geben. Andere Maßnahmen hingegen wären durchaus sofort umsetzbar: etwa ein generelles Minimierungsgebot für den großflächigen Einsatz von Pestiziden sowie der totale Verzicht auf den Einsatz von Insektiziden im eigenen Garten. Zumindest auf öffentlichen Grünflächen – auch den kircheneigenen – sollte die Verwendung heimischer Arten zum Regelfall werden. Um Natur wirklich erhalten zu können, brauchen Naturschutzgebiete zudem einen Puffer von etwa 500 Metern. Landwirtschaftliche Flächen, die an Naturschutzgebiete grenzen, sollten daher nur noch nach ökologischen Prinzipen bewirtschaftet werden. Diese Liste möglicher Sofortmaßnahmen ließe sich mühelos verlängern.

Insektensterben, Bewahrung der Schöpfung? – Wir sind das Problem. Denn wir wissen, was wir tun. Jedenfalls wissen wir genug, um endlich zu handeln.


 

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