Flug-Scham für alle?

„Darf man das noch?“, fragt mich ein bekannter Journalist. Ich habe ihm gerade Grüße von meinem traditionellen Jahresurlaub auf einer kanarischen Insel gesandt. Der Mann kennt die Trends. Fliegen ist out. Auf die Dauer werde ich mir ein anderes Ziel für die Sommerfrische suchen müssen, wenn ich mich gesellschaftlich nicht völlig ins Aus stellen will. Am Ende werfen sie mich wegen meines Teneriffa-Urlaubs aus der EKD-Synode. Das will ich nicht riskieren.

Im Blick auf den Klimawandel ist es natürlich erfreulich, dass eine Sensibilisierung stattfindet. Wer möchte schon auf Dauer in der Sauna leben. Das neue Bewusstsein für den Klimawandel hat für mich übrigens auch berufliche Auswirkungen. Noch finden 2/3 der Deutschen, sie hätten keine Flug-Scham. Aber ich sehe es kommen: Mittelfristig werde ich das Thema in mein Curriculum für den Seelsorgeunterricht aufnehmen müssen.

Während die Beichte für von Flug-Scham-Geplagte nun wahrscheinlich Teil der Vikariatsausbildung wird, muss ich einen anderen bewährten Tipp zum Konzentrationstraining wohl aus meinem Portfolio streichen. Alternativ zum zeitaufwändigen Besuch kostenintensiver Seminare oder anstrengender Exerzitien hatte ich bislang eine Indien-Reise empfohlen. Das Ausfüllen eines indischen Visum-Antrags duldet nämlich keine Flüchtigkeitsfehler und schult daher hervorragend die Aufmerksamkeit. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen - aber dazu raten kann ich nun nicht mehr.  

In Zukunft wird es mit der Fliegerei wieder so sein wie in den 1960er Jahren. Da flogen nur die Reichen und Schönen – eben der JetSet. Adrette Stewardessen standen bereit, um denen, die es sich leisten konnten, über den Wolken Champagner und Häppchen zu reichen. Das waren noch Zeiten, als Gunther Sachs über dem Anwesen von Brigitte Bardot aus dem Himmel Rosen regnen ließ. Oder eine Haarspraymarke mit einer eleganten Dame warb, die an einem Tag von Berlin über London nach New York jettete, inklusive perfekt sitzender Fönfrisur. Oder Reinhard Mey die Freiheit über den Wolken besang. Heute überschwemmen Kleinverdiener mit ihren Billigflugtickets die Flughäfen und jetten nach Mallorca. Mit Jetset haben deren kurze Hosen und Gummilatschen nichts mehr zu tun. Von den Frisuren will ich gar nicht reden. Schon aus ästhetischen Gründen hat es etwas für sich, dass dem künftig ein Riegel vorgeschoben wird und Fliegen wieder teuer wird.

Glücklicherweise wird sich nämlich für den JetSet nicht viel ändern. Ich gehe fest davon aus, dass denen, die sich das Fliegen in Zukunft noch leisten können, das Thema Flugscham eher komplett fremd ist. Ein monegassischer Prinz segelte gerade medienwirksam mit Greta Thunberg nach New York. Seine Schwester ließ dagegen neulich zu ihrer Hochzeit die Gäste einzeln im Heli einfliegen. Verständlich, denn wer möchte schon im Helikopter so eng neben anderen Menschen sitzen.

„Darf man das noch?“ „Man“ nicht, manche schon.

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Angela Rinn

Angela Rinn ist Pfarrerin und seit 2019 Professorin für Seelsorge am Theologischen Seminar der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Herborn. Sie gehört der Synode der EKD an.


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