Bitte anschnallen und schämen!

Berichte von der Klimafront (I): Urlaubsflüge
Passagierflugzeug vor Wolken
Foto: manwalk/Manfred Walker/pixelio.de

„Meine Damen und Herren, hier spricht ihr Kapitän. An der Klimafront ziehen dunkle Wolken für den gesamten Flugverkehr auf. Fliegen soll teurer werden und wer es dennoch tut, soll sich schämen. Verlassen Sie daher die Maschine und steigen in den Zug um – aber bitte erst nach der Landung.“

Ok – so eine Durchsage bleibt wohl Fiktion.  Dabei soll es in dieser Kolumne ja jetzt und künftig um echte Nachrichten von der Klimafront gehen. Deshalb zum Ausgleich hier die erste aus dem Bereich Klima und Kirche – und gleich eine gute: Der kirchliche Kompensationfonds „Klimakollekte“ verzeichnet deutlich höhere Einnahmen. Im ersten Quartal sind die Zahlungen, mit denen Privatleute und Institutionen ihren CO2-Verbrauch  ausgleichen können, um 24 Prozent gestiegen. Im zweiten Quartal hätten die Zahlungen nochmal ordentlich angezogen, vor allem viele kleinere Beiträge seien gezahlt worden, teilte die Klimakollekte auf Anfrage von „zeitzeichen“ mit. Im Vorjahr hatte die Organisation 876.000 Euro eingenommen, die an Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländer gehen. 2019 dürften es bestimmt eine Million Euro sein.

Von mir sind 34,71 Euro dabei. Die habe ich neulich überwiesen und so die Klimagase kompensiert, die meine beiden Töchter und ich durch unseren Urlaubsflug von Berlin nach Genua und zurück verursacht haben. Im Gesamtbudget des Urlaubes fällt die zusätzliche Ausgabe kaum ins Gewicht und bewirkt an anderer Stelle sehr viel. Zum Beispiel neue Kochherde für Bangladesh, die bis zu 80 Prozent weniger Holz benötigen als die sonst üblichen offenen Feuerstellen. Ein Herd kostet 16 Euro, fünf Euro müssen die Besitzer selber bezahlen, den Rest übernimmt die Organisation, die die Klimakollekte unterstützt. Drei neue Herde also als Ausgleich für unseren Urlaubsflug – das klingt gut.

Doch bislang habe ich mich nie dazu durchringen können, meine Flüge zu kompensieren. Das hat der Homo oeconomicus verhindert, der meinen Geldbeutel verwahrt und immer sehr nüchtern nach Kosten und Nutzen jeder Ausgabe fragt. Und wenn ich mich nicht um größtmöglichen Ertrag für mich zu kleinstmöglichem Preis bemühe, zieht er die Augenbraue hoch wie Mr. Spock auf der Enterprise und spöttelt über die faszinierende Blödheit meiner Spezies. Das Flugzeug, das genauso viel kostet und deutlich schneller ist,  fliege sowieso. Und wenn nicht wir darin sitzen, werden drei andere Menschen die Plätze buchen. In den Zug zu wechseln spare also weder Zeit, noch Geld noch CO2.

„Wenn alle so denken, ändert sich nie etwas“, kontert der Homo oecologicus und wirft entschlossen die Zöpfe nach hinten. Er, oder sie, ist durch „Friday for Future“ wieder etwas wacher und kämpferischer geworden. „Es sind immer wenige, die anfangen, aber irgendwann sind es vielleicht so viele, dass es sich nicht mehr lohnt, diesen Flug anzubieten. Und überhaupt: Noch nie was von Flugscham gehört?“

Knoten in der Seele

„Noch nie was von Selbstgerechtigkeit gehört?“ meldet sich der protestantisch geprägte Homo religiosus in mir zu Wort. Der ist eigentlich ein ganz Lieber, wird aber immer ganz unruhig, wenn irgendwo mit Schuld und Scham argumentiert wird. Denn seine Kirche hat zu oft auf dieses Prinzip gesetzt, vorgeblich um die Welt und die Menschen besser zu machen. Doch nachhaltig war die Methode nicht, sie riecht nach saurem Moralin und macht Knoten in die Seele. Und um deren Wohl sorgt er sich mindestens genauso wie um das Weltklima.

„Es liegt doch alles am System“, wirft mein innerer Homo politicus mit ausladender Geste ein. „Steuerfreies Flugbenzin, zu teure Bahntickets, Lobbymacht, Liberalisierung und ein Emissionshandel, der nichts bringt. Und jetzt reden plötzlich alle vom Klimakiller Nummer eins und es wird demjenigen, der in seinen wohlverdienten Urlaub startet, ein schlechtes Gewissen eingeredet. Das kann nicht funktionieren, das muss man politisch lösen.“

Die Greta in mir guckt noch ein wenig strenger als sonst: „Niemand hat gesagt, dass die Politik nichts tun muss. Deshalb gehen wir doch jeden Freitag auf die Straße. Und es ist ganz klar: Fliegen muss teurer werden!“

„Aber es ist unlogisch eine Ware oder Dienstleistung künstlich zu verteuern“, meldet sich der sparsame Spock zu Wort. „Außerdem ist es ein gesellschaftlicher Fortschritt, dass nicht mehr nur die Reichen die Welt entdecken können. Überlasst doch dem Markt die Preisgestaltung, das nützt am Ende jedem.“

Der Preis lügt

„Der Preis sagt nicht die Wahrheit!“ Greta ist nun voll in ihrem Element. „Wenn Du ein Flugticket kaufst, bezahlst Du nichts für die Krankheitskosten, die der Fluglärm verursacht. Und nichts für die Umweltschäden, die Erdölförderung mit sich bringt. Und nichts für den Klimaschutz.“

„Falsch. Zumindest der letzte Punkt. Der Flugverkehr ist eingebunden in den Emissionshandel“, sagt Spock und lächelt überheblich. „Seit 2012.“ Greta lächelt angesäuert zurück: „Über die Hälfte der Verschmutzungsrechte bekommen die Fluggesellschaften kostenlos zugeteilt. Und das System gilt nur für die Flüge innerhalb Europas. Weltweit passiert gar nichts.“

„Doch. CORSIA - schon mal gehört? in den kommenden Jahren werden die Fluggesellschaften ein eigenes Kompensationssystem aufbauen und Geld an Klimaschutzprojekte geben. Zunächst natürlich nur freiwillig, aber ab 2027…“

Verächtliches Nasenschnauben auf der Aktivistenseite, schallendes Gelächter beim Politicus, das den Religiosus bei seiner Andacht stört. „Und, was machen wir jetzt?“ fragt er, denn ein wenig Urlaub täte seiner Seele wirklich gut…

Das Ergebnis kennen Sie, mein spitzohriger Kassenwart hat sich auf die Kompensationszahlung eingelassen, zumindest solange bis CORSIA funktioniert. Der Politicus lamentierte noch ein wenig herum, weiß aber, dass in der parlamentarischen Sommerpause nicht wirklich was passiert. Nur die Greta in mir wehrte sich lang, musste sich aber den demokratischen Spielregeln folgend am Ende der Mehrheit geschlagen geben. „Aber im nächsten Jahr fahren wir mit dem Zug.“

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