Visionär

Virtuelle und reale Begegnungen

Der erste Eindruck: Der Titel klingt wenig originell, nach dem gleichnamigen Film „Ziemlich beste Freunde“ und der ZDF-Doku des deutschen Schauspielers und Comendians Michael Kessler, der einen neuen Blick auf die europäischen Nachbarn geworfen hat. Aber der Untertitel dieses von den Gründern der Online-Plattform nebenan.de herausgegebenen Bandes trifft das Unterfangen, ein „Ratgeber für ein neues Miteinander“ zu sein.

Freilich geht es in dem Buch auch um das Onlineportal www.nebenan.de , das vor vier Jahren in Berlin gegründet wurde und mittlerweile über eine Millionen Menschen aus deutschen Nachbarschaften miteinander vernetzt. Aber nicht ausschließlich, denn dieser Ratgeber enthält auf 175 Seiten neben zahlreichen Beispielen für eine gelungene Nachbarschaft viele bundesweite Initiativen von gemeinsamem Gärtnern, Musizieren oder eine Sprache lernen über die Organisation von Hofflohmärkten und Straßenfesten.

Wie zum Beispiel in Nauen im Landkreis Havelland in Brandenburg. Unter dem Motto: „Wenn die Nachbarn ackern…“ haben Anwohner und Initiativen im Südosten der Altstadt ihr Viertel mit Hochbeeten ergrünen lassen. Genauso wie im Projekt „himmelbeet“ im Berliner Wedding nennt sich das Projekt in Stuttgart „Stadtacker Wagenhallen“. Und fern der Stadt auf dem Land stehen „Mitfahrerbänke“ an Ausfahrtstraßen.

Der Hintergrund: In Großstädten wie München, Berlin oder Köln lebt inzwischen jeder Zweite allein in seiner Wohnung. Bundesweit beträgt der Anteil der Einpersonenhaushalte in Deutschland 38 Prozent. Anonymität und Einsamkeit nehmen zu. Kein Wunder also, dass Meinungsforscher und Experten seit Jahrzehnten ermitteln, welche Bedeutung Nachbarn haben. Da kommt dieser Ratgeber zur rechten Zeit.

Er bietet vor allem auch denen In-spiration, die nicht über digitale Medien Kontakte knüpfen möchten, sondern ganz praktisch im eigenen Umfeld aktiv werden wollen. Denn: Bei vielen großstädtischen Initiativen, Portalen oder Internetplattformen sind wenig internetaffine Menschen per se ausgeschlossen. Gleichwohl liegt eine Stärke des Buches in den unerschöpflichen Querverweisen, auch online, zu anderen Projekten.

Sicher, nicht alles ist neu wie zum Beispiel Kleidertauschpartys, Stammtische oder Spieleabende. Aber der Band erleichtert mit seinen praxisorientierten Tipps und ausführlichen To-Do-Listen in jedem Fall die Kontaktaufnahmen und die Organisation. Verklärt oder gar romantisiert wird zuweilen das „Prinzip Dorf“. Wenn das Autorenteam schreibt, dass „vor allem auf dem Dorf all die vertrauensbasierten Rituale funktionieren“, verkennen sie, dass auch auf dem Land die Individualisierung von Lebensverläufen schon lange Realität ist.

Interviews über die zukünftige Bedeutung von Nachbarschaften mit Experten wie Thomas Klie vom Zentrum für zivilgesellschaftliche Entwicklung, mit Johanna Mair von der Hertie School of Governance in Berlin und mit Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland (www.diakonie-kennenlernen.de) unterstreichen die Notwendigkeit, aktiv zu werden und mehr in den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu investieren.

Bleibt zu hoffen, dass Autoren wie „nebenan.de Stiftung“ allein das Gemeinwohl im Blick haben und nicht den Datenpool verkaufen werden, Denn die Investoren von www.nebenan.de hoffen auf Wachstum mit gezielt abgestimmter Werbung. Das Buch hingegen liefert viele anschauliche Beispiele, wie die Nachbarschaft neu entdeckt, gelebt werden und zu einem lebenswerten Quartier gestaltet werden kann.


 

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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