Antisemitismus als Tierschutz getarnt

Die Debatte ums Schächten ist in Polen auch von Hetze gegen Juden geprägt
Foto: Gabriele Lesser

Polen ist ein bedeutender Produzent koscheren Fleisches, Israel deckt einen großen Teil seines Bedarfes mit Importen aus unserem Nachbarland. Doch der Umgang mit den jüdischen Speisegesetzen ist dort alles andere als entspannt. Noch vor wenigen Jahren entzündete sich eine politische Debatte, die auch von antisemitischen Stereotypen geprägt war. Gabriele Lesser, Korrespondentin in Warschau, beschreibt die Hintergründe.

Ich war früher nicht religiös“, erzählt der Israeli Maimon Ben Ezra in seinem Bistro BeKeF in Polens Hauptstadt Warschau. „Aber seit ein paar Jahren bedeutet mir der jüdische Glaube sehr viel. Aus diesem Grund koche ich für meine Kunden koscher und esse auch selbst nach den biblischen Speisegesetzen, dem Kaschrut.“ Mit der Hand deutet der gelernte Koch auf ein paar Gäste, die an den Zweier-Tischchen draußen im Grünen sitzen: „Das sind fast alles Polen, Katholiken zumeist. Sie mögen die israelische Küche, meine Falafel, meinen Humus, meine Rindersteaks. Aber die meisten von ihnen werden wohl nur einen blassen Schimmer davon haben, was tatsächlich koschere Küche bedeutet.“ Israelische Touristen und tief gläubige Juden der Warschauer Gemeinde verirrten sich nur selten ins BeKeF, so Ben Ezra achselzuckend. „Touristen kommen zwar zu Tausenden nach Polen, doch die meisten wissen nicht, dass es hier sogar koscheres Frischfleisch gibt. Und Warschauer Juden, die sich an die Regeln des Kaschrut halten, gibt es nur noch ganz wenige, vielleicht sechzig oder siebzig. Ich habe hier aber täglich rund dreihundert Gäste.“

Vor dem Zweiten Weltkrieg war das noch ganz anders. Da war jeder dritte Warschauer ein Jude. In ganz Polen lebten rund 3,5 Millionen meist orthodoxe Juden. Es gehörte zum Alltag, dass koschere und nichtkoschere Produkte getrennt voneinander auf Märkten, Basaren und in Geschäften angeboten wurde. Auch Fleisch- und Wurstwaren gehörten dazu. Hunderte von Schlachthöfen versorgten Millionen polnische Juden mit koscherem Frischfleisch, das nach Jahrhunderte alten biblischen Gesetzen und unter Aufsicht von speziell ausgebildeten Rabbinern hergestellt wurde. Das Besondere an der Schechita, wie das Schächten auf Hebräisch genannt wird, besteht in einem schnellen und präzisen Hals-Schnitt, mit dem die Luft- und Speiseröhre, die Arterien und Venen sowie die parallel laufenden Nervenbahnen eines Rindes oder Schafs durchtrennt werden, so dass das Tier bewusstlos wird und beim Ausbluten stirbt. Erst unter dem Eindruck der Nazi-Gesetzgebung 1933 im benachbarten Deutschen Reich und der sich rasch verbreitenden antisemitischen Propaganda vom angeblich „grausamen Juden“ schränkte das polnische Parlament 1936 die „rituelle Schlachtung“ teilweise ein.

Unter Aufsicht von Rabbinern

Kurz nach dem Einmarsch der Wehrmacht 1939 in Polen verboten die deutschen Besatzer das Schächten in Polen vollständig und hetzten – wie schon zuvor im Deutschen Reich – gegen die angeblich „blutrünstigen Juden“. Dies traf auf einen vorbereiteten Grund, assoziierten doch viele Katholiken in Polen die „rituelle Schlachtung“ mit dem „Ritualmord an christlichen Kindern“, einer Legende aus dem Mittelalter, der zufolge Juden zum Mazzebacken ganz besonders gern das Blut von Christenkindern verwendeten. Dabei ist religiösen Juden nicht nur der Verzehr von Blut streng verboten, gerade auch das Mazzen-Brot darf nur aus Mehl, Wasser und einer Prise Salz bestehen. Verboten ist religiösen Juden übrigens auch die Jagd auf frei lebende Tiere.

Im Souterrain seines Bistros zeigt Maimon Ben Ezra zwei Gefriertruhen: „Ich kaufe zwar regelmäßig Frischfleisch ein, habe aber immer zweihundert Kilo tiefgefrorenes Rinder- und Geflügelfleisch in Vorrat.“ Er deutet auf das Verpackungsetikett eines Hühnchens: „Hier ist das hebräische Koscher- und Qualitätssiegel“, sagt er. „Und da die Unterschrift – ein Rabbiner aus Straßburg.“ Aus der anderen Truhe holt er ein tiefgefrorenes Roastbeef: „Das Rind wurde unter Aufsicht eines Rabbiners aus Israel geschächtet.“

Juden, Christen und Muslime teilen den Wunsch, ein Tier für den eigenen Verzehr möglichst schnell und schmerzfrei zu töten. Man will unnötiges Leiden vermeiden. Doch während inzwischen allgemein anerkannt ist, dass es den Nazis weder beim Gesetz über das Schlachten von Tieren vom April 1933, noch beim Reichstierschutzgesetz vom November 1933 oder dem Schächtverbot im besetzten Polen 1939 um das Wohl der Tiere ging, behaupten viele Christen bis heute, dass die damals gesetzlich eingeführte Betäubung von Schlachttieren ein „Meilenstein des Tierschutzes“ gewesen sei. Das Problem: der Schmerz wurde einfach nur vorverlagert. Statt mit einer Narkosespritze ins Land der Träume versetzt zu werden, brechen viele Schlachttiere ohnmächtig vor Schmerz zusammen, etwa wenn sie von kräftigen Männern zusammengeknüppelt werden oder ihnen ein Bolzen ins Gehirn getrieben wird. Nicht viel besser ist das Begasen mit Kohlendioxid. Es löst bei den Tieren panische Erstickungs- und Todesangst aus. Elektroschocks wiederum lassen etliche Tiere wieder aufwachen, wenn sie bereits kopfüber in der Schlachtstraße hängen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass es bei rund 30 Prozent aller so durchgeführten Akkord-Schlachtungen zu Fehlbetäubungen kommt.

Auch wenn in Polen die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg sehr präsent ist, haben viele die massive antisemitische Nazi-Propaganda verdrängt: In polnisch-sprachigen Wochenschauen und in wiederkehrenden Zwangsvorführungen in Schulen wurden Juden damals wieder und wieder als typhuskrank, unsauber und verabscheuungswürdig gezeigt. Es sei besser, sich von ihnen wie auch den „Seuchensperrgebieten“, wie die Ghettos offiziell hießen, fernzuhalten. So rollten von 1941 bis 1944 Viehwaggons mit Juden in die Gaskammer-Vernichtungslager im deutsch besetzten Polen. Zugleich wurde den „arischen“ Tierfreunden im Deutschen Reich, aber auch den Polen im Generalgouvernement das selbstgerechte Gefühl einer moralischen Überlegenheit über Juden vermittelt, die angeblich Tiere „grausam“, „primitiv“ und „blutrünstig“ schächteten.

Nach dem Krieg war Polen ein verwüstetes Land: die Deutschen hatten 95 Prozent aller polnischen Juden ausgerottet, acht bis zehn Prozent der ethnischen Polen ermordet und als Erbe einen von der Nazipropaganda durchdrungenen Antisemitismus hinterlassen. Tausende Shoah-Überlebende, die nach dem Krieg aus der Sowjetunion und Westeuropa in ihre polnische Heimat zurückkehrten, fielen dort Nachkriegspogromen zum Opfer. Panikartig verließen nach dem Pogrom von Kielce 1946 rund 200 000 Juden das Land. Zwar hatte die kommunistische Volksrepublik Polen Israel direkt nach seiner Gründung im Jahr 1948 anerkannt, doch brach sie wie alle Ostblockstaaten die diplomatischen Beziehungen nach Ausbruch des Sechs-Tages-Krieges 1967 wieder ab. Als es im Land wegen steigender Fleischpreise und allgemeiner Misswirtschaft zu rumoren begann, fand die kommunistische Partei Polens schnell einen Sündenbock: Schuld waren „die Zionisten“. Nach einer im März 1968 staatlich
initiierten Hetzkampagne verließen erneut 15 000 bis 30 000 polnische Juden das Land. Beim Grenzübergang wurde ihnen die polnische Staatsbürgerschaft aberkannt. Die meisten der nun staatenlosen Juden ließen sich in den usa, Schweden und Israel nieder. Die Erinnerungen der rund 200 000 Shoah-Überlebendenden wie auch der im März 1968 Vertriebenen an Polen waren meist negativ, was die 1990 wiederaufgenommenen diplomatischen Beziehungen zwischen Polen und Israel bis heute belastet.

Die Schechita ist dabei immer ein Streitpunkt. Denn Israel, das kaum saftige Weiden hat, importiert einen großen Teil seines koscheren Fleisches aus Polen. Nachdem 2013 herauskam, dass Polens damaliger Landwirtschaftsminister das eigentlich im Tierschutzgesetz verbotene Schlachten ohne vorherige Betäubung erlaubt hatte, brach erneut eine antisemitische Hetzkampagne gegen Polens Juden. Nur war es dieses Mal nicht der Staat, der „die Zionisten“ außer Landes vertreiben wollte. Dieses Mal waren es bislang hoch angesehene Politiker, Intellektuelle und Gesellschaftsaktivisten, die plötzlich „die Juden“ als niederträchtige, grausame und blutrünstige Tierquäler verleumdeten und sie dazu aufforderten, endlich von ihrer „rituellen Schlachtung“ abzulassen. Polens Juden – insgesamt sind es noch 10 000 bis 15 000 – wehrten sich nach Kräften. Dabei ging es nicht um die paar Kilo Fleisch für die kleine Gruppe orthodoxer Juden, die sich an die Kaschrut-Regeln halten. Koscheres Fleisch hätte man notfalls aus dem benachbarten Litauen, Ungarn oder Rumänien importieren können. Es ging um die Religionsfreiheit, die laut polnischer Verfassung allen Staatsbürgern zusteht, nicht nur christlichen Polen.

Hämische Bemerkungen

Am Ende musste das Verfassungsgericht entscheiden und dies gleich zwei Mal hintereinander: Zunächst urteilten die Verfassungsrichter, dass es nicht in der Macht eines Landwirtschaftsministers stehe, mit einer schlichten Verordnung ein Gesetz außer Kraft zu setzen. Damit war das Schächten ab sofort und ausnahmslos für Muslime und Juden in Polen verboten. Polens Exportmarkt für teures Fleisch der obersten Qualitätsklasse brach in sich zusammen. Bauern, die ihre Tiere nach den Halal- und Koscher-Vorschriften hielten, also auf Mastbetrieb, Massentierhaltung und den Einsatz von Hormon- und Antibiotika-Präparaten weitgehend verzichteten, mussten die Tiere entweder weit unter Wert verkaufen oder sie ins Ausland transportieren, um sie dort schächten zu lassen. Polens Juden hingegen mussten sich hämische Bemerkungen anhören: als „Gäste“ in Polen hätten sie sich den christlichen Gepflogenheiten der Mehrheitsbevölkerung unterzuordnen. Wenn ihnen das nicht passe, könnten sie ja gehen. Auch diejenigen Juden, die sich gar nicht koscher ernährten, waren tief getroffen. Sie fragten sich, ob es nun nicht an der Zeit sei, die Koffer zu packen und als „letzte Juden Polens“ das Land für immer zu verlassen. An die einst 3,5 Millionen Juden in Polen würden dann nur noch die jüdischen Friedhöfe und die Gedenkstätten der nazideutschen Vernichtungslager erinnern.

Doch so schnell gaben sie sich nicht geschlagen. Monate später riefen die Verbände der jüdischen und muslimischen Gemeinden Polens ihrerseits das Verfassungsgericht an. Das Tierschutzgesetz verletze ihr Menschenrecht auf Religionsfreiheit. Ende 2014 gaben die Verfassungsrichter ihnen Recht und forderten die polnischen Parlamentarier auf, das Tierschutzgesetz entsprechend nachzubessern. Ben Ezra hält das Urteil des Verfassungsgerichts für ideal: „Wer glaubt, ein Tier schlachten zu können, ohne dass es dabei Schmerzen empfindet, der macht sich etwas vor. Dabei ist es jedem freigestellt, sich vegetarisch zu ernähren.“ Das Urteil käme aber allen zugute: „Wir religiösen Juden können uns unserem Glauben gemäß ernähren. Die zumeist katholischen Bauern bekommen für ihre Tiere sehr viel mehr Geld, da sie diese anders halten müssen und ständig kontrolliert werden. Und sogar die Tiere haben ein glücklicheres Leben.“ Er springt auf und deutet auf die BeKeF-Speisekarte über der Theke. „Wie man sieht, sind die meisten israelischen Gerichte fleischlos. Ich biete allein sieben Humus-Variationen an. Mögen Sie eine probieren?“

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Gabriele Lesser

Gabriele Lesser ist Osteuropa-Korrespondentin für verschiedene Zeitungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie lebt in Warschau und Berlin.


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