Schnitzel von der Fensterbank

Weltweit wird an der Produktion von Kunstfleisch gearbeitet
Foto: dpa

Fleisch aus dem Labor ist eine der Visionen für eine klimafreundliche Ernährung in Zeiten der Überbevölkerung. Doch noch liegt es nicht auf dem
Teller. Und auch das Kunstfleisch wirft neue ethische Fragen auf. Der Food-Journalist Jörn Kabisch beschreibt die Lage.

Wie kann man in dreißig Jahren zehn Milliarden Menschen weltweit satt bekommen? Es werden dann fast ein Viertel mehr sein als die knapp acht Milliarden heute, wie Bevölkerungsexperten prognostizieren. Die Vereinten Nationen sagen, bis dahin muss die Lebensmittelproduktion nahezu verdoppelt werden, um das Klima zu schonen, müssen neue Technologien entwickelt werden, neue Nahrungsressourcen gefunden werden, und wahrscheinlich müssen wir auch unsere Essgewohnheiten ändern. Es ist eine Revolution, die sich da anbahnt.

Das gab es schon einmal: Vor etwa fünfzig Jahren, Ende der Sechzigerjahre, war die Antwort auf viele Hungersnöte in Entwicklungsländern die sogenannte grüne Revolution – die Ausweitung der industriellen Landwirtschaft mit Hochleistungssaatgut und chemischen Düngern über fast die gesamte Erdkugel. Wie wir heute wissen mit enormen ökologischen Folgen, auch weil die Viehhaltung sich der Entwicklung anschloss und vom Stall in Fabriken wanderte. Die Fleischproduktion trägt heute in den westlichen Ländern mehr als die Hälfte zum Gesamtwert der Agrarproduktion bei. Sie ist hoch profitabel, aber auch die klimaschädlichste Sparte.

Neue Technologien, neue Ressourcen – die Revolution hat längst begonnen. Start-ups schießen vor allem in den usa aus dem Boden. Chia, Tofu, Insektenburger – was sich als Superfood schon in den Supermarktregalen eingenistet hat, sind die ersten Versuche, unsere Ernährung auf neue, auch enkeltaugliche Füße zu stellen. Vor allem die Jagd nach neuen Proteinen, einem Ersatz für das herkömmliche Fleisch, hat begonnen. Es werden phantastische Ideen entwickelt, die wie Science-Fiction klingen, aber doch Investoren und viel Geld anziehen.

Bioreaktor in Arbeit

Wie wäre es zum Beispiel, wenn Fleisch in der eigenen Küche wachsen würde? Fast so wie das Basilikum auf der Fensterbank? Mit dieser Idee hat vor etwa zweieinhalb Jahren das Start-up „SuperMeat“ aus Israel eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Das Unternehmen sammelte in nicht einmal zwei Monaten einhunderttausend Dollar ein. Sie sollen die Entwicklung eines Bioreaktors finanzieren, der in jede Küchenzeile passt und bei Bedarf künstliches Hühnerfleisch ausspuckt. Einen Bauplan gab es noch nicht, aber das Gerät, so warb das Video, „lasse sich in Supermärkten, Restaurants oder sogar in Privatwohnungen aufstellen.“

Künstliches Fleisch ist die offenbar abgedrehteste, aber für viele auch faszinierendste Idee der neuen Food-Revolution. Siehe SuperMeat. Noch bevor die Vision technisch auch nur annähernd Wirklichkeit ist, finden sich Leute, die schon die zweite Stufe finanzieren: Retortenfleisch, das um die Idee des 3D-Druckens erweitert wird. Das ist etwa so, als hätten Menschen lange vor dem Start der Apollo 11 in die Entwicklung von Mond-Taxis investiert. Aber SuperMeat hat sogar einen großen Geflügelzüchter aus Deutschland als Geldgeber aufgetan.

Es liegt daran, dass die zu Grunde liegende Technologie nicht mehr ganz in den Kinderschuhen steckt. Sie stammt aus der Medizintechnik. Im Labor werden schon seit Jahren Herzklappen, Hautgewebe oder Ohrmuscheln gezüchtet, um sie später im Operationssaal zu verpflanzen. Wenn es gelingt, menschliche Ersatzteile künstlich herzustellen, dann sollte das mit Steaks und Schnitzel doch auch klappen. Die Erzeugung basiert auf Techniken der Zell-Vervielfältigung und Gewebezüchtung. Sie ähnelt der In-vitro-Produktion von embryonalen Stammzellen. Diese Zellen können sich unendlich oft teilen, wodurch immer neue, identische Zellen entstehen. Theoretisch ist ein grenzenloses Wachstum möglich. Durch eine Biopsie werden einem lebenden Tier Muskelstammzellen entnommen. Sie werden in einem Nährmedium kultiviert und zur Vermehrung stimuliert. Billionen von Stammzellen bilden anschließend Muskelzellen, die wiederum zu Fleischfasern zusammenwachsen. So weit ist die Technologie schon. Es ist eine Sache von Wochen. Um einen einzigen Hamburger zu formen, braucht man etwa zwanzigtausend solcher Fasern.

Die Vision hatte schon Winston Churchill. 1931 schrieb der britische Premier in seinem Buch „Gedanken und Abenteuer“: Die Vorstellung, ganze Tiere zu töten, sei lächerlich, wenn doch nur bestimmte Teile auf den Tisch landeten. Die Forschung beginnt dann in den Fünfzigerjahren. Der französische Regisseur Claude Zidi greift das Thema 1976 humoristisch auf. In dem Film „Brust oder Keule“ schleicht sich Louis de Funes als Gourmet in eine Lebensmittelfabrik und findet zu seinem Entsetzen Fließbänder vor, auf denen Hühnerkeulen gestanzt werden. 1997 wird das erste Patent für die Herstellung von In-vitro-Fleisch erteilt. Es geht an den niederländischen Forscher Willem van Eelen. Auch die US-Weltraumbehörde Nasa beschäftigte sich damals mit dem Thema. Eine Option: Filets aus geklontem Goldfischfleisch.

2013 lädt ein Forscherteam um den niederländischen Pharmakologen Mark Post unter viel Pomp kulinarische Experten zu einer Verkostung nach London ein. Über zehn Jahre Arbeit stecken in der Entwicklung der Hightech-Frikadelle. Die Kritik ist wohlwollend, die österreichische Ernährungswissenschaftlerin Hanni Rützler darf als eine der ersten probieren. Ihr Urteil: „Fast wie Fleisch, nicht ganz so saftig“.

Ökologische Versprechen

„Cultured meat“, „Clean meat“ oder auf Deutsch „In-vitro-Fleisch“: Das sind die Schlagworte, mit denen heute junge Biotechnologie-Firmen um Investoren werben. Und alle behaupten, es sei nur noch ein kleiner Schritt, um das Feld der Science Fiction zu verlassen und auf dem realen Teller zu landen. Bald, so die Unternehmen, würden Hühnchen-Nuggets, Fischstäbchen oder Burger-Pattys aus der Petrischale in den Supermärkten liegen.

Nach mehreren Jahrzehnten mit immer neuen Skandalen aus der Massentierhaltung ist die Sehnsucht groß, einen neuen Weg zu finden, um „korrektes“ Fleisch zu produzieren. Fleisch, für das keine eingepferchten Tiere mit viel Leid und mit ihrem Leben bezahlen müssen. Doch das allein deswegen ein großer Teil der Menschheit sich zum Vegetarismus oder gar einem veganen Lebensstil bekehren lässt, glauben nur wenige. Auch wenn die Zahl der Vegetarier in den vergangenen Jahren kontinuierlich angestiegen sei, so schreibt etwa die Schweizer Denkfabrik Sentience Politics in einem Positionspapier, verblasse dieses Wachstum doch im Vergleich zur weltweiten Nachfrage nach Fleisch. „Die meisten Menschen legen großen Wert auf Fleisch aufgrund von Geschmack, Nährwert und Tradition.“

Die In-vitro-Metzger haben den moralischen Vorteil zwar auch im Auge. Sie argumentieren aber vor allem ökologisch. Die Produktion von Kunstfleisch bessere das Klima. Denn der hohe Wasser-, Futter-, Flächen- und Energieverbrauch der Fleischproduktion wird zu einem immer größeren Problem, fast 15 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen entfallen auf die Nutztierproduktion – mehr als auf den kompletten weltweiten Verkehrssektor. Mit Fleisch aus dem Bioreaktor lasse sich der Energieverbrauch um bis zu 45 Prozent zurückdrehen, die Emissionen von Treibhausgasen, der Flächen- und der Wasserverbrauch sinke sogar um mehr als 95 Prozent.

Ernsthaften Überprüfungen haben diese Zahlen bislang jedoch nicht standhalten können. Einer Studie der Universität von Helsinki zufolge könnte der Wasserverbrauch der Bioreaktoren sogar deutlich höher sein als der einer industriellen Geflügel- und Schweinehaltung. Jüngst haben Forscher der Universität Oxford den Energieverbrauch bei der Herstellung im Labor mit konventioneller Rinderhaltung verglichen. Das Labor ist deutlich energieintensiver und führt auch zu mehr Emissionen, auch weil das Fleisch dort bisher nur im Reagenzglas wächst. Eine seriöse Vorhersage, wenn Fleisch im industriellen Maßstab künstlich hergestellt wird, traut sich bisher kein Forscher abzugeben.

Denn die Biotechnologen sehen sich noch immer mit großen Herausforderungen konfrontiert. Eine davon: Fleisch besteht nicht allein aus Muskelfasern. Sehnen, Fett und Collagene kommen dazu und geben dem Lebensmittel Geschmack und eine kräftige Konsistenz, die den Zähnen Widerstand bietet. Es gab Versuche, daher das Kunstfleisch ins Fitnessstudio zu schicken: im Labor mit elektrischen Impulsen traktiert, sollten die künstlichen Muskelfasern stärker werden, damit sie mehr Biss bekommen.

Das größte Problem der Biotechnologen ist aber das Nährmedium, in dem das Fleisch heranwächst. Bislang ist es Kälberserum, das aus den Föten geschlachteter schwangerer Kühe gewonnen wird und voller Wachstumshormone steckt. Aus
tierethischer Sicht ist dies hoch bedenklich, weil wahrscheinlich auch Föten zu diesem Zeitpunkt bereits Leid empfinden. Supermeat gibt allerdings an, bereits auf rein pflanzlichen Nährböden Zellen vermehrt zu haben.

Ein weiteres Problem ist der Preis: Die Entwicklungskosten
eingerechnet kostete der In-Vitro-Burger des Niederländers Mark Post 2013 noch rund 330 000 US-Dollar. Der Professor aus Maastricht hat inzwischen eine eigene Firma gegründet – „Mosa Meat“ – und plant im Jahr 2021 In-vitro-Burger in Europa auf den Markt zu bringen. Derzeit liegt der Preis für ein Burger-Patty von Mosa Meat bei etwa zehn US-Dollar. Konkurrenzfähig ist das noch nicht.

Fleischlabors gibt es bislang in Deutschland keine. Die führenden Forscher und ihre Unternehmen sitzen in den usa (Memphis Meats und Impossible Foods), in Israel (SuperMeat und Aleph Farms) und in den Niederlanden (Mosa Meat und Meatable). Längst wird auch an der Entwicklung von künstlichen Eiern, Fisch und Retortenmilch gearbeitet. Dutzende Millionen von Dollar sind in den vergangenen Jahren in den Bereich geflossen. Unter den Financiers sind Google-Gründer Sergej Brin, Bill Gates oder Richard Branson, aber inzwischen gesellen sich auch große Agrokonzerne zu den Investoren, aus den usa etwa „Cargill and Tyson“. In Deutschland ist es die phw-Gruppe, besser bekannt als Hühnerschlachter „Wiesenhof“. Sie ist inzwischen an SuperMeat beteiligt.

Vorausgesetzt, der Preis stimmt oder das Retortenfleisch ist sogar billiger als konventionell hergestelltes: Würden Verbraucher das Retortenfleisch überhaupt essen? Bisher kann das kaum jemand sagen. Das Karlsruher Institut für Technikfolgenabschätzung etwa hat über zwei Jahre erforscht, was die Bedingungen für Akzeptanz von Kunstfleisch sein können. Eine Mehrheit der Befragten fand es „eine interessante Alternative zur konventionellen Fleischproduktion“, sah es aber nicht als Ersatz. Vor allem unter Experten stießen die Forscher auch auf Skepsis. Verbände wie Greenpeace oder auch Bioland zweifeln daran, dass die Ernährungsprobleme durch In-vitro-Fleisch zu lösen sind. Im Gegenteil könnte das Interesse am Laborfleisch weitere Investitionen in kleinbäuerliche Betriebe, die eine nachhaltige und ökologische Landwirtschaft verfolgen, verhindern. Diese stellen aber aus Sicht von Greenpeace oder auch Slow Food die eigentliche Lösung für das Welternährungsproblem dar. Ein weiterer Kritikpunkt ist auch eine mögliche weitere Entfremdung des Menschen vom Tier. Nur Tierrechtsverbände wie Peta oder der Vegetarierbund ProVeg sehen in Laborfleisch wirklich großes Potenzial. Die ethische und politische Reflexion über eine Zukunft mit In-vitro-Fleisch stecke aber gerade erst in den Anfängen, schlossen die Wissenschaftler 2017 ihre Studie.

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Jörn Kabisch

Jörn Kabisch ist freier Food-Journalist. 2018 erschien sein Buch "Mit Herd und Seele" bei Piper. Gerade beschäftigt er sich mit der Entwicklung der heute stattfindenden Ernährungsrevolution.


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