Wilde Helden

Klassenkampf mit Tieren

Fahim Amir: Schwein und Zeit, Tiere, Poltik, Revolte.
Edition Nautilus, Hamburg 2018,
208 Seiten, Euro 16,–.

Dieses Buch ist eine Kampfansage gegen die heile Welt der Biomärkte, der Fair-Trade-Bürgerlichkeit, des Tierschutzes und des politisch korrekten Konsums. Das alles dargestellt an unserem Umgang mit Tieren und ihrer Vermarktung als Fleisch. Das macht der Wiener Philosoph und Künstler Fahim Amir gleich auf den ersten Seiten klar, der Mitleid mit Tieren und „etwas weniger Fleisch essen und wenn dann Bio“ nur für eine Ausdifferenzierung des kapitalistischen Systems hält: „Nicht um moralische Selbsterhöhung oder marktförmige Imaginationen gesellschaftlicher Reform durch korrekten Konsum geht es hier, sondern um utopische Momente und tierliche Revolten.“ Rums! Dann benennt er den gesellschaftstheoretischen und philosophischen Hintergrund der Analyse. Es ist nicht die Existenzphilosophie, was man ja aufgrund des Titels annehmen könnte, der an Martin Heideggers „Sein und Zeit“ erinnert, sondern ein „leicht verwilderter Kulturmarxismus“.

Wer als bürgerlicher Protestant jetzt das Buch zur Seite legt, verpasst eine inspirierende Irritation der ökosozialen Selbstgerechtigkeit. Zuvor muss er dem Autor bei dem eher wenig überzeugenden Versuch folgen, die Dialektik auf „Hufen und Pfote“ zu stellen, oder anders formuliert, „die Geschichte der Tiere als Teil von Klassengesellschaften aus einer Perspektive der Kämpfe zu denken.“ Kampfzonen sind dann zum Beispiel die Schlachthöfe von Cincinnati am Ende des 19.Jahrhunderts. Denn hier sei das Fließband erfunden worden, als Antwort auf organische Körperlichkeit und tierliche Subjektivität gegen industrielle Mechanisierung. Denn das Schwein, lange Zeit auch das Haustier der proletarischen Schichten, das als Bürgerschreck auch das Bild der Großstädte prägte, will ja nicht die Rampe zum Schaffot hochgehen. Es muss in Handarbeit getötet zerlegt werden und leiste genau dadurch Widerstand gegen den industrialisierten Tötungsprozess. Das Fließband sorge nur für höchstmögliche Effizienz der Handarbeit.

Diese Heroisierung, die bei den Schweinen schon sehr gewollt wirkt, führt dann bei Moskitos in eine ziemlich wilde Melange von Kolonialismus, Imperalismus und Faschismus und deren Kampf gegen Malaria und Denge-Fieber, dem sich die Stechmücke stets widersetzt. Es stimmt ja, dass alle durch den Kapitalismus getriebenen Versuche die Malaria zu besiegen bislang gescheitert sind, ganz gleich ob sie durch Pestizidhersteller, koloniale Streitkräfte oder Stiftungen von reichen Menschen initiiert wurde. Und geht es dabei wirklich um Klassenkämpfe oder nicht doch schlicht um die Erkenntnis, dass die Natur am Ende nie ganz beherrschbar sein wird?

Womit wir beim Naturbegriff wären, den uns Amir knallend um die Ohren haut. Seiner Meinung nach handele es sich bei der Vorstellung einer unberührten Natur „um eine zutiefst bourgoise Idee, die von genau denjenigen Menschen aufgebracht wurde, die es sich leisten konnten, die Natur nicht zu berühren, weil sie nicht in und mit ihr arbeiten mussten.“ Und die sie dann noch in der Romantik mit Erhabenheit und religiösem Empfinden als Ort der Gottesbegegnung und der Reinheit aufgeladen hätten. „Zu lange haben ordnungsverliebte Öko-Polizistinnen aus der Natur einen moralischen Garten gemacht“, ätzt Amir. Sein Gegenmodell: Die Sperlinge und Hausgimpel in Städten, die bis zu fünfzig weggeworfene Zigarettenkippen in ihre Nester einbauen. Das macht sie nicht nur kuscheliger. Forscher fanden heraus, dass dies den Milbenbefall drastisch reduziert habe, denn auch die Tabakpflanze schützt sich durch Nikotin vor Parasiten. Es sind solche Geschichten, die unterhaltsam verstören und Amirs Buch lesenswert machen – auch für diejenigen, denen sein verwilderter Marxismus etwas zu wild ist.

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Stephan Kosch

Stephan Kosch ist Redakteur der "zeitzeichen" und beobachtet intensiv alle Themen des nachhaltigen Wirtschaftens.


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