„Täter schützende Strukturen“

Forschungsverbund stellt Studie zu sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche vor
Bischoefin im Sprengel Hamburg und Luebeck Kirsten Fehrs, Amtierende Ratsvorsitzende der EKD, vorne rechts, bei der Uebergabe der Studie durch Verbundkkoordinator Prof. Dr. Martin Wazlawik von der Universitaet Hannover und weitere Beteiligte waehrend der Pressekonferenez
Foto: epd-Bild
Kirsten Fehrs, Amtierende Ratsvorsitzende der EKD, vorne rechts, bei der Übergabe der Studie durch den Koordinator des Studienverbundes Prof. Dr. Martin Wazlawik von der Universität Hannover und weitere Beteiligte während der Pressekonferenz.

Nur die „Spitze der Spitze“ eines Eisberges konnten die beauftragten Forscher bislang beschreiben. Doch die ForuM-Studie zur sexualisierten Gewalt in der evangelischen Kirche räumt schon jetzt auf mit der Vorstellung, dass das Thema vor allem eines der katholischen Kirche sei. Im Gegenteil: Die Studie benennt inhaltliche und strukturelle evangelische Faktoren, die den Missbrauch förderten.

„Es ist ein rabenschwarzer Tag für die Evangelische Kirche und die Diakonie.“ So formuliert es Detlev Zander, Sprecher der Betroffenenvertretung im Beteiligungsforum der EKD, am gestrigen Donnerstag bei der Vorstellung der ForuM-Studie. Für die Betroffenen sexualisierter Gewalt hingegen sei es ein guter Tag, denn sie warteten seit Jahren auf diese Veröffentlichung. Die Studie war landauf landab mit Spannung erwartet worden. Kirchenleute und Betroffene erhofften sich zum einen spezifische Risikofaktoren in der evangelischen Kirche zu erfahren und zum anderen aktuelle Zahlen zur Häufigkeit des Missbrauchs. 

„Erschüttert, aufgerüttelt bin ich, aber fassungslos nicht. Wer heute angesichts der Ergebnisse von ForuM aus allen Wolken fällt, der muss in den vergangenen  Jahren, ja Jahrzehnten, die Augen vor der Realität von sexualisierter Gewalt in unserer Gesellschaft und eben auch in unserer Kirche und Diakonie verschlossen haben“, sagt die amtierende Ratsvorsitzende Kirsten Fehr, die die Studie in Hannover entgegen nimmt, vorgelegt vom Forschungsverbund "Forschung zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland (ForuM)". 

Schleppende Zuarbeit der Landeskirchen

Neben der Hochschule Hannover sind sieben Institute im Verbund beteiligt: die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, die Bergische Universität Wuppertal, die Fachhochschule Potsdam, das Institut für Praxisforschung und Projektberatung München, das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, die Universität Heidelberg und das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. 

Nun zu den Fallzahlen: Von 1259 Täter und von mindestens 2 225 Betroffene geht die Studie aus, die meisten Betroffenen im Alter unter 14 Jahren. Verbundkoordinator Martin Wazlawik schränkt allerdings ein: „Dies ist eine hochselektive Stichprobe und spiegelt in keiner Weise das wahre Ausmaß von sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche und Diakonie.“ Warum die präsentierten Zahlen das Ausmaß deutlich unterschätzen, macht der Professor für Soziale Arbeit deutlich. 

Mit dem Forschungsverbund vertraglich vereinbart und als Teil der Forschungsstrategie war eine Personalaktenanalyse vorgesehen. Die Reduktion auf Disziplinarakten von Pfarrern sei kein Wunsch der Forschenden gewesen, sondern durch die „schleppende Zuarbeit der Landeskirchen“ notwendig geworden, kritisiert der Mannheimer forensische Psychiater Harald Dreßing, Leiter des Teilprojekts E, das sich mit Zahlen und Aktenforschung befasst. Dreßing hatte auch 2018 die unabhängige Missbrauchsstudie im Auftrag der katholischen Kirche koordiniert. In der so genannten MGH-Studie, in der 38 000 Personalakten von Priestern untersucht wurden, fanden die Wissenschaftler Hinweise auf bundesweit mehr als 3 600 Betroffene und rund 1 670 beschuldigte Kleriker.

Hinter die Zahlen schauen

Im Bereich der vorgelegten ForuM-Studie hat jedoch nur eine Landeskirche neben der Durchsicht der Disziplinarakten auch die der Personalakten geliefert. Und so bleibt die Analyse aller Personalakten für die Wissenschaftler ein Desiderat der Studie. Dabei hatte gerade die evangelische Kirche ihr Augenmerk nicht allein auf die Berufsgruppe der Pfarrpersonen gelegt, sondern auch andere Mitarbeitende der Kirche wie Kirchenmusiker, Heimerzieher oder auch Ehrenamtliche in den Blick genommen. Aufgrund der schlechten Datenlage lassen sich nun jedoch keine seriösen Vergleiche ziehen. Trotz allem ist klar: „Es ist nur die Spitze der Spitze des Eisberges“, konstatiert Martin Wazlawik. 

Das sieht auch Katharina Kracht so, Betroffene und Mitglied im Beirat des Forschungsverbundes. Sie konstatiert: „Zahlen sind zweifellos wichtig. Das Narrativ, in der evangelischen Kirche gebe es weniger sexualisierte Gewalt als in der katholischen Kirche, wird sich nicht mehr halten lassen.“ Trotzdem fordert sie dazu auf, hinter die Zahlen zu schauen, auf die betroffenen Menschen, die ihre Erfahrungen den Forschenden mitgeteilt haben. Denn es sei ein „Qualitätsmerkmal“, dass Betroffene von Anfang an in die Studie mit einbezogen wurden – es sei alles andere als selbstverständlich. In der Tat: Vier der fünf Teilprojekte sind qualitative Studien, mehr als 100 Betroffene haben als Interviewpartner oder Co-Forschende teilgenommen.

Deshalb warnt Kracht: „Wer jetzt sagt, die Studie sei nichts wert, weil es Schwierigkeiten mit der Zulieferung der Landeskirchen gab, tut etwas, das Betroffene schon immer erlebt haben: Er oder sie übergeht unsere Stimmen.“ Und weiter: „Hören Sie auf die Betroffenen, achten Sie auf das, was sie gesagt haben.“

Systemische Faktoren

Dass die evangelische Kirche „Täter schützende Strukturen“ habe, gesteht die amtierende Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs ein. Die Studie liefert dazu systemische Faktoren und spezifisch evangelische Phänomene. 

Strukturelle Schlaglichter benennt Koordinator Martin Wazlawik: So bringe die förderale Struktur unterschiedliche Regelungen zwischen den Landeskirchen hervor. Zum Beispiel bezüglich der Archivierung oder dem Umgang mit Akten. Viele Landeskirchen könnten eine Vernichtung von Akten nicht ausschließen. In fast der Hälfte der Landeskirchen gebe es keine Regelungen, wie Verdachtsfälle aktenkundig werden können. Ferner herrsche eine hohe Intransparenz bei den so genannten Anerkennungsleistungen. Und jede vierte Landeskirche gebe an, dass das Thema immer noch tabuisiert sei. Deutlich wird: Die vielbeschworene Vielfalt hat oftmals nachteilige Folgen für Betroffene. 

Das unterstreicht Detlev Zander, der auch Mitglied im Beirat des Forschungsverbundes ist, während der Vorstellung der Studie. „Der Föderalismus innerhalb der evangelischen Kirche ist als Grundpfeiler für sexualisierte Gewalt verantwortlich. Er verhindert Aufklärung und Aufarbeitung.“

Vergebung oder Ausschluss

Jenseits der Strukturen wiederholen sich Muster. Wie zum Beispiel, dass Aufarbeitung nur durch das Engagement von Betroffenen in Gang kommt. Eine starke reaktive Aufarbeitung wird von den Wissenschaftlern festgehalten. Und: Betroffene würden häufig von Vertretern der evangelischen Kirche mit dem Wunsch konfrontiert, den Tätern zu vergeben. Wenn diese das nicht täten, komme es zu einem sozialen Ausschluss. Bis dahin, dass Menschen aus der Kirchengemeinde wegzögen. „Schuld als prinzipiell nicht auflösbarer Zustand kann offenbar im evangelischen Selbstverständnis nicht ausgehalten werden“, schreiben die Forscher in ihrer Zusammenfassung der Ergebnisse. 

Des Weiteren wird die evangelische Kirche als vermeintlich sicherer Ort benannt, in dem Gewalt unvorstellbar sei. Gegründet auch darin, dass die evangelische Kirche partizipativ, demokratisch und progressiv sei. „Unser Plädoyer ist ein Blick in die Praxis, und es gilt, weniger in der idealisierten Selbsterzählung zu verbleiben“, sagt Verbundkoordinator Martin Wazlawik. 

Der Erzählung der „besseren“ Kirche folgend, sei die Vorstellung von strukturellen Problemen überhaupt schwer zu ertragen. Auch „Harmoniezwang“ als spezifisch evangelisches Merkmal benennen die Forscher und attestieren den Protestanten eine hohe Konfliktunfähigkeit, überhaupt eine mangelnde Konfliktkultur. 

Aufarbeiten, nicht abarbeiten

Welche Empfehlungen folgen daraus? Zum einen muss die Sprachfähigkeit über sexualisierte Gewalt erhöht, höhere Anerkennungszahlungen geleistet und eine transparentere Abwicklung vollzogen werden. Viele betroffene Personen äußern den Wunsch, Kirchenmitarbeitende und Gemeindemitglieder als Mitwissende zur Verantwortung zu ziehen, sowie einen qualifizierten und kompetenten Umgang mit Betroffenen auf allen Ebenen.

Die Forscher fordern in ihren Empfehlungen zudem kirchenunabhängige Ansprechstellen und eine externe Ombudsstelle für Betroffene. Umfassende Aktendokumentation und Statistik seien unabdingbar für eine transparente Aufarbeitung.

Für Kirsten Fehrs ist klar: „Es geht nicht um abarbeiten, es geht um aufarbeiten.“ Und darum, neben all den Handlungsleitfäden und Präventionskonzepten auch eine Haltungs- und Kulturänderung weiter voranzubringen. Denn, so Fehrs, „trotz steigender Präventionsbemühungen machen wir so bestürzend viel falsch“. 

ForuM umfasst über 820 Seiten, hat 3,6 Millionen Euro gekostet. Sie kann nur ein Anfang sein. Nancy Janz, Sprecherin der Betroffenenvertretung im Beteiligungsforum der EKD, fasst in Hannover zusammen: „Es ist die Verantwortung von Kirche und Diakonie, in die Umsetzung zu gehen.“

 

 

 

 

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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