Überschritt zur Ewigkeit

Warum Musik und Tränen zusammenhängen
Foto: Jens Schulze

„Dunkelkammer des Passionswissens“ hat Ulrich Khuon, zurzeit Intendant des Schauspielhauses Zürich, einmal das genannt, was das Theater aufbewahrt. Im Theater werde glaubhaft erzählt von denen, die Leiden und Leidenschaften durchlebt haben. Mutter Courage oder Richard III., Don Carlos oder Clavigo. Große Erzählungen von Sehnsucht und Neid, von Verhängnis und Mord, von Liebe und Tod. Von Beginn an gab es eine enge Verbindung zwischen dem antiken Theater und den Göttern. Theater hat seinen Ursprung im Kult, genauso wie die Religion. Und was zur Darstellung gelangt, ist nicht nur das Drama menschlichen Lebens, sondern sein Ringen mit den Göttern und dem Schicksal.

Es gibt mehrere Medien in der menschlichen Kultur, die dieses Passionswissen wachhalten und in ihren Ursprüngen weit in die Geschichte zurückreichen. Die Musik ist für mich eine der eindrücklichsten kulturellen Ausdrucksformen, die sich dem Passionswissen zuwendet. „Ach Herr, lass dein lieb Engelein am letzten End die Seele mein in Abrahams Schoß tragen.“ Wie bewegend ist dieser Schlusschoral in Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion. Wie tröstlich die Lieder über „Sterben und Ewiges Leben“ im Evangelischen Gesangbuch, die der Trauer Ausdruck und Trost zugleich geben. Oder die Trauermusik, die Paul Hindemith in London am Tag nach dem Tod von König Georg V. komponierte und zwei Tage später in einem Gedächtniskonzert der BBC uraufführte.

Aber Passion meint nicht nur Schmerz und Weh, es meint die Erregung in Freud oder Leid, in Jubel oder Schmerz. Es meint Reggae und Requiem, Boogie und Blues, Wacken und Woodstock. Aus Rhythmus und Tönen, Lautstärke und Melodie, Tempo, Klangfarbe und Widerhall entsteht Musik. Sie bleibt eine Wahrnehmungsillusion und legt Zugänge zu inneren Räumen frei. Warum kommen immer wieder beim Hören einer bestimmten Arie, des Refrains eines Popsongs, eines Choralsatzes die Tränen? Es sind Überschreitungen in eine andere Welt. Manchmal bis zur Trance und zur Ekstase. Keine Sprache erfasst die Überwältigung.

So eröffnen Melodien, Harmonien und Liedtexte auch geistliche Räume. Emil Cioran, der rumänisch-französische Philosoph, zitiert Nietzsches fast zärtlichen Satz: „Ich kann keinen Unterschied machen zwischen der Musik und den Tränen.“ (Von Tränen und Heiligen, 1937). Und er fügt hinzu: „Alle wahre Musik entspringt dem Weinen, weil sie aus der Sehnsucht nach dem Paradies hervorgeht.“ Im Blick auf die Musik in unseren Gottesdiensten ist dieses das größte Lob für die Verkündigung unserer Kantorinnen, Organisten, Musikpädagogen und Liturgikerinnen – sie begleiten uns Vertriebene auf den sehnsuchtsvollen Wegen zu paradiesischen Orten und schärfen unseren geistlichen Musik­instinkt. Diese Sehnsucht umfasst Trauer und Leid, aber ebenso jubelnde Freude, Vorfreude, Aufschrei des Glücks und meditative Stille. Das Unsagbare gehört der Musik. Sie schafft Räume, in denen die Fülle des Lebens überschritten wird. Der Name, den wir dieser letzten Fülle geben, ist Gott.

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Foto: Jens Schulze

Ralf Meister

Ralf Meister ist Landesbischof in Hannover, Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und Herausgeber von zeitzeichen.


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