GOTT: ‹queer›?

Ist GOTT ‹queer›? Wie ist GOTT ‹queer›? Wie ‹queer› ist GOTT? - Variationen über einen (hoffentlich nachhaltigen) theologischen Aufreger
Schlussgottesdienst des 38. Evangelischen Kirchentages auf dem Hauptmarkt in Nürnberg am 11. Juni 2023 mit dem Prediger Pastor Quinton Ceasar.
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Schlussgottesdienst des 38. Evangelischen Kirchentages auf dem Hauptmarkt in Nürnberg am 11. Juni 2023 mit dem Prediger Pastor Quinton Ceasar.

«Gott ist queer.» Seit gut zwei Wochen hält dieser kurze Satz der Nürnberger Abschlusspredigt viele in der protestantischen Community in Atem. Die Theologin Ruth Heß vom EKD-Studienzentrum für Genderfragen entknotet die verschiedenen Bedeutungsweisen von ‹queer› und vermutet, dass Gott der Begriff gefallen könnte.

«Gott ist queer.» Die drei Worte, sie fielen während der Abschlusspredigt des 38. Deutschen Evangelischen Kirchentages auf dem Nürnberger Hauptmarkt. Unter großem Jubel aus der Gottesdienstgemeinde vor Ort rief der Prediger Quinton Ceasar: «Jetzt ist die Zeit zu sagen: Gott ist queer.»

Dass ausgerechnet diese eine Aussage einer insgesamt neunminütigen Performance, die zweifellos reichlich Anlass zu auch kontroverser theologischer Auseinandersetzung bietet, die Gemüter derart erhitzt, hat verschiedene Gründe. Zunächst zeigt sich darin einmal mehr, was die EKD-Verbundstudie ‹Politische Kultur und Kirchenmitgliedschaft› im vergangenen Jahr mit nackten Zahlen untermauert hat – dass nämlich Geschlechterfragen in der Kirche nach wie vor ein besonderes brisantes Reizthema sind. Kommt hinzu, dass wir derzeit – lokal wie global – eine massive Zuspitzung des Kulturkampfes um Geschlechterpolitik erleben, zu der religiöse Akteur*innen maßgeblich beitragen. Schließlich mag es sich bei dem Ganzen auch um eine ‹Debatte mit Kalkül› handeln, wie Leonie Mihm auf evangelisch.de vermutet hat. Der Ärger um den einen Satz lenkt die Aufmerksamkeit von den konkreten Baustellen ab, die Ceasar kirchlich wie gesellschaftlich anmahnt, und macht es sich im Symbolpolitischen bequem.

«Gott ist queer.» Dass auf diesen Satz ein exorbitanter Shitstorm folgen würde, war mehr als erwartbar. Wer wie ich viel in den einschlägigen Onlineforen unterwegs ist, die sich ‹Anti-Gender› verschrieben haben, weiß: Man kann sich strategisch auf derlei vorbereiten – mental wie kommunikativ. Zumal die Abläufe ja hoch ritualisiert und die Anwürfe weder überraschend noch sonderlich sophisticated sind. Ich bin froh, dass die Verantwortlichen beim DEKT relativ schnell und vor allem unmissverständlich klargestellt haben: Eine kritische Auseinandersetzung über die Predigt ist jederzeit willkommen, aber: «Hass ist keine Meinung».

Wie die vor und die nach ihm wird auch dieser Shitstorm vorbeiziehen. Wie sie wird er aber Spuren hinterlassen, aus denen wir lernen könnten – nicht nur kommunikativ, sondern auch theologisch. Deshalb lohnt sich ein grundsätzlicher Blick auf die Grammatik der drei Worte «Gott ist queer» und auf die der empörten Abwehrreaktionen.    

 „Der Begriff schillert“

Was bedeutet das englische Wort ‹queer›? Und welche Relevanz hat es theologisch? Ein Blick in die Generationen der verschiedenen Oxford English Dictionaries und in Einführungen zur Queer-Theorie zeigt: Der Begriff schillert. Denn er hat eine höchst bewegte Entwicklungsgeschichte hinter sich. Mindestens vier Verwendungsweisen lassen sich unterscheiden:

1. ‹Queer› als ambivalente bis negative Beschreibung für beliebige Sachverhalte: Ursprünglich leitet der Begriff sich wohl vom deutschen Wort ‹quer› ab. Wer wie ich im Hessischen aufgewachsen ist, kennt vielleicht den Ausspruch: ‹Du bist aber heut‘ querch!› Auf dieser Linie meint/e das Adjektiv ‹queer› zunächst: seltsam, merkwürdig, komisch, schräg, jedenfalls nicht ‹normal›, sondern irgendwie ‹verkehrt›; umgangssprachlich auch: von fragwürdigem Charakter, zweifelhaft, verdächtig; ferner: unwohl, schwummerig oder gar betrunken. Ein ‹queer fish› ist ein schräger Vogel. ‹To queer someone’s pitch› bedeutet, jemandem einen Strich durch die Rechnung machen, die Suppe versalzen, die Tour vermasseln. ‹To be in queer street› meint, in der Bredouille, in (finanziellen) Schwierigkeiten, in ‹Schwulitäten› sein.

2. ‹Queer› als Schmähwort für Homosexuelle: Auf dieser pejorativen Linie wurde der Begriff seit dem frühen 20. Jahrhundert auch abfällig auf homosexuelle Menschen, speziell auf schwule Männer, angewendet. Dem entspricht im Deutschen etwa der Jargon ‹andersrum›, ‹verkehrt herum› oder ‹vom anderen Ufer›.

3. ‹Queer› als positive Selbstbezeichnung für verschiedene sexuelle Orientierungen und geschlechtliche Identitäten: In den 1990er-Jahren begannen die als ‹queer› Beschimpften den Begriff affirmativ aufzugreifen und sich selbst ‹queer› zu nennen. Im Hintergrund dieser subversiven Umwertung stand die HIV/AIDS-Krise. Die verheerende Untätigkeit der Politik angesichts des Massensterbens und der Hass, der den Erkrankten und mit ihnen der ganzen Community entgegenschlug, machten es notwendig, neue Allianzen zu bilden, um sich gegenseitig praktisch zu unterstützen und politisch an einem Strang zu ziehen. Ein ikonisches Manifest der New Yorker Aktionsgruppe ‹Queer Nation› von 1990 stellt die Frage: «Warum ‹queer›?» Die nüchterne Antwort lautet: «Uns ‹queer› zu nennen, erinnert uns daran, wie der Rest der Welt uns sieht.» Und weiter: «Wir schließen die Reihen und vergessen (vorübergehend) die Unterschiede zwischen uns, weil wir mit einem viel heimtückischeren gemeinsamen Feind konfrontiert sind.» Seither dient ‹queer› als Kurzformel für lesbische, schwule, bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche sowie alle Menschen, die jenseits heteronormativer Muster leben (LGBTIQ+). Letzteres kann übrigens auch für heterosexuelle Menschen gelten.  

4. ‹Queer› als Identitätskritik: Ebenfalls mit den 1990er-Jahren erfuhr der Begriff im Kontext poststrukturalistischen Denkens schließlich eine theoretische Wendung. In dieser Bedeutung drückt er einen kritischen Abstand zu allen Festlegungen von Identität aus und steht für eine reflektierte Haltung, verfestigte (und damit einschränkende) Identitäten aller Art infrage zu stellen, zu überschreiten und zu verflüssigen. Ziel ist ein ethisch qualifiziertes Mehr an lebbarem Leben. Auf dieser Linie lässt sich ‹queer› mit der australischen Kulturwissenschaftlerin Nikki Sullivan eher als ein Tun denn als ein Sein verstehen.

„Maschinenraum frommer Empörung“

Was heißt diese Bandbreite an Lesarten für das Reden von Gott? ‹Ist› Gott ‹queer›? Was soll das heißen? Kann man das so sagen? Die Antwort hängt davon ab, welche der vier Verwendungsweisen des Begriffs man im Sinn hat. Und mit welcher Art von Theologie man sie verknüpft. Dazu zunächst einige Beobachtungen aus dem Maschinenraum der frommen Empörung:

In der öffentlichen Debatte über Ceasars Satz dominiert die dritte Bedeutungsebene, die freilich die erste und zweite implizit mit sich führt: ‹queer› als Kurzformel für LGBTIQ+.  Nur so lässt sich der immer wieder geäußerte Vorwurf verstehen, die Aussage schränke Gott unzulässig ein, lege Gott fest. Offenbar wird ‹queer› hier verstanden als ein bestimmtes geschlechtliches, gar sexuelles Sein, das Gott in den Augen der Kritiker*innen – natürlich! – nicht ist. Mit «Gott ist queer» hätte der Prediger dann im Klartext gemeint: Gott ist … (wie?) ein schwuler Mann, eine lesbische Frau, ein bisexueller, ein inter- und ein transgeschlechtlicher Mensch. Etwas weniger plakativ vielleicht auch: Gott ist (wie?) alles … außer cis-heterosexuell (was manche dann als Diskriminierung ihrer Person anprangern). Jedenfalls ginge es um eine direkte Projektion menschlicher Existenzweisen auf Gott.

Schon mit der langen Reihe an Attributen deutet sich freilich an, dass mit dieser Lesart etwas nicht ganz stimmen kann. Wenn Gott alles auf einmal ‹sein› soll, was im Kürzel LGBTIQ+ steckt, dann sprengt allein das unsere menschlichen Raster von Identität ja völlig auf. Das massive Unbehagen an einer geschlechtlichen Identifizierung Gottes ist gleichwohl interessant. Denn es wirft einmal mehr die Frage auf, ob die Alternativen, namentlich die Identifizierung Gottes als ‹männlich› (‹Vater›, ‹Herr›, ‹Ehemann› etc.), Gott demnach auch unzulässig einschränken und festlegen. Und falls nicht, wo genau der Unterschied zu «Gott ist queer» liegen soll.

Jene wiederum, die dem Prediger Blasphemie bescheinigen, aktivieren stillschweigend die zweite in der dritten Bedeutungsebene: ‹queer› als Schmähwort. Wer sexuelle und geschlechtliche Vielfalt negativ sieht, wird den vorausgesetzten Sinn – Gott ist … (wie?) LGBTIQ+ – nicht nur als Festlegung und Einschränkung, sondern als Beleidigung Gottes empfinden müssen. Hier entsteht die Empörung vollends im Auge der Betrachtenden. Im Kern beruhen beide Interpretationen selbst auf einer Festlegung und Einschränkung, nämlich des Begriffs ‹queer›. Der aber kann, wie oben gezeigt, neben Identitätspolitik noch mehr und anderes.

Unter der Verwirrung um das Adjektiv ‹queer› lauert ein zweites, letztlich gravierenderes Missverständnis. Es betrifft das Verb ‹ist› in seiner Verbindung mit dem Subjekt Gott. «Gott ist queer» – das verstehen viele Kommentare offenbar buchstäblich, im Sinne einer ‹eigentlichen›, geradezu dinglichen Gottesrede. Das lässt theologisch einigermaßen ratlos zurück. Liegt hier eine Projektion vor? Meinen die Empörten etwa, dass das, was sie über Gott denken, wie sie von Gott sprechen, Gott derart ‹objektiv› dingfest macht? Anders lässt sich kaum erklären, dass sie einen solchen Anspruch, um nicht zu sagen: eklatanten Fehlschluss unbesehen auch dem Prediger und der Predigt unterstellen.

Ein Zirkel?

Kurzum: Die Aufregung um die Kirchentagspredigt lebt in weiten Teilen von einem Zirkel: Man meint, genau Bescheid zu wissen, was Quinton Ceasar meinte. Tatsächlich setzt man aber eigene Lesarten voraus, überträgt sie auf seinen Satz und regt sich dann haltlos oder süffisant über das Ergebnis auf. Am Ende empören die Empörten sich womöglich mehr über ihre eigenen blinden Flecken als über «Gott ist queer».

Es mag sein, dass der identitätspolitische Drive der Predigt die einseitige Lesart mit befördert (was selbstverständlich keinesfalls bedeutet, dass der Prediger für den Hass, der ihn trifft, selbst verantwortlich wäre!). Hier liegt einer der Knackpunkte, über die ich mit Quinton Ceasar gern diskutieren würde. Wo der Eindruck entsteht, es ginge um die Alternative: ‹Gott IST cis-männlich-hetero› versus ‹Gott IST LGBTIQ+›, dann kann das den Finger, durchaus produktiv, in so manche konservative Wunde legen. Wo es aber bei dieser Alternative bleibt, manövrieren wir uns ohne Not in eine Sackgasse. Denn im Wettstreit um den bissfesteren Fundamentalismus kann die theologisch progressive Seite niemals gewinnen.

Aber zurück zur Debatte: Deren blinde Flecken aufzudecken, kann im argumentativen Nahkampf auf Social Media oder in Real Life dazu beitragen, die Empörung etwas abzukühlen. Die erste Frage an das aufgebrachte (manchmal auch verunsicherte) Gegenüber müsste dann lauten: Was verstehst Du unter ‹queer›? – um von da aus den Horizont der Debatte klug und ohne Falsch zu öffnen und zu erweitern. Das ist mühsam, aber nicht aussichtlos. In einer besseren aller Welten könnte es der Einstieg in ein Gespräch darüber sein, in welchem Geist wir auf das Leben der anderen blicken, wie Repräsentation und Nicht-Repräsentation sich anfühlen, wie Theologie der liebenden Freiheit Gottes und Gottes freier Liebe Rechnung tragen kann.

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk wenige Tage nach der Predigt hat Quinton Ceasar auf die Frage, wie er selbst den Satz «Gott ist queer» versteht, geantwortet: «Gott ist viel größer, als wir uns jeweils vorstellen können. […] Da kann man sich gut an Gott halten, dass Gott die[..] Zweigeschlechtlichkeit selbst sprengt und selbst übersteigt.»

„Unser Sollen und unser Nicht-Können“

Das katapultiert uns mitten hinein in die vierte Bedeutungsebene: ‹Queer› als Identitätskritik. In dieser Lesart erinnert «Gott ist queer» daran, dass Gott sich Festlegungen aller Art immer schon entzieht – den geschlechtlichen, aber auch den meisten anderen. Und es schärft ein, dass unser Reden von Gott dieser unverfügbaren Andersheit Raum geben soll. Das ist nicht empörend, sondern eine theologische Selbstverständlichkeit. Karl Barth, der gemeinhin nicht als besonders ‹woke› gilt, hat das 1922 so formuliert: «Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen beides, unser Sollen und unser Nicht-Können, wissen und eben damit Gott die Ehre geben.»

Das schillernde Adjektiv ‹queer› macht hier also ganz von selbst jedem allzu vollmundigen ‹ist› mit Blick auf Gott einen Strich durch die Rechnung. So verstanden lässt sich Ceasars Satz gut verbinden mit einer dialektischen Gottesrede, die sich am Bilderverbot orientiert und der Spur des Namens Gottes folgt. Es stimmt ja: Wir entkommen dem Gehäuse unserer Sprache nicht. Die Bibel selbst erzählt von Gott in einer Hülle und Fülle an Bildern. Gerade so sorgt sie dafür, dass diese nicht erstarren, sondern sich gegenseitig verflüssigen, überschreiten, hier und da sogar infrage stellen: ‹Nicht wirst du dir ein Bild machen› (Exodus 20,4). Und gerade so ehrt sie den Namen Gottes, in dem Gott sich zugleich zeigt und verhüllt: ‹Ich bin, wer ich bin.› ‹Ich werde sein, wer ich sein werde.› ‹Ich bin da› (Exodus 3,14).

Vielleicht lässt sich unter diesem kritischen Vorzeichen vor der Klammer auch die erste Bedeutungsebene theologisch wiederaneignen: ‹Queer› als seltsam, merkwürdig, irgendwie anders. Offenbart Gott sich – mit Verlaub – als ein ‹schräger Vogel› (Matthäus 3,16)? Wer in die Welten von Schrift und Tradition eintaucht, könnte auf diese Idee kommen. Denn dort versalzt Gott der Weisheit dieser Welt und ihren Ordnungsschemata zum Teil ganz schön krass die Suppe, nicht nur, aber auch im Geschlechtlichen. Dass das Wörtchen ‹queer› zugleich die Leidens- und die Befreiungsgeschichte sexueller und geschlechtlicher Minderheiten aufbewahrt (zweite und dritte Lesart), passt zu Gottes eigener Geschichte jedenfalls nicht schlecht. «Wer es fassen kann, fasse es» (Matthäus 19,12):

Gott ist drei und eins.

Gott ruft sich ein Gegenüber ins Leben, das ziemlich schnell in Schwierigkeiten ist, für moralische Urteile gar nicht vorgesehen. Gott mag das Kleine und gibt mit Vorliebe dem Unpassenden und Unpässlichen den Vorzug. Gott eignet sich Ambiguitätstoleranz an (vergleiche Deuteronomiumn 23,2 mit Jesaja 56,3-4).

„Christianity is a Queer Thing“

Gott handelt «wider die Natur» (Römer 11,24; vergleiche Römer 1,26).

Gott wird Mensch.

Gott vermasselt gemeinsam mit Maria der väterlichen Linie gewaltig die Tour. «Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern …» (Lukas 14,26). «So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein» (Matthäus 20,16).

Christus stirbt für andere.

Christus ist auferstanden!

Gott macht dem Tod ein für alle Mal einen Strich durch die Rechnung.

Christi Leib gibt sich ungeschlechtlich als Brot und Wein. Christi Leib besteht vielgeschlechtlich aus uns allen. «Männlich und weiblich schuf Gott sie» (Genesis 1,27). In Christus «ist nicht männlich und weiblich» (Galater 3,28). «Ihr Lieben, jetzt schon sind wir Kinder Gottes – und es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden» (1. Johannes 3,2). Am Ende aber schenkt Gott «jedem Samenkorn seinen eigenen Leib» (1. Korinther 15,38).

Die britische Theologin Elizabeth Stuart hat diese transgressive Wucht in Schrift und Tradition auf die Formel gebracht: «Christianity is a Queer Thing». Was das heißen kann (oder auch nicht), das buchstabiert die bei uns noch wenig bekannte Queer Theology seit 25 Jahren aus. Eine Fundgrube denk- und merk-würdiger Perspektiven – von befreiungstheologisch bis radikal-orthodox.

Gott – und Gottes Bilder

«Gott ist queer.» Niemand muss diesen Satz in das persönliche Glaubensrepertoire aufnehmen. Niemand muss zögern, es zu tun. Natürlich (!) darf man ihn auch kritisieren – nur eben möglichst zielsicher und ohne ausfällig zu werden. Dass die Formulierung hochgradig erklärungsbedürftig ist, zeigt die Debatte. Ob sie am besten in einer Denkform aufgehoben ist, die selbst streng dualisiert, wage ich zu bezweifeln. Hier liegt mein theologisches Unbehagen an der Predigt. Andererseits provoziert sie gerade so die Fragen, die anscheinend jede Zeit neu reflektieren muss: Was für ein Sprechakt ist Predigten überhaupt? Was bedeutet es, dass wir nur metaphorisch von Gott reden können? Warum brennen so viel Sicherungen durch, sobald es um Geschlechtlichkeit geht?  

Wenn die Abschlusspredigt des 38. Deutschen Evangelischen Kirchentages in Nürnberg uns, für manche unsanft, auf das Geheimnis und das Eigenartige Gottes gestoßen hat, dann haben wir Quinton Ceasar zu danken. Das Geheimnis und das Eigenartige Gottes aber schützt das Geheimnis und das Eigenartige jener Bilder, die Gott selbst geschaffen hat, uns. Auch uns kann ein kritischer Abstand zu Festlegungen aller Art, uns selbst und anderen gegenüber, nur guttun. Weil unsere Identität in Gottes Händen liegt – und das ist auch sehr gut so. Dass der Prediger und alle, für die er eintritt, mit Hass überschwemmt werden, ist durch nichts zu rechtfertigen, am wenigsten im Namen Gottes. Es ist ein Angriff auf Gottes Ebenbilder und auf den Leib Christi, der wir alle gemeinsam sind. Wer unbedingt von Blasphemie sprechen möchte, hätte hier allen Grund.

 

Zum Weiterlesen:

Mike Laufenberg: Queere Theorien zur Einführung, Hamburg 2022.

Andreas Krebs: Gott queer gedacht, Würzburg 2023.

Magdalene L. Frettlöh: Gott Gewicht geben. Bausteine einer geschlechtergerechten Gotteslehre, Neukirchen-Vluyn 2006.

Ruth Heß: «... darin ist nicht männlich und weiblich». Eine heilsgeschichtliche Reise mit dem Geschlechtskörper, in: Jürgen Ebach u.a. (Hg.): «Dies ist mein Leib». Leibliches, Leibeigenes und Leibhaftiges bei Gott und den Menschen (Jabboq 6), Gütersloh 2006, 144–185.

Studienzentrum der EKD für Genderfragen: In a nutshell 1: Diverse Identitäten, Hannover 2020.

Studienzentrum der EKD für Genderfragen: In a nutshell 3: Anti-Gender Antifeminismus, Hannover 2022.

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Ruth Heß

Ruth Heß ist Theologische Studienleitung am Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie in Hannover.


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