Mit Söder an der Fleischtheke

Was man von den Tweets des bayerischen Ministerpräsidenten lernen kann
Foto: privat

Als Social-Media-Influencer ist Markus Söder wahnsinnig effektiv. Der bayerische Ministerpräsident versetzt im Wochentakt die digitale Gesellschaft mit seinen Tweets und Sharepics in Wallung. Emphatische Zustimmung und Entsetzen halten sich unter den Reaktionen ziemlich die Waage. Auch diejenigen, die Söders Botschaften herzhaft kritisieren, nehmen natürlich an deren Verbreitung teil. Der gewiefte Populist Söder hat das nicht nur antizipiert, sondern erfreut sich sichtlich an der Aufregung. https://twitter.com/Markus_Soeder/status/1651513709997457409

Der Tweet von Söder
 

Am Fleischtweet Söders lässt sich eine Menge studieren, zunächst einmal, was Söder alles richtig macht – und wo seine Botschaft ganz auf der Linie eines zeitgemäßen Konservatismus liegt. Fleischkonsum und -herstellung framed er als hehren Brauch und Handwerk, als regionale Sitte, als liebgewonnene und erhaltenswerte Tradition. Regionalismus, Bodenständigkeit, Heimatverbundenheit, Naturliebe – all das will Söders Kommunikation evozieren, bestärken, politisch nutzbar machen. Wer wöllte schon etwas gegen die treu schaffende Fleischer:in am Ort sagen, bei der man noch richtig gute Bratwurst kaufen kann? Wer etwas gegen die glücklichen Schweinchen im Stall am Dorfrand oder die sanft muhenden Kühe und ihre Kälber auf der satten bayerischen Blumenwiese? Eben.

Kulturkampf über der Suppenschüssel

Allein, das wissen wir ja doch: So sieht Fleischproduktion für den Massenmarkt nicht nur in Bayern nicht aus, sondern in ganz Deutschland und Europa. Mit realitätsnahen Darstellungen aber belästigt Söder seine Zuschauer:innenschaft im Netz bewusst nicht. Das große Anliegen Wirtschaftsförderung wird bei ihm kleinteilig in Heimatstubengröße vermittelt. Das ist geschickte, aber eben auch irreführende politische Kommunikation.

Keine politische Partei in Deutschland fordert übrigens ein Verbot von Fleisch und Wurst und was bei uns allen auf den Teller kommt, das schreibt uns im Rahmen geltender Tier- und Verbraucherschutzgesetze auch kein grüner Landwirtschaftsminister vor. Indem Söder fluffig derartige Unterstellungen einfließen lässt, befördert er den Kulturkampf über der Suppenschüssel.

An diesem Kulturkampf wird im Netz und an den Stammtischen freudig erregt teilgenommen, derweil sich die Gesamtgesellschaft mehrheitlich friedlich vom überbordenden Fleischkonsum verabschiedet. Der Fleischkonsum ist eine Generationenfrage und die Zeit nicht im Jahr 2000 stehen geblieben. Die Generation der Kriegs- und Nachkriegskinder, für die Fleisch soziale und wirtschaftliche Sicherheit symbolisiert, ist nun 80+. Für die nachfolgenden Alterskohorten ist nicht das Fleisch auf dem Teller, sondern sind das Auto oder das Eigenheim die entscheidenden Statussymbole der Wohlstandsgesellschaft, was nicht zuletzt unsere elendigen Debatten um ein Tempolimit, das Ende des Verbrenners auf unseren Straßen und zuletzt um Gas- und Ölheizungen zeigen.

Im vergangenen Jahr wurde in Deutschland so wenig – aber immer noch viel – Fleisch gegessen wie zuletzt vor 30 Jahren. Da kann Markus Söder twittern wie er will, die Deutschen greifen immer seltener zu an der Fleischtheke. Um über vier Kilogramm auf insgesamt 52 Kilogramm Fleisch ist der Pro-Kopf-Verzehr von Fleischerzeugnissen im Vergleich zum Vorjahr gesunken, berichtet das ZDF mit Material der KNA. Noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen 1989 wurde ein niedrigerer Wert ermittelt: „Im Zehn-Jahres-Vergleich sank der Pro-Kopf-Verzehr demnach sogar um knapp neun Kilogramm.“

Fleisch als Luxusgut

Ungeachtet von Krawall und Remmidemmi in den Medien verzichtet sich die Bevölkerung also in die richtige Richtung. Das hat vielfältige Gründe, unter denen die massiven Preissteigerungen im letzten Jahr besonders hervorragen. Fleisch ist für viele Menschen schon jetzt ein Luxusgut, selbst wenn es im Discounter und nicht an der regionalen Wursttheke gekauft wird. Umso billiger desto schmieriger das Geschäft, gilt zwar auch weiterhin. Aber vor allem sieht man: Konsument:innensteuerung durch Preisgestaltung wirkt.

Vor allem sollte der in vielen, abertausenden Fällen aus Überzeugung oder doch Einsicht erfolgende Ausstieg aus dem Fleischverzehr doch Anlass genug sein, Werte wie Genügsamkeit und Mäßigkeit wieder stärker in die Umwelt- und Klimadiskurse einzuspeisen. Seit Jahr und Tag sind sich Aktivist:innen und Forschende einig darin, dass man den Deutschen ja nicht mit Verzicht kommen dürfe. Das würde die Akzeptanz des Klimaschutzes nur beschädigen, fabulierte erst in dieser Woche der CDU-Bundesvorsitzende Friedrich Merz.

Wirklich? Ist das so? Vielleicht sollte man sich bei der Verzichts-Kommunikation, die ja für einen Wechsel ins Grüne Zeitalter und den damit verbundenen Ausstieg aus der Wachstumswirtschaft, dringend notwendig ist, ein wenig von Markus Söder inspirieren lassen: Genügsamkeit und Maßhalten sind nämlich zunächst einmal Tugenden, die generationenübergreifend in unserer strukturkonservativen Gesellschaft wertgeschätzt werden. Und übrigens ganz erdverbunden christlich verkündigt werden können.

Es gibt ja auch immer noch ein gut christliches, ressourcenschonend lebendes und wenig Auftrieb um die eigene Anspruchslosigkeit machendes Milieu. Halt Leute, die beim Gedanken an Tempolimits, keinen Herzkasper kriegen und laut „Nein!“ sagen müssen. Denn beim Klimaschutz geht es zuerst nicht um das (Nicht-)Erreichen von Klimaschutzzielen und Klimaneutralitätsdaten, sondern um den Schutz der saftigen Blumenwiese mit den Kühen und Kälbern drauf. Die hat nämlich schon jetzt zu wenig Wasser.

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