Heul leiser, Dieter!

Ich gehöre wohl jetzt selbst zu ihnen. Aber das Gejammer alter weißer Männer nervt
Foto: Privat

Nichts gegen alte weiße Männer. Einige meiner besten Freunde sind alte weiße Männer. Ich selbst im Grunde ja auch ein alter weißer Mann: Jenseits der 50 ist man ja schließlich nicht mehr der Jüngste. Aber das Gejammer, welches manche meiner Alters- und Geschlechtsgenossen derzeit in höchsten Tönen anstimmen, es nervt kolossal. Es hat unseren Ruf ruiniert und ist schuld daran, dass die Bezeichnung „alter weißer Mann“ inzwischen zu einem Schimpfwort geworden ist. Mit diesen Leuten möchte ich nichts zu tun haben. Darum kann ich mich selbst auch nicht mit dieser Bezeichnung identifizieren.

Das war mal anders. Früher waren alte weiße Männer mal Respektpersonen, die souverän allen Unbill des Lebens einfach an sich abprallen ließen. Aber was ist aus ihnen geworden? Dauerklagende Jammerlappen, dieses Bild geben viele von ihnen inzwischen ab. Denn zu viele fühlen sich schon durch den kleinsten gesellschaftlichen Wandel bedroht, jeder gesellschaftliche Fortschritt ist eine  Zumutung. Sie wähnen sich von „Wokeness“, „Identitätspolitik“, „Cancel Culture“ und anderen Auswüchsen einer angeblich grassierenden politischen Korrektheit umzingelt und schlagen deshalb wild um sich. Ob sie nun Thilo Sarrazin, Peter Hahne, Uwe Tellkamp, Julian Reichelt oder Dieter Nuhr heißen, ihre Paranoia kennt keine Grenzen. Jede Veränderung ist für sie bereits ein Vorbote der Apokalypse und ein Zeichen des kulturellen Niedergangs. Gendersterne und Doppelpunkte werden immer beliebter?

Fixe Idee

Die deutsche Sprache wird mutwillig zerstört! Jugendbuch-Klassiker von einst werden heute kritisch betrachtet, in Neuauflagen wird deshalb auf diskriminierende Begriffe verzichtet? Unser Kulturerbe ist bedroht! Tradierte Gerichte und Süßspeisen tragen keine rassistischen Namen mehr? Ein Angriff auf die Meinungsfreiheit! Es gibt mehr als zwei Geschlechter? Eine gefährliche Ideologie, die unsere Kinder gefährdet! Frauen mit Kopftuch machen Karriere? Die Islamisierung des Abendlands schreitet voran! In Kantinen wird Schweinefleisch immer seltener, weil Veganes auf dem Vormarsch ist? Ein islamistisches Komplott! Firmen und Institutionen bemühen sich um mehr Vielfalt? Wir alten weißen Männer werden verdrängt!

Von da aus ist es nicht mehr weit zu Verschwörungstheorien wie der vom „großen Austausch“ – der fixen Idee von einem perfiden Plan, die angestammten Bewohner*innen westlicher Nationen durch Migrant*innen zu ersetzen, hinter dem wahlweise anonyme „Eliten“ oder vermeintliche „Strippenzieher“ wie George Soros stehen. Rechtspopulisten ziehen nur allzu gerne gegen eine angeblich überbordende „politische Korrektheit“ zu Felde, weil sie wissen, dass sie damit bis in die bürgerliche Mitte hinein viel Resonanz für ihre Parolen finden. Dabei ist „Politische Korrektheit“ auch nur ein Synonym für Respekt, Höflichkeit und Rücksichtnahme – klassische bürgerliche Tugenden, eigentlich. Doch manche meiner Alters- und Geschlechtsgenossen sind schon so tief in ihrer Wahnwelt versunken, dass noch der kleinste Anlass genügt, um sie existenziell zu verunsichern und auf die Barrikaden zu treiben. Irgendeine Kirmes kündigt an, irgendeinen sexistischen Hit nicht zu spielen? Da haben wir ihn ja, den neuen Totalitarismus. Ein Verlag hat ein geplantes „Winnetou“- Buch für Kinder zurückgezogen? Wehret den Anfängen, bald werden wieder Bücher verbrannt!

Karriereförderlicher Shitstorm 

Dieser Wahn wäre lustig, wenn er nicht so traurig verbreitet wäre. Dabei gibt es doch Grund zur Beruhigung. Ganze Berufsgruppen und Sportvereine, und insbesondere die meisten Chefetagen, Aufsichtsräte und andere Zentralen der Macht sind noch immer „Safe Spaces“ für alte weiße Männer. Wer gegen einen angeblichen „Tugendterror“ wütet, der landet immer noch verlässlich Beststeller. Wer stets müde Witze über angeblichen „Wokeness-Wahn“ und „Gender-Gaga“ reißt, der wird verlässlich mit einem festen Sendeplatz im Abendprogramm der ARD belohnt. Und wer wiederholt durch rassistische Bemerkungen auf sich aufmerksam macht, kann sogar in süddeutschen Universitätsstädten als Bürgermeister im Amt bestätigt werden, immer wieder.

Das Schlimmste, was einem als alter weißer Mann in der Regel widerfahren kann, ist, als Gegenrede einen kleinen Shitstorm auf Social Media zu ernten. Doch so etwas hat sich auch schon mehr als einmal als höchst karriereförderlich erwiesen. Nicht wahr, Thilo, Dieter und Boris?

Darum, liebe alte weiße Männer, bitte seid nicht so empfindlich: Ihr habt immer noch wenig Grund zur Klage. Frauen werden in Deutschland und vielen Teilen der Welt bis heute benachteiligt, und einer Minderheit anzugehören ist meistens kein reiner Spaß. Das Suizidrisiko unter Homosexuellen und Trans-Personen liegt über dem Durchschnitt. Die indigenen Völker Nordamerikas und die Sinti und Roma in Europa waren Opfer von Völkermorden. Da ist etwas sprachliche Sensibilität das Mindeste, das man erwarten kann. Also bitte heult etwas leiser! Ihr wirkt sonst wehleidig, überempfindlich und schlicht peinlich.

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Daniel Bax

Daniel Bax ist Pressesprecher des Deutschen Zentrums für Integrationsprozess- und Migrationsforschung (DeZIM) in Berlin


 

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